05.09.2019

Indonesien: Kritik an Freispruch für islamischen Prediger

Er hatte behauptet, dass in Kreuzen böse Geister leben

Jakarta (idea) – Das katholische Hilfswerk „Kirche in Not“ hat den Freispruch des wohl populärsten islamischen Predigers in Indonesien verurteilt. Er hatte behauptet, dass Kreuze von bösen Geistern bewohnt seien. Der nationale Rat der Islamgelehrten – die höchste islamische Instanz im Land – sprach ihn vom Vorwurf frei, das Christentum beleidigt zu haben. Wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtet, hatte sich der Vorfall in einer Moschee ereignet. Dort sei der Prediger Ustadz Abdul Somad von einer Zuhörerin gefragt worden, warum ihr beim Anblick eines Kreuzes immer ein Schauer über den Rücken laufe. Er begründete dies damit, dass in Kreuzen böse Geister hausten. Das Gespräch kursiert als Video in den Sozialen Medien. Indonesische Christen zeigten Somad daraufhin wegen Blasphemie (Gotteslästerung) an. Radikale Muslime konterten mit einer Gegenklage: Die Unterstellung, Somad könnte Gotteslästerung begangen haben, sei beleidigend. Der Islamgelehrte selbst verteidigte sein Handeln damit, dass er in einer Moschee auf die Frage einer Muslima geantwortet habe. Es seien keine Christen anwesend gewesen. Daher könne er diese mit seiner Aussage auch nicht beleidigt haben. Dies sah auch der Gelehrtenrat so, als sich dieser mit dem Fall beschäftigte, und forderte die Kritiker Somads auf, „Ruhe zu geben“.

„Kirche in Not“: Nichtmuslime werden schon wegen kleinster Vergehen verurteilt

Der Experte für Religionsfreiheit beim katholischen Hilfswerk „Kirche in Not“, Berthold Pelster (München), äußerte sich gegenüber der Evangelischen Nachrichtenagentur idea entsetzt über diesen Freispruch. „Die öffentliche Verbreitung von intoleranten Aussagen über die christliche Religion bis hin zu Verunglimpfungen und Hassreden gegen Christen ist eine mehr als bedenkliche Entwicklung, vor allem wenn sie – wie jetzt geschehen – von höchster islamischer Instanz sogar mehr oder weniger gebilligt wird.“ Obwohl der Blasphemieparagraf für alle anerkannten Religionen gilt, bestehe offensichtlich eine ausgeprägte Schieflage in der Anwendung: „Während Nichtmuslime schon wegen kleinster Vergehen angeklagt und verurteilt werden können, wird bei Muslimen großzügig über zum Beispiel christenfeindliche Aussagen hinweggesehen.“ Eine solche Billigung sei mit den Prinzipien der Religionsfreiheit unvereinbar und widerspreche dem Verständnis von Menschenrechten. Indonesien ist das bevölkerungsreichste islamische Land der Welt und galt lange als tolerant gegenüber religiösen Minderheiten. Seit einigen Jahren zeigt sich jedoch eine zunehmende Radikalisierung. Besonders die Sozialen Medien werden dazu genutzt, Hass gegen religiöse Minderheiten zu verbreiten. Von den rund 260 Millionen Einwohnern sind über 85 Prozent Muslime. Der Anteil der Christen liegt bei zehn Prozent. 

Christliche Trauerfeier vor einer Moschee

Trotz zunehmender Intoleranz gegenüber religiösen Minderheiten wie den Christen fand ein positives Gegenbeispiel in den vergangenen Tagen in den Sozialen Medien in Indonesien Beachtung. In Jakarta hatten am 26. August Muslime erlaubt, eine christliche Trauerfeier vor ihrer Moschee abzuhalten. Einige von ihnen nahmen sogar teil und verschoben ihre wöchentliche Koranstunde, um den Gottesdienst nicht zu stören. Nach Angaben der Zeitung „Jakarta Post“ soll der Weg zum Haus der Familie zu schmal gewesen sein, um den Sarg für die Trauerfeier dorthin zu bringen. So hätten die Angehörigen der Verstorbenen die Verantwortlichen der nahe gelegenen Moschee um Hilfe gebeten. Der in Indonesien bekannte Komiker und Filmemacher Ernest Prakarsa schrieb dazu auf Twitter: „Solche Nachrichten brauchen wir dringend.“