21.06.2022

Deutschland: Assistierter Suizid droht zu „Normalfall des Sterbens“ zu werden

Gnadauer Präses Kern äußert sich im Vorfeld der Beratungen im Bundestag

Kassel/Essen/Freiburg (IDEA) – Vor einem wachsenden Druck auf Schwerstkranke und -pflegebedürftige, sich das Leben zu nehmen, hat der Präses des Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverbandes, Pfarrer Steffen Kern (Walddorfhäslach bei Reutlingen), gewarnt. Anlass ist die geplante Neuregelung des assistierten Suizids. Dazu werden am 24. Juni im Deutschen Bundestag drei überfraktionelle Gruppenanträge beraten. Hintergrund: Das Bundesverfassungsgericht hatte im Februar 2020 das 2015 eingeführte Verbot der geschäftsmäßigen Suizidbeihilfe gekippt und zur Begründung erklärt, es gebe ein umfassendes Recht auf selbstbestimmtes Sterben. Damit sei die Freiheit eingeschlossen, die Hilfe Dritter in Anspruch zu nehmen. Wie Kern in einem von der pietistischen Dachorganisationen am 21. Juni in Kassel verbreiteten Beitrag schreibt, sollte bei den Beratungen im Bundestag bedacht werden: „Die Selbstbestimmung droht zum Etikett subtiler Fremdbestimmungen und damit zur Illusion zu werden.“ Der Druck auf Schwerstkranke werde wachsen: vonseiten des Gesundheitssystems, der Pflegekassen, der Gesellschaft im Ganzen, gelegentlich wohl auch vonseiten der Angehörigen.“ Der Einzelne werde hinterfragt: „Warum bist du noch da?“ Der Präses warnt: „Assistierter Suizid droht zu einem Normalfall des Sterbens zu werden, zu einem Regelfall oder einem zumindest regelmäßig vorkommenden Ausnahmefall.“ Eine solche Kultur könne aus christlicher Sicht nicht befördert werden. Vielmehr müsse man dafür eintreten, dass Menschen palliativ bis an ihr Lebensende begleitet werden. Ärzte, Pflegepersonal und begleitende Seelsorger dürften nicht in eine aktive Rolle der Suizidassistenz gedrängt werden. Sie könnten aber sehr wohl ein selbstbestimmtes Sterben begleiten, das dem Sterbenlassen Raum gebe. „Ein würdevolles Sterben gehört zu einem Leben in Würde“, so Kern. Sein Beitrag trägt den Titel „Würde ist kein Konjunktiv“. Nach seinen Worten gründet die menschliche Würde in Gottes Wesen. „Er spricht sie uns ständig neu zu. Und sie bleibt eine große Verheißung über diese Welt hinaus.“ Darum habe ein ungeborenes Kind, ein Mensch mit schwersten körperlichen und geistigen Einschränkungen ebenso eine Würde wie eine schwerstpflegebedürftige Person.

Katholische Kirche gegen Normalisierung der Suizidassistenz

Auch der Vorsitzende der Glaubenskommission der (katholischen) Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Franz-Josef Overbeck (Essen), und der Vorsitzende ihrer Kommission für caritative Fragen, Erzbischof Stephan Burger (Freiburg), äußerten sich im Vorfeld der Beratungen im Bundestag. Die Kirche könne Suizidassistenz vor dem Hintergrund des christlichen Menschenbildes „weiterhin nicht gutheißen“. Ein Gesetz müsse aber „zumindest so weit wie möglich sicherstellen, dass der Suizidwillige den Entschluss freiverantwortlich und in Kenntnis von möglichen Auswegen aus der aktuellen Problem- und Krisensituation getroffen hat“. Einer Normalisierung der Suizidassistenz dürfe keinesfalls Vorschub geleistet werden. Einrichtungen und Dienste des Gesundheits- und Sozialwesens müssten ausdrücklich die Möglichkeit erhalten, keinen assistierten Suizid in ihren Räumlichkeiten zu dulden.

Lesen Sie hier auch einen Kommentar von Steffen Kern zum Thema in IDEA.