19.09.2022

Armenien: Vorwurf: Aserbaidschans Diktator will Armenien „erobern“

Der freikirchliche Christ Baru Jambazian berichtet von der Situation in Armenien

Jerewan (IDEA) – Aserbaidschanische Truppen haben in der Nacht auf den 13. September die Grenze zu Armenien überschritten und mehrere Gebietsstreifen besetzt. Der in Deutschland aufgewachsene Leiter des armenischen Hilfswerks „Diaconia Charitable Fund“, Baru Jambazian (Jerewan), erläuterte im Gespräch mit der Evangelischen Nachrichtenagentur IDEA die Hintergründe des Konflikts. Das unmittelbare Ziel der muslimischen Azeris bestehe demnach darin, einen Landkorridor zwischen Aserbaidschan und der Enklave Nachitschewan zu besetzen. Dazwischen liegt jedoch das armenische Kernland. „Diese unmöglichen Grenzziehungen stammen noch aus der sowjetischen Ära“, wie Jambazian erläutert. Der Diktator Josef Stalin (1878–1953) habe so im Kaukasus und in Zentralasien dafür sorgen wollen, dass die einzelnen Sowjetrepubliken sich gegenseitig misstrauen – ganz nach dem alten Prinzip „Teile und herrsche“. So habe er verhindern wollen, dass sie sich eines Tages gegen das Regime in Moskau verbünden. Der Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan sei eine Folge dieser Politik. Es gebe jedoch noch andere Ursachen: „Letzten Endes geht es um Geopolitik. Die Türkei und Aserbaidschans Dikator Ilham Alijew streben eine Föderation aller turksprachigen Völker vom Bosporus bis zur chinesischen Provinz Xinjiang an. Armenien stört dabei. Deshalb will Alijew unser Land erobern.“ Der Krieg um die Region Berg-Karabach sei dabei der erste Schritt auf dem Weg zu diesem Ziel gewesen. Zum Hintergrund: Im September 2020 hatten aserbaidschanische Streitkräfte die mehrheitlich von Armeniern bewohnte Region angegriffen. Nachdem Russland im November eine Waffenruhe zwischen beiden Kriegsparteien vermittelt hatte, musste Armenien auf etwa zwei Drittel des Gebiets verzichten. Der nun neu aufgeflammte Konflikt beinhalte eine neue Stufe der Eskalation. „Auch wenn in Berg-Karabach hauptsächlich Armenier lebten, war der Status der Region international umstritten. Doch inzwischen greifen die Azeris sogar das armenische Kernland selbst an.“

Die Großmächte mischen sich ein

Auch andere Großmächte richteten ihr Augenmerk nun auf das kleine Land im Kaukasus, so Jambazian. „Der Iran fürchtet ein Erstarken der Türkei in der Region und unterstützt uns deshalb.“ Auf der anderen Seite seien die Armenier enttäuscht, dass sie von der Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit (OVKS) keine substanzielle Unterstützung erhielten. Das Militärbündnis ehemaliger Sowjetrepubliken, zu dem neben Russland und Kasachstan auch Armenien gehört, habe keinerlei Anstrengungen unternommen, das kleine Land zu verteidigen. „Die russischen Friedenstruppen, die an der armenisch-aserbaidschanischen Grenze stationiert waren, haben sich sogar zurückgezogen, als die Azeris vorrückten.“ Russland sei wegen des Krieges in der Ukraine nicht in der Lage, auf anderen Schauplätzen militärisch einzugreifen. Dieser Krieg stärke die Position Alijews auch auf andere Weise: Da die Europäische Union kein Gas aus Russland mehr beziehen wolle, müsse sie Ersatz für die Importe aus Russland finden. Im Juli hatte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (CDU) deshalb ein entsprechendes Abkommen über die Verdopplung der Gaslieferungen aus Aserbaidschan geschlossen und Alijew aus diesem Anlass in Baku besucht: „Alijew weiß, dass die Europäer im Winter nicht frieren wollen und auf sein Gas angewiesen sind.“ Das habe die Position Aserbaidschans gestärkt, sodass Alijew einen neuerlichen Angriff auf das Nachbarland habe vorbereiten können. Hinzu komme die Unterstützung der Vereinigten Staaten, die in den vergangenen Jahren die militärische Aufrüstung Aserbaidschans mit jährlich umgerechnet über 100 Millionen Euro Militärhilfe unterstützt hätten.

 

„Wir sind auf uns gestellt“

Nahezu allen Armeniern sei inzwischen bewusst, dass es in der internationalen Politik keine Freunde, sondern nur Interessen gebe. „Letztlich sind wir auf uns gestellt.“ Am Abend des 14. September sei zwar eine vorläufige Waffenruhe verkündet worden, aber die Kämpfe könnten jederzeit wieder aufflammen. „Unsere Hoffnung ist, dass die Verluste, die die Azeris bei ihrem Vormarsch erlitten haben, sie von weiteren Offensiven abschrecken.“ Tatsächlich habe die Widerstandskraft der armenischen Wehrpflichtigen selbst ihre eigenen Landsleute überrascht. „Wir hatten nicht damit gerechnet, dass sie es schaffen würden, die Azeris aufzuhalten.“ Jambazian, der selbst einer Freikirche angehört, hält es dringend für notwendig, dass sich das armenische Volk an Gott wendet und Buße tut. „Wir sind die älteste christliche Nation der Welt und die Armenisch-Apostolische Kirche hat dieses Erbe über Jahrhunderte hinweg bewahrt.“ Doch die sowjetische Ära habe zu einer Entfremdung großer Teile des Volkes vom christlichen Glauben geführt. „Grundsätzlich bezeichnen sich zwar alle Armenier als Christen. Sie besuchen ab und zu den Gottesdienst und zünden Kerzen an, aber für viele hat das keine Auswirkungen auf ihr Leben.“ Jambazian ruft Christen in anderen Ländern deshalb zum Gebet für ihre armenischen Brüder und Schwestern auf. „Wir hatten bereits nach dem Fall des Eisernen Vorhangs eine Erweckung, als viele Menschen zu einem lebendigen Glauben gefunden haben. Das brauchen wir wieder, wenn wir in diesem Krieg bestehen wollen.“ Er sei fest überzeugt, dass Gott dem armenischen Volk eine besondere Aufgabe innerhalb seines Heilsplans zugedacht habe – ähnlich wie den Juden. Armenien hat rund drei Millionen Einwohner. Über 90 Prozent gehören der Armenisch-Apostolischen Kirche an, der ältesten Nationalkirche der Welt. Seit 301 ist das Christentum in Armenien Staatsreligion. Neben den armenisch-apostolischen Christen gibt es eine geringe Zahl von Protestanten, Katholiken und Anhängern anderer Religionen. Von den rund zehn Millionen Einwohnern Aserbaidschans sind 97 Prozent Muslime und drei Prozent Christen.