07.11.2019

Schweiz: Gerichtshof: Afghanischen Christen nicht abschieben

Begründung: Den Glauben verheimlichen zu müssen, ist seelisch unerträglich

Straßburg (idea) – Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (Straßburg) hat die geplante Abschiebung eines afghanischen Christen verhindert. Der ehemalige Muslim war vor fünf Jahren in die Schweiz geflohen und hatte dort Asyl beantragt. Nach Ansicht des Gerichtshofs würde die Schweiz mit der Abschiebung des Mannes gegen Menschenrechte verstoßen. Wie die „Neue Zürcher Zeitung“ berichtet, hatte das Bundesverwaltungsgericht in St. Gallen 2016 den Asylantrag des Mannes abgewiesen: Er habe zwar den Glaubensübertritt zum Christentum glaubwürdig darlegen können, sei aber in seinem Heimatland nicht gefährdet. Auch wenn er aufgrund seines neuen Glaubens nicht in seinen ursprünglichen Heimatort zurückkehren könne, sei es doch möglich, in der afghanischen Hauptstadt Kabul zu leben, wo seine Verwandten über den Glaubenswechsel nichts wüssten. Dies sieht der Europäische Gerichtshof anders und kritisiert, man habe in der Schweiz die Situation des Afghanen nicht ausreichend geprüft. Eine Ausweisung würde dazu führen, dass der Christ seinen Glauben heimlich ausleben müsse und der Kontakt zu anderen Mitchristen praktisch unmöglich wäre, da ihm dafür in Afghanistan die Todesstrafe drohe. Das ständige Verheimlichen könne unter Umständen als unerträglicher seelischer Druck bezeichnet werden.

Menschenrechtler: Urteil ist wegweisend

Die christliche Menschenrechtsorganisation ADF International hatte den Fall des Afghanen vor den Gerichtshof gebracht. Ihr Direktor Robert Clarke (Wien) bezeichnete das Urteil als wichtig, da es bestätige, dass Christen ihren Glauben nicht verstecken sollten, um Verfolgung zu entgehen. „Unsere Gesellschaft hat die Verantwortung, diejenigen zu schützen, die aufgrund ihrer religiösen Überzeugungen Folter, Inhaftierung oder Tod ausgesetzt sind.“ Afghanistan gelte als eines der gefährlichsten Länder der Welt für Christen und insbesondere für Konvertiten. ADF International habe in diesem Fall versucht, die schweren Menschenrechtsverletzungen des Landes gegen religiöse Minderheiten und insbesondere die weit verbreitete Verfolgung von Christen aufzuzeigen, so Clarke. Das Urteil kann noch innerhalb der nächsten drei Monate angefochten werden. In Afghanistan sind von den 35 Millionen Einwohnern 99 Prozent Muslime. Alle Mitglieder der restlichen Glaubensgemeinschaften zusammen machen weniger als ein Prozent der Bevölkerung aus.