05.08.2022

Deutschland: Wie Gemeinden religiösen Missbrauch verhindern können

Bericht aus der 126. Allianzkonferenz in Bad Blankenburg - Klinikseelsorgerin: Aussagen der Leiter müssen hinterfragt werden dürfen

Bad Blankenburg (IDEA) – Welche Möglichkeiten gibt es in Gemeinden, um religiösen Machtmissbrauch zu verhindern? Mit diesem Thema hat sich die Klinikseelsorgerin Gudrun Siebert (Hemer) am 4. August in einem Seminar auf der 126. Jahreskonferenz der Deutschen Evangelischen Allianz im thüringischen Bad Blankenburg befasst. Siebert gehört zum Allianz-Arbeitskreis „Religiöser Machtmissbrauch“. Hintergrund: Der Dachverband der theologisch konservativen evangelikalen Bewegung hatte im Herbst 2015 eine Clearingstelle mit sechs ehrenamtlichen Beauftragten ins Leben gerufen. Ziel ist es, Machtmissbrauch und Manipulation in den eigenen Reihen bestmöglich zu verhindern. Die Stelle steht für Opfer von Missbrauch als Ansprechpartner zur Verfügung. Religiöser Machtmissbrauch liege vor, wenn Menschen mit Hilfe von religiösen Argumenten und Mitteln zu etwas genötigt würden, sagte Siebert. Macht missbrauchende Personen rissen beispielsweise Bibelzitate aus dem Zusammenhang, um Menschen zu drängen, etwas zu tun, was ihnen selbst nütze. Eine andere Möglichkeit sei, dass diese Personen sagten, sie wüssten, was der Wille Gottes sei. Wer nicht so handle, wie man selbst es vorschlage, handle somit auch gegen Gott. Damit es nicht zu einem religiösen Machtmissbrauch komme, sollten sowohl Gemeindeleiter als auch -mitglieder sich der Bedeutung des Themas frühzeitig bewusst sein.

Sachliche Kritik muss immer möglich sein

Es müsse in Gemeinden immer möglich sein, die Leiter sachlich zu kritisieren, sagte Siebert. Leitern empfahl sie, sich als Lernende zu sehen. Dazu gehöre auch die Offenheit für Coaching, Mentoring oder Fortbildungen. Nutzten Leiter dies alles nicht, rate sie Gemeindemitgliedern, die Leiter darauf anzusprechen. Ferner könne grundsätzlich eine offene Kommunikation eingefordert werden. Die Gemeindeleitung sollte für Nachfragen zur Verfügung stehen und transparent mitteilen, warum und wie konkrete Entscheidungen getroffen werden. Sinnvoll sei es, wenn Christen angeleitet würden, „mündig zu glauben“. Aussagen der Leiter müssten diskutiert und hinterfragt werden dürfen. Ferner sollten Gemeindemitglieder ihre Leiter achten, sie unterstützen und für sie beten. Wie Siebert sagte, ist das Interesse an den von der Allianz herausgegebenen Schriften zum Thema religiöser Machtmissbrauch groß, aber die telefonische Resonanz bei den sechs Mitarbeitern des Arbeitskreises „eher gering“. Die Broschüre „Leitfaden zum Umgang mit religiösem Machtmissbrauch“ kann kostenlos angefordert oder von der Internetseite der Evangelischen Allianz in Deutschland heruntergeladen werden.

Auslöser für die Gründung war eine ARD-Reportage

Auslöser für die Gründung der Clearingstelle war die 2014 in der ARD ausgestrahlte Reportage „Mission unter falscher Flagge – Radikale Christen in Deutschland“. Darin war mehreren charismatisch-evangelikalen Organisationen religiöser Machtmissbrauch und Mission unter falschen Vorzeichen vorgeworfen worden. Die betroffenen Werke wiesen die Vorwürfe zurück. Die Mitglieder des Arbeitskreises „Religiöser Machtmissbrauch“ sind zur Vertraulichkeit verpflichtet. Betroffene können sich mit ihnen über das Internet www.ead.de/kontakt/arbeitskreis-religioeser-machtmissbrauch zu einem Telefonat verabreden.

Konferenz steht unter dem Motto „Standhaft“

Die diesjährige Allianzkonferenz steht unter dem Motto „Standhaft“ und geht noch bis zum 7. August. Einige Veranstaltungen in der Konferenzhalle können live auf dem YouTube-Kanal der Deutschen Evangelischen Allianz verfolgt werden. Veranstalterangaben zufolge werden inklusive Tagesgäste knapp 1.000 Teilnehmer vor Ort erwartet. Vorsitzender der Evangelischen Allianz in Deutschland ist Pastor Ekkehart Vetter (Mülheim an der Ruhr). Sie hat an rund 1.000 Orten Allianzkreise und veranstaltet unter anderem jährlich die Allianzgebetswoche. Die Allianzkonferenz fand erstmals 1886 statt. Die Evangelische Allianz wurde 1846 in London gegründet.

     

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