05.05.2020

Deutschland: Debatte um Bremens Pastor geht weiter

Kirchenvorstand steht hinter Pastor Olaf Latzel

Kirchenmitarbeiter distanzieren sich von dem evangelikalen Pastor

Bremen (idea) – Pastoren und Mitarbeiter der Bremischen Evangelischen Kirche (BEK) wenden sich gegen den evangelikalen Pastor der St.-Martini-Kirchengemeinde in der Hansestadt, Olaf Latzel. Er hatte in einem Eheseminar im vergangenen Jahr in seiner Gemeinde, das auf YouTube veröffentlicht wurde, auch über Homosexuelle gesprochen. Ferner sagte er: „Überall laufen diese Verbrecher rum vom Christopher Street Day.” Später räumte er öffentlich ein, dass das Wort „Verbrecher“ missverständlich gewesen sei, und er entschuldigte sich für die Verwendung. Wörtlich sagte er in der Erklärung, die der Evangelischen Nachrichtenagentur idea vorliegt: „In dem Eheseminar sprach ich an einer Stelle von Verbrechern. Dieses bezog sich nicht auf homosexuell lebende Menschen, sondern auf militante Aggressoren, die uns als Gemeinde in den letzten Jahren immer wieder angegriffen und gotteslästerlich diffamiert haben.“ Latzel wies Vorwürfe als unbegründet zurück, er und seine Gemeinde seien „homophob“. Wie er sagte, gehören auch homosexuell empfindende Glaubensgeschwister zu seiner Gemeinde: „Homosexuelle sind in St. Martini, wie jeder andere Mensch, willkommen.“ Gegenüber idea sagte Latzel am 4. Mai, er erhalte aus seiner Gemeinde und Freunden in ganz Deutschland viel Zustimmung für seine Haltung. Unter anderem wegen seiner kritischen Äußerungen zur Homosexualität hat der Staatsschutz Ermittlungen gegen Latzel aufgenommen. Die Kirchenleitung ordnete ein „Dienstgespräch“ mit ihm an. Das umstrittene Video hat Latzel inzwischen gesperrt.

Mitarbeitervertreter fordern Suspendierung von Latzel

Die „Gesamt-MitarbeiterInnenvertretung“ der BEK bezeichnete in einem Brief an das Leitungsgremium der Kirche, den Kirchenausschuss, die Haltung Latzels als „unerträglich“: „Die Anfeindungen gegenüber Menschen, die einen anderen Lebensstil gewählt haben, als Latzel ihn für sich wählen würde, sind weder als Mitglied dieser Kirche noch als Mitarbeit*er in dieser Kirche akzeptabel.“ Im Namen von sieben Unterzeichnern fordert der Vorsitzende Christian Goede „die unverzügliche Freistellung/Suspendierung Latzels von allen seinen Ämtern zunächst für die Zeit des Verfahrens des Staatsschutzes“. Zudem müssten alle disziplinarrechtlichen Möglichkeiten ausgeschöpft werden: „Ein weiterer Verbleib Latzels im Amt wird irreparablen Schaden an und in dieser Kirche hinterlassen.“

Kritik an „Bibeltreue“

Zuvor hatten sich 70 Mitarbeiter der Kirche in einer Erklärung „Für Demokratie, Respekt und Verständigung“ von Latzel distanziert. Homosexualität gehöre als Grundausstattung zur Menschheit – wie Linkshänder oder Blauäugige. Der Respekt vor anderen ermögliche erst ein friedliches Zusammenleben: „Daher trifft ein solcher Schlag ins Gesicht von Lesben und Schwulen tatsächlich uns alle und unser demokratisches Gemeinwesen insgesamt.“ Kritik üben die Unterzeichner an „fundamentalistischen Hasspredigern“, die sich selbst als bibeltreu bezeichneten. Sie rissen Zitate aus dem Zusammenhang. Schon der Apostel Paulus habe jenen „Buchstabenglauben“ verurteilt: „Der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig“ (2. Korinther 3,6).

CSD stellt Strafantrag

Unterdessen hat die Homosexuellen-Initiative Christopher Street Day (CSD) Strafantrag gegen Latzel gestellt: „Die verbal-aggressiven Übergriffe Latzels sind aus Sicht des Christopher Street Days nicht mal ansatzweise mit dem Anspruch der christlichen Nächstenliebe und Mitmenschlichkeit vereinbar.“ An die Kirche appelliert der Verein, es nicht bei einem angekündigten „Dienstgespräch“ mit Latzel zu belassen: „Fundamentalistische Hasspredigten zerstören ein friedliches Gesellschaftsklima“, schreibt CSD-Vorstand und Pressesprecher Robert Martin Dadanski (Bremen).

 

Kirchenvorstand stützt Latzel

Hinter Latzel hat sich hingegen der Kirchenvorstand von St. Martini gestellt. Die Gemeinde sei in den vergangenen Monaten wiederholt das Ziel von Angriffen gewesen, heißt es in einer Erklärung auf der Internetseite der Gemeinde. Die Kirche sei beschmiert und Gottesdienste seien gestört worden. Besucher seien mit Papierschlangen und Kondomen beworfen worden. Nachdem die Tagespresse darüber berichtet habe, hätten die Attacken sogar noch zugenommen. Erst am 23. April habe Radio Bremen darüber berichtet, dass Latzel wegen „Volksverhetzung“ angezeigt worden sei. Für „bemerkenswert“ hält es der Vorstand, dass die Anzeige sich auf eine Veranstaltung im Oktober 2019 beziehe. Wörtlich heißt es in der Erklärung: „Seitdem sind sechs Monate vergangen. In dieser Zeit hat niemand Anstoß an diesem Eheseminar genommen. Aber gerade jetzt, wo der Pastor selbst und die St.-Martini-Gemeinde sich besonders aggressiven Attacken bis hin zu Morddrohungen ausgesetzt sehen und diese Vorgänge auch endlich in die Öffentlichkeit gelangten, wird ein solcher Vorwurf gegen den Pastor konstruiert und medienwirksam verbreitet.“ Der Kirchenverstand vermutet, dass die Anzeige „lediglich der Ablenkung von den wirklich ausgeübten Straftaten gegen den Pastor und gegen St. Martini dienen soll“. Ausdrücklich hält der Kirchenvorstand fest, dass in der St.-Martini-Gemeinde „kein menschenverachtendes Gedankengut verbreitet“ werde. Predigt und Lehre von Latzel hätten die biblische Wahrheit des ganzen Evangeliums zum Inhalt.

Parzany kritisiert Kritiker

Die Kritik an Latzel wies auch der Leiter des Netzwerks Bibel und Bekenntnis, der Evangelist Ulrich Parzany (Kassel), zurück. Die Kritiker schrieben „Toleranz riesengroß auf ihre Fahnen, erklären aber eine bibeltreue Position zur praktizierten Homosexualität, wie sie Pastor Olaf Latzel mit vielen anderen Christen in den Landeskirchen und Freikirchen vertritt, für ‚unerträglich‘“. Parzany räumte ein, dass Latzel als Freund der klaren und manchmal auch scharfen Worte bekannt sei: „Wem die scharfe Tonart nicht gefällt, muss trotzdem für Klarheit sorgen, wenn er sich zur Autorität der Bibel für Glauben, Leben und Lehre der Christen bekennt.“ Deshalb hofft Parzany, dass nicht nur in Bremen, sondern im ganzen Land „viele zu Pastor Olaf Latzel halten“. Eine am 2. Mai auf der Internetplattform openPetition initiierte Unterschriftenaktion hat derweil bereits 6.284 Unterstützer (Stand: 5. Mai, 16 Uhr). Die Unterzeichner setzen sich „für die freie Glaubens- und Meinungsfreiheit in den evangelischen Kirchen in Deutschland ein.“ Latzel dürfe „daher entschieden nicht suspendiert werden“.