16.04.2020

Sri Lanka: Ein Neuanfang mit Hürden

(idea) Kaum ein anderes Ereignis hat 2019 die Welt so entsetzt wie die Anschläge am Ostersonntag (21. April) in Sri Lanka. Der Pastor der Zionskirche in Batticaloa, Roshan Mahesan (55), verlor 31 seiner insgesamt 1.200 Gemeindemitglieder – davon 14 Kinder. 86 wurden teilweise schwer verletzt. Anlässlich des ersten Jahrestages des Anschlags hat idea-Redakteurin Erika Gitt mit dem Geistlichen gesprochen.

Als die Videoverbindung steht, lächelt Roshan Mahesan fast ein wenig stolz in die Kamera seines Handys. Er steht inmitten der Trümmer seiner Kirche und besteht auf einen Rundgang. Die evangelikale Zionskirche in der östlich gelegenen Hafenstadt Batticaloa ist eine von drei Kirchen, die am 21. April 2019 Ziel von Selbstmordanschlägen wurden. Der sogenannte „Islamische Staat“ reklamierte die Taten für sich.

Pastor Roshan geht durch den Gottesdienstsaal – oder was davon übrig ist: Der Raum ist komplett leer. Die Wände sind noch teilweise gerußt, und Soldaten setzen das Dach instand. Der Pfingstpastor weist auf eine 45 Meter entfernte grüne Mauer: „Siehst du die Löcher dort? Das waren alles Schrapnelle der Bombe.“ In ihrer Todesangst hätten einige Gemeindemitglieder die Flucht über diese Mauer versucht. „Es waren ja keine Fluchtwege da. Jetzt im Zuge des Wiederaufbaus schaffen wir solche Fluchtwege.“

In der Warteschleife

Das war vor vier Monaten. Seit den Wahlen im Dezember hat sich auf der Baustelle nichts mehr getan. Die Regierung hat bislang nur einen Teil der versprochenen Gelder ausgezahlt. Als das aufgebraucht war, zogen die Soldaten wieder ab. Nun wartet der vierfache Vater auf das restliche Geld.

Doch die Gemeinde ist nicht untätig geblieben und hat mit einem Neubau begonnen – sie braucht ohnehin mehr Platz. Die Hälfte steht bereits. Nun fehlt ihnen das Geld: Rund 215.000 Euro werden noch benötigt, um das Gebäude fertigzustellen. Dabei ist es dringend nötig, erklärt Roshan: „Wir besitzen nichts mehr und müssen uns in zu kleinen öffentlichen Gebäuden treffen. Ein Drittel muss draußen stehen. Das macht die Gemeindearbeit nicht einfach.“ Wegen Corona sind die Gottesdienste seit drei Wochen komplett eingestellt – eine weitere Hürde.

34 Kilogramm Tod

Als Pastor Roshan sich den Tag vor einem Jahr noch einmal vor Augen führt, seufzt er schwer, bevor er beginnt: „Jeden Sonntag ab 7.30 Uhr findet bei uns der Kindergottesdienst statt. An jenem Tag haben die Kinder darüber gesprochen, dass sie für Jesus sterben würden.“ Er stockt kurz. „Wer hätte gedacht, dass das so schnell eintreten würde.“ Um 8.45 Uhr war die Sonntagsschule zu Ende. Einige der Kleinen frühstückten im Hof der Kirche. Zeitgleich betrat ein Mann mit Rucksack das Gelände und fragte nach dem Pastor. „Ich war nicht da, sondern auf Predigtreise in Europa“, so Roshan. Das hat ihm wohl das Leben gerettet. Der Attentäter begab sich zur Kirchentür und machte sich an seinem Handy zu schaffen. „Mein Mitarbeiter Ramesh sprach ihn an und schickte ihn auf den Hof.“ Fünf Minuten später näherte sich der Attentäter wieder dem Eingang und zündete die Bombe. „Er riss so viele Mitglieder meiner geistlichen Familie in den Tod. Unter ihnen 14 unschuldige Kinder beim Frühstück.“ Pastor Roshan wird still bei diesem Gedanken. Alle Bomben an diesem Tag seien fast zeitgleich gezündet worden. Die in der Zionskirche war mit 34 Kilogramm die größte.

Kirche in Flammen

„Ich erhielt keine 15 Minuten nach dem Anschlag einen Videoanruf auf meinem Handy. Im Hintergrund sah ich unsere Gemeinde brennen. Ich hörte die Menschen schreien und weinen. Es zerriss mir schier das Herz.“ Zu diesem Zeitpunkt sei man noch von einem explodierten Gastank ausgegangen: „Erst vier Stunden später erfuhren wir, dass dieser Mann sich tatsächlich in die Luft gesprengt hatte.“

Warum seiner Kirche solch ein Anschlag galt? Roshan kann es sich nur damit erklären, dass sich in den Monaten zuvor viele Muslime bekehrt hatten. „Wir bieten Heilungsgebet an. Das nehmen auch Muslime und Hindus gerne wahr.“ Einige seien später weiter aus Interesse immer wieder zu ihren Gottesdiensten gekommen. „Das hat besonders die radikalen Muslime nicht glücklich gemacht. Sie nahmen uns als Gefahr wahr.“ Wenn diese Annahme stimmt, ist der Plan nach hinten losgegangen: Heute kämen regelmäßig bis zu 150 Muslime. Früher seien es rund 20 gewesen.

 

Stark sein, durchhalten

Der Frage, wie er die Ereignisse verarbeitet, versucht er lächelnd auszuweichen: „Ein Leiter muss stark sein, sonst leidet die ganze Herde.“ Dann wird er ernst: „Die ersten Wochen direkt nach dem Anschlag waren hart. Fast rund um die Uhr haben meine Familie und ich uns um die Verletzten in den Krankenhäusern gekümmert und ihre Verwandten getröstet.“ Durch die Explosion wurde auch seine Wohnung zerstört, die sich in unmittelbarer Nähe zum Gebäude befand. Er verlor alles, was er besaß.

Von Gott vorbereitet

Die Attentate hatten sich monatelang auf die Gottesdienstbesuche vieler Kirchen und Freikirchen ausgewirkt, so der Pastor. Viele Menschen seien aus Angst vor weiteren Anschlägen zu Hause geblieben. Seine Mitglieder – obwohl betroffen und teilweise traumatisiert – jedoch nicht. „Einige Wochen vor dem Anschlag machte Gott mir und meinem Mitarbeiter Ramesh deutlich, dass etwas Schlimmes passieren würde.“ So entwickelte Roshan eine Predigtreihe über den Märtyrertod – kein alltägliches Thema. Heute ist er sicher: Gott wollte seine Mitglieder vorbereiten. Natürlich trauere die Gemeinde um die vielen Toten und Verletzten – die letzten seien erst im August 2019 aus dem Krankenhaus entlassen worden. Sie hätten jedoch nie an der Liebe Gottes zu ihnen gezweifelt. Der Mensch frage natürlich nach dem Warum. Das ließe sich in diesem Fall nicht so leicht beantworten. „Christen sind vor schlimmen Taten anderer nicht gefeit. Das hat Gott nie versprochen. Ich glaube aber, dass der Vater im Himmel auch aus einer solchen Situation etwas Gutes entstehen lassen kann.“ Wut und Hass gegenüber Muslimen verspürten sie daher nicht, so der 55-Jährige: „Die Attentäter waren radikalisiert und wussten nicht, was sie da taten.“ Man dürfe die Muslime nicht über einen Kamm scheren: „Bei uns in der Gemeinde sind sie herzlich willkommen.“ Und das scheinen sie auch zu spüren, sonst stiege ihre Zahl nicht.

Rameshs Erbe

Der Verlust seiner „rechten Hand“ – Ramesh Raju (40) – schmerzt Roshan bis heute. Er war es, der den Attentäter nach draußen begleitete und damit viele Menschenleben rettete. Als der Pastor beginnt, über den Mann zu sprechen, werden seine Augen feucht: „Ramesh und seine Frau waren sehr aktiv in der Gemeinde. Ein Verwandter hatte sie um Geld betrogen. Als sie zu uns kamen, waren sie selbstmordgefährdet. Jesus veränderte ihr Leben. Nun wollten sie anderen helfen.“ Kurz vor seinem Tod habe Ramesh seine Frau Chrishanthy (40) noch einmal an das Geld erinnert. Er wollte, falls er den Betrag zurückerhält, das Geld der Gemeinde als Startkapital für den Neubau spenden. Kurz nach dem Attentat zahlte der Verwandte das Geld tatsächlich plötzlich zurück, und die Witwe übergab es Roshan. Auch wenn seine Familie um Ramesh trauert, ist sie wieder aktiv in der Kirche.

Von der Regierung vergessen

Dennoch wünscht sich der Pastor Gerechtigkeit. Bis heute habe es keinen Prozess gegen die mutmaßlichen Täter gegeben. Das schmerzt ihn. Die Opfer habe die Regierung vergessen, so Roshan. Noch immer seien betroffene Gemeindemitglieder in Behandlung. Weil sie teilweise arm sind, zahlt die Zionskirche. Staatliche Hilfe gibt es keine. Roshan lässt sich davon nicht entmutigen: „Wir machen weiter. Gott hatte Gutes mit uns vor.“ Er reist wieder, um die benötigten Spenden zu sammeln. Nun macht ihm Corona einen Strich durch die Rechnung. Auch die geplante Gedenkfeier anlässlich des Jahrestages wird wohl nicht stattfinden können.