22.09.2022

Deutschland: Was wir von verfolgten Christen lernen können

Die Hilfsaktion Märtyrerkirche (HMK) setzt sich in 50 Ländern für verfolgte Christen ein. Was das Werk antreibt, berichtet HMK-Leiter Manfred Müller im Interview mit Daniela Städter.

IDEA: Es gibt in Deutschland viele Organisationen, die verfolgten Christen helfen: Warum gibt es die Hilfsaktion Märtyrerkirche (HMK)?

Müller: Über die Jahrzehnte hat Gott ganz verschiedene Menschen berufen, um verfolgten Christen zu dienen. Deswegen gibt es geschichtlich bedingt tatsächlich viele Organisationen. Unser Gründer Richard Wurmbrand (1909–2001) war 14 Jahre um seines Glaubens willen im kommunistischen Rumänien im Gefängnis. Die Gefangenen haben damals zueinander gesagt: Wer von uns hier lebend rauskommt, der muss unbedingt die Stimme der verfolgten Gemeinde werden. Die Hilfsaktion Märtyrerkirche ist also das Hilfswerk, das von verfolgten Christen selbst gegründet wurde. Das prägt unsere Arbeit bis heute.

IDEA: Was hat Richard Wurmbrand ausgezeichnet?

Müller: Dass er in dieser schrecklichen Zeit im Gefängnis nicht verrückt geworden ist, ist ein Wunder. Dann kam er frei – und war trotzdem voller Liebe für die Kommunisten! Er hat den Kommunismus klar abgelehnt, aber er hatte ein Herz für die Menschen in den kommunistischen Ländern. Er war zudem ein begnadeter Evangelist. Er hat immer betont, dass er als Leiter eines Hilfswerks nicht das Leid der Christen groß an die Wand malen wolle, um anschließend Spenden zu bekommen. Er wollte stattdessen darüber sprechen, wie im Blick auf Jesus Leid überwunden werden kann. Unser Akzent liegt bis heute nicht so sehr auf Themen wie Religionsfreiheit und Menschenrechte, sondern auf der Glaubenserfahrung in der Verfolgung – verbunden mit der zugespitzten Frage: Was darf uns unser Glaube denn kosten?

IDEA: Hat sich die Arbeit der HMK seit der Gründung im Jahr 1969 verschoben?

Müller: Sie hat sich erweitert. Zum Kommunismus ist der militante Islamismus dazugekommen: Christen sind in allen muslimischen Ländern Bürger zweiter Klasse. Auch in hinduistisch geprägten Staaten wie Indien ist die Situation schwierig. Und in Deutschland haben wir es zunehmend mit einem radikalen Säkularismus zu tun. Wir sind also heute in viel mehr Ländern tätig.

IDEA: Was sind heute die Schwerpunkte der HMK?

Müller: Es gibt zwei. Da ist zuerst die Hilfe für verfolgte Christen. Im letzten Jahr konnten wir durch 170 Projekte in 50 Ländern helfen: Es geht da beispielsweise um medizinische Hilfe, Wiederaufbau von zerstörten Häusern und Kirchen oder Rechtsbeistand bei Anklagen mit vorgetäuschten Vorwürfen. Und dann wollen wir auch von der verfolgten Gemeinde lernen. Paulus schreibt im Philipperbrief, dass viele Christen durch seine Gefangenschaft „Zuversicht gewonnen“ haben (Philipper 1,14). Ein Glaube, der sich in der Bedrängnis bewährt hat, hat etwas Machtvolles. Darüber reden wir: Es wäre ja wunderbar, wenn sich in Deutschland mehr Männer und Frauen ermutigen lassen, ohne Scheu über Gottes Wort zu reden.

IDEA: Was können Christen hier in Westeuropa von verfolgten Christen lernen?

Müller: Die verfolgten Christen leben einen kompromisslosen Glauben. Wir hingegen machen zu viel im Graubereich. Der Teufel will überall das Evangelium zum Schweigen bringen: In manchen Ländern tut er das durch Verfolgung, in Deutschland durch Vereinnahmung. Die großen Kirchen in Deutschland lassen sich zunehmend von Gesellschaft und Politik vereinnahmen und sind so nicht mehr das Salz der Erde und das Licht der Welt. Bei uns gibt es zwar keine Verfolgung, aber der Effekt ist gleich: Das Wort Gottes kommt oft nicht mehr zur Sprache.

 

IDEA: Wie erleben Sie den Umgang mit dem Thema Christenverfolgung in Deutschland?

Müller: Es wird in Kirchen und Medien immer noch zu wenig thematisiert, aber im Vergleich zur Jahrtausendwende hat es sich deutlich verbessert. Das Entscheidende ist aus unserer Sicht aber nicht, dass zuerst Christenverfolgung zum Thema gemacht wird, sondern das Evangelium. Es ist ja nicht so, dass es wegen unseres Engagements irgendwann keine Christenverfolgung mehr geben wird! Ein Blick in die Kirchengeschichte zeigt, dass Verfolgung der Normalzustand ist. Was wir hier in Deutschland seit fast 50 Jahren erleben, ist eine absolute Ausnahme. Daran erinnert uns die verfolgte Gemeinde. Unsere Hoffnung ist, dass ihr Vorbild nicht vergeblich ist – sondern dass wir uns davon inspirieren lassen, selbst mutig zu glauben in unübersichtlicher Zeit.

IDEA: Vielen Dank für das Gespräch!

Anmerkung Redaktion AKREF: Manfred Müller ist Mitarbeiter bei AKREF