16.09.2022

Armenien: Christliches Hilfswerk warnt vor Völkermord

CSI verurteilt Angriff aserbaidschanischer Truppen

München/Genf/Brüssel (IDEA) – Das christliche Hilfswerk CSI (Christian Solidarity International) hat den Angriff aserbaidschanischer Truppen auf armenisches Territorium scharf verurteilt. Der Leiter des deutschen Zweiges von CSI, Pfarrer Peter Fuchs (München), warnte in einer Mitteilung vor einem Völkermord an Armeniern. Hintergrund: Am 13. September 2022 hat das aserbaidschanische Militär einen Großangriff auf das Gebiet der Republik Armenien gestartet. Dabei seien Städte und Ortschaften tief im armenischen Staatsgebiet bombardiert worden, erklärte CSI. Nach Angaben der armenischen Regierung kamen über 100 Soldaten und Zivilisten ums Leben. Dieser Angriff stelle „eine weitere Etappe des Völkermordes an den Armeniern dar“, so Fuchs. Er habe im späten 19. Jahrhundert begonnen, als das Osmanische Reich Hunderttausende armenische Christen ermordet habe. Er habe seinen Höhepunkt in den Jahren 1915-1923 erreicht, als das Osmanische Reich die christliche Bevölkerung Anatoliens liquidiert und antiarmenische Massaker im Kaukasus gefördert habe. Von 1988 bis 1994 habe Aserbaidschan weitere ethnische Säuberungen gegen armenische Christen durchgeführt. Die jüngste Stufe sei der Angriff Aserbaidschans auf das armenische Gebiet von Berg-Karabach im Jahr 2020 gewesen. „In dem 44-tägigen Angriffskrieg wurden Tausende von Menschen getötet und Aserbaidschan führte in den eroberten Gebieten wieder ethnische Säuberungen gegen die armenische Bevölkerung durch. Armenische Zivilisten, die hinter den aserbaidschanischen Linien gefangen waren, wurden entführt oder hingerichtet.“ Dabei sei die Unterstützung durch die Türkei – dem Nachfolgestaat des Osmanischen Reiches – für Aserbaidschans Interessen von entscheidender Bedeutung. Mit dem neuerlichen Angriff sei zum ersten Mal seit 1920 auch das Gebiet der Republik Armenien selbst betroffen. Wenn die Kämpfe nun weiter eskalieren sollten, könne das „zur endgültigen Auslöschung der Armenier in ihrer Heimat führen“.

Die internationale Gemeinschaft muss handeln

Die Staatengemeinschaft stehe diesem Konflikt nicht hilflos gegenüber, erklärte Fuchs. Die Vereinigten Staaten, Deutschland, die NATO-Verbündeten und Russland übten erheblichen Einfluss auf die Türkei und Aserbaidschan aus. Aserbaidschan erhalte jedes Jahr über 100 Millionen Dollar Militärhilfe von den USA. Die NATO-Staaten bemühten sich zudem aktiv darum, russische Energieimporte durch solche aus Aserbaidschan zu ersetzen. Zum Hintergrund: Im Juli hatte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (CDU) ein entsprechendes Abkommen über die Verdopplung der Gaslieferungen aus Aserbaidschan geschlossen und aus diesem Anlass den aserbaidschanischen Präsidenten Ilham Alijew in Baku besucht. Die Russische Föderation wiederum verkaufe große Mengen an militärischer Ausrüstung an Aserbaidschan. CSI fordert die Vereinigten Staaten, Deutschland, ihre NATO-Partner und Russland auf, „jegliche Sicherheitszusammenarbeit mit Aserbaidschan auszusetzen und alle notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, bis diese neuerliche Aggression beendet ist“. Auch die Kirchen in Europa und den Vereinigten Staaten seien aufgerufen, „sich für unsere armenischen Brüder und Schwestern einzusetzen, die eine weitere Eskalation der Gewalt erdulden müssen, die darauf abzielt, ihre Existenz als Volk auszulöschen, einzusetzen und ihnen Hilfe zukommen zu lassen“.

Kirchen verurteilen Aggression gegen Armenien

Auch Kirchenvertreter verurteilten den Angriff auf Armenien. Die beiden Generalsekretäre des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) und der Konferenz Europäischer Kirchen (KEK), Prof. Ioan Sauca (Genf) und Jørgen Skov Sørensen (Brüssel), warnten in einem gemeinsamen Brief an die Leitung der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit (OSZE), Aserbaidschan wolle mit den neuerlichen Feindseligkeiten seine Interessen durchsetzen. Dafür nutze es aus, dass sich die internationale Gemeinschaft auf die Krise in der Ukraine konzentriere. Armenien hat rund drei Millionen Einwohner. Über 90 Prozent gehören der Armenisch-Apostolischen Kirche an, der ältesten Nationalkirche der Welt. Seit 301 ist das Christentum in Armenien Staatsreligion. Es ist damit das älteste christliche Land der Welt. Daneben gibt es eine geringe Zahl von Protestanten, Katholiken und Anhängern anderer Religionen. Von den rund 10 Millionen Einwohnern Aserbaidschans sind 97 Prozent Muslime und drei Prozent Christen.