12.05.2022

Ukraine: Deutsche protestantische Minderheit vertrieben

In Mariupol wurde das Deutsche Begegnungszentrum zerstört


Kiew/Mariupol (IDEA) – Durch den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine wird die großteils protestantische deutsche Minderheit aus dem Land vertrieben. Darauf hat der Verband Internationale Medienhilfe (IMH) hingewiesen. Er ist ein Zusammenschluss deutschsprachiger Medien im Ausland. Anlass ist die Zerstörung des regionalen Begegnungszentrums der deutschen Minderheit in der umkämpften Hafenstadt Mariupol. Es sei nach mehrmaligem Granatenbeschuss in den vergangenen Tagen schließlich ausgebrannt, berichtete der Verband. Das Zentrum war vor dem Krieg mit Fördergeldern aus Deutschland renoviert worden. Es bot Kulturveranstaltungen und Sprachkurse an. Zahlreiche Ukrainedeutsche seien seit Kriegsbeginn aus der Küstenregion geflohen, viele von ihnen nach Deutschland. Da die meisten von ihnen vermutlich nicht zurückkehren würden, werde die deutschsprachige Minderheit in der Ukraine durch den Krieg praktisch ausgelöscht.

Lange Tradition deutscher Lutheraner und Mennoniten

Bei der letzten Volkszählung in der Ukraine hätten sich rund 30.000 Menschen zu ihren deutschen Wurzeln bekannt, erklärte IMH-Leiter Björn Akstinat. Man könne davon ausgehen, dass mindestens doppelt so viele Bürger deutsche Vorfahren hätten, denn häufig hätten die Menschen noch immer Hemmungen, ihre Abstammung den Behörden offen zu nennen. Der Grund sei, dass Deutschstämmige in kommunistischen Zeiten verfolgt, gefoltert und vertrieben wurden. Akstinat nannte das Verschwinden der deutschen Minderheit tragisch, weil die Deutschen seit Jahrhunderten in der Region siedelten und stark zu ihrer Fortentwicklung beigetragen hätten. Noch vor rund 100 Jahren habe es im Gebiet der heutigen Ukraine weit über eine halbe Million deutschstämmiger Einwohner gegeben, die in mehr als 2.000 deutschen Siedlungen lebten und vor allem evangelisch-lutherischen oder mennonitischen Gemeinden angehörten. Bis vor wenigen Jahren seien in Kiew und auf der Krim deutschsprachige Zeitungen erschienen. Vor dem Krieg seien in mehr als 60 ukrainischen Städten und Dörfern deutsche Begegnungs- und Kulturzentren aktiv gewesen.