14.05.2022

Russland: Verschärfung der staatlichen Zensur

Seit Beginn des Kriegs gegen die Ukraine werden Religionsgemeinschaften schärfer überwacht

AKREF-A/14.05.22 - Der Erzbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Russland, Dietrich Brauer, der Russland inzwischen verlassen hat, erklärte, dass die Regierung zu Anfang des Krieges die religiösen Leiter aufgefordert hat, sich positiv über die Invasion zu äußern. Ein anderer protestantischer Pastor erklärte, dass Beamte des russischen Geheimdienstes FSB Kleriker besucht und gewarnt hätten, in Predigten oder in den sozialen Medien keine kritischen Bemerkungen über die Invasion zu machen. Personen, die aufgrund ihres Glaubens gegen den Krieg protestieren, werden festgenommen, zuletzt am 8. Mai Nikita Rezyukov vor der Kasaner Kathedrale in St. Petersburg. Sein Vergehen: Er hatte ein Plakat mit dem Text von Psalm 34,15 hochgehalten: „Lass ab vom Bösen und tue Gutes; suche Frieden und jage ihm nach“ (Psalm 33,5 nach der Nummerierung in der Russischen Synodalen Übersetzung).

Die Invasion der Ukraine hat zu noch strengerer Zensur und Kontrolle der Religionsgemeinschaften, anderer öffentlicher Organisationen, Medien und Privatpersonen geführt. Dies erfolgt einerseits durch die Strafverfolgung wegen der neu geschaffenen Straftatbestände „Diskreditierung der Streitkräfte“ oder „Verbreitung von Falschinformationen“ über diese und andrerseits durch Druck der Behörden und religiösen Hierarchien, den Krieg nicht zu verurteilen oder nicht über diesen zu sprechen.

Einige religiöse Organisationen haben sich offensichtlich freiwillig positiv über die Invasion geäußert, insbesondere die Russisch-Orthodoxe Kirche (Moskauer Patriarchat). Patriarch Kirill betrachtet Russland, die Ukraine und Belarus als geistigen und kulturellen Raum, dem der liberale und säkulare Westen gegenübersteht. In seiner Predigt am Sonntag, 6. März, behauptete Patriarch Kirill, Russland würde den Donbass vor Druck von außen schützen, sich an liberale Werte zu halten, wie sie insbesondere in Gay Pride Paraden Ausdruck finden und argumentierte, dies wäre ein Konflikt von metaphysischer Bedeutung. Am 3. Mai erklärte Papst Franziskus, dass der Patriarch einen Großteil seiner Videokonferenz am 16. März dazu genutzt hatte, alle Gründe zu verlesen, die die russische Invasion rechtfertigen.

Trotz dieser Unterstützung für den Krieg durch die Hierarchie, sind mehrere Priester des Moskauer Patriarchats von ihren Posten zurückgetreten. Der Priester Nikolay Platonov kritisierte Patriarch Kirill in einem YouTube Video dafür, die Militäraktion in der Ukraine gerechtfertigt und sogar gesegnet zu haben und bezeichnete das Argument des Patriarchen im Zusammenhang mit Gay Pride Paraden als lächerlich. Außerdem kritisierte er, dass seine Diözese Druck auf die Pfarreien ausgeübt hatte, Spenden für die russische Armee in der Ukraine zu sammeln. „Niemand hat die Priester gefragt. Diejenigen, die nicht einverstanden waren, wurden identifiziert. Sie werden alle verunglimpfen. Keiner wird verschont bleiben.“ Bezüglich des Präsidenten meinte Platonov, Putin würde um jeden Preis an der Macht festhalten und tausende und abertausende Menschen auf dem Altar seiner Eitelkeit opfern.

Einige der kritischen Priester haben das Land verlassen, nachdem sie durch ihre Ablehnung des Kriegs in Konflikt mit ihren Diözesen gekommen waren. 

Die Russische Medienkontrollbehörde Roskomnadzor blockiert regelmäßig Websites mit Informationen über den Krieg, darunter eine Reportage über die Zerstörung religiöser Gebäude in der Ukraine und den Aufruf eines protestantischen Pastors aus der Ukraine an seine russischen Kollegen, sie mögen sich gegen die Invasion äußern.

Quelle: Forum 18, Oslo (Bericht vom 13.Mai 2022).

Deutsche Fassung: Arbeitskreis Religionsfreiheit der ÖEA