22.02.2020

Turkmenistan: „Ein Turkmene kann kein Christ sein“

Der Turkmene Batyr (43) schult Christen in seinem Heimatland auf Umwegen – denn er darf Turkmenistan heute nicht mehr betreten. Einige Male geriet er nicht nur dort wegen seines Glaubens in Lebensgefahr: In seiner Heimat landete er auf dem elektrischen Stuhl, in Afghanistan mussten ihn UN-Soldaten im letzten Moment vor der Hinrichtung retten. idea-Redakteurin Erika Gitt hat ihn getroffen.

Batyr ist in einer Zeit großer Umbrüche aufgewachsen. Die ehemalige Sowjetunion, zu der damals auch Turkmenistan noch gehörte, war atheistisch – so auch er. Nur sein Großvater habe hin und wieder von „Allah“ erzählt, erinnert er sich. In der Schule sei ihnen eingetrichtert worden, dass es keinen Gott gebe. 1991 erlangte Turkmenistan mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion die Unabhängigkeit – und die Turkmenen entdeckten ihre islamischen Wurzeln. Doch Batyrs Sehnsucht nach Liebe, Erfüllung und Veränderung stillte der islamische Glaube nicht.

Nachbarn forderten seinen Tod

1993 begegnete er Rachim – einem Freund seines Vaters, der während seines Studiums in Moskau Christ geworden war. „Er importierte Christus aus Moskau zu uns“, so Batyr. Doch er selbst lehnte die christliche Botschaft anfangs ab. Eines Nachts fühlte er sich jedoch so leer, dass er zu beten begann. Plötzlich habe er Jesus neben sich gespürt. Der Eindruck war so stark, dass Batyr Christ wurde: „Ich gab ihm mein Leben.“ Gleich am nächsten Tag erzählte er das seinen Nachbarn. „Im Dorf forderten sie daraufhin meinen Tod. Ein echter Turkmene muss eben Muslim sein.“ Seine muslimische Familie aber stellte sich schützend vor ihn. Das rettete ihn.

Batyr lebte seinen Glauben trotz Gefahren offen, predigte in den umliegenden Dörfern und gründete dort Hauskreise und Gemeinden. Lange hatten sie – mittlerweile war auch sein Vater Christ geworden – keinen Kontakt zu anderen Christen im Ausland, um von ihnen zu lernen. Erst 1999 begegnete er den ersten ausländischen Christen, die als Touristen das Land bereisten.

„Dieser Mund wird nie wieder das Evangelium predigen“

Im Jahr 2000 wurde Batyr mit drei weiteren Predigern bei einem Autounfall während eines heimlichen Bibeltransports verhaftet: „Ich verbrachte zwei Wochen gefesselt auf dem Fußboden meiner Zelle. Tagsüber befragten die Polizisten mich, nachts folterten sie mich.“ Einmal habe ihm dabei ein Beamter gesagt: „Dieser Mund wird nie wieder das Evangelium predigen“, und ihm seinen Stiefel ins Gesicht gedrückt. Er habe gantwortet: „Ihr könnt mir die Zunge rausschneiden, aber nicht die Liebe zu Christus aus meinem Herzen.“ Schließlich setzten sie ihn auf den elektrischen Stuhl und gaben ihm Elektroschocks. Vor Schmerzen brach er zusammen und sagte Jesus ab: „Das war einer der schlimmsten Momente in meinem Leben.“

Vom Fischer zum Menschenfischer

Batyr überlebte und wurde kurze Zeit später aufgrund internationalen Drucks auf die turkmenische Regierung freigelassen. Nur vier Wochen darauf wurde er gewarnt: Die Behörden wollten ihn im Fernsehen vorführen und dazu zwingen, wieder Muslim zu werden. Batyr floh mit seiner Frau und ihrem drei Monate alten Baby Hals über Kopf durch die Wüste nach Usbekistan. Mit gefälschten Papieren erreichten sie Sankt Petersburg und erhielten Asyl in Norwegen. „Ich stürzte dort in eine tiefe Glaubenskrise. Ich machte mir Vorwürfe, weil ich Jesus verleugnet hatte und geflohen war.“ Aus Scham schloss er mit seinem alten Leben ab und begann als Fischer zu arbeiten. Eines Nachts drohte das Schiff in einem Sturm zu sinken. „In dieser schrecklichen Situation sprach Jesus zu mir: ‚Du kommst wieder heim. Ich habe dich berufen, meine Kinder in Turkmenistan zu stärken!‘“ Batyr gehorchte ermutigt und begann, für seine Landsleute im Radio und im Fernsehen zu predigen. Schließlich reiste er in andere Länder, um Turkmenen weltweit von Jesus zu erzählen, darunter acht Mal nach Afghanistan. Denn dort leben und arbeiten etwa drei Millionen Turkmenen.

 

Ohne Prozess zum Tode verurteilt

Die letzte Reise nach Afghanistan im Jahr 2006 endete für Batyr fast tödlich: „Als wir eines Tages in Mazar-e Scharif zu Abend aßen, stürmten acht Männer unser Haus und entführten alle fünf Anwesenden.“ Die Angreifer fanden im Wagen der Christen evangelistisches Material und beschuldigten sie, unter Muslimen zu missionieren. „Lokale Stammesführer brachten uns in die Polizeistation, um uns dort festzuhalten, und verurteilten uns ohne Prozess zum Tode. Sie bauten Galgen in der Öffentlichkeit auf, um uns dort zu hängen.“

Norwegen zahlte die Rettungsaktion

Bevor es dazu kommen konnte, schritt jedoch eine afghanische Regierungsbehörde ein, die für den Schutz von ausländischen Mitarbeitern von Hilfsorganisationen verantwortlich ist, und machte klar, dass es keine Hinrichtung geben würde. Der Tumult unter den radikalen Muslimen eskalierte und wurde zu einem Steine werfenden Mob, der drohte, das Gefängnis zu stürmen. Die überforderten Sicherheitsbehörden riefen nach Verstärkung: „Binnen 45 Minuten rückte ein UN-Sonderkommando von 12 Schweizer Soldaten in drei gepanzerten Wagen an. Sie durchbrachen die Wand des Gebäudes, in dem wir uns befanden, und retteten uns.“ Das sei das letzte Mal gewesen, dass er in Afghanistan gepredigt habe: „Die norwegische Regierung hat die teure Rettungsaktion bezahlt, aber auch deutlich gemacht, dass sie nicht noch einmal dafür aufkommen wird.“

Gott entscheidet, wann Schluss ist

Auf die Frage, wie seine Familie mit den zahlreichen lebensgefährlichen Situationen zurechtkommt, antwortet er nur ungern. Der vierfache Vater ist bemüht, sie so weit wie möglich aus der „Schusslinie“ zu halten. Zögernd gibt er zu: „Meine Frau musste viel erleiden. Als ich in Afghanistan festgehalten wurde, erfuhr sie den Ernst der Lage von Journalisten.“ Doch beide seien sich einig: Die Botschaft von der Liebe Christi ist es wert, dafür zu sterben. Das Leben sei ein einziges Risiko. Menschen sterben an Krankheiten oder bei Unfällen. Letztendlich entscheide Gott, wann und wie „Schluss ist“.

Was Batyr schmerzt

Batyr schmerzt es, dass Christen in Turkmenistan ihren Glauben bis heute nicht frei leben können. „Es gilt immer noch: Ein Turkmene kann kein Christ sein.“ Besonders schmerzlich habe er es wieder erleben müssen, als sein Vater gestorben sei. Die Behörden verweigerten dem Konvertiten die Beerdigung – ein Christ könne nicht neben einem Muslim bestattet werden. „Nach zwei Tagen machten die Behörden schließlich kurzen Prozess: Sie ließen meinen Vater von einem Imam postum wieder zum Muslim erklären und beerdigten ihn nach islamischem Brauch. Wir konnten nichts dagegen tun, denn noch immer ist meine Großfamilie muslimisch und hat das letzte Wort.“ So ergehe es fast allen Christen in Turkmenistan – es sei denn, sie schafften es, ihre Toten über die Grenze zu bringen.

Das Einreiseverbot gilt bis heute

Der vierfache Vater selbst kann nicht mehr zurück – seine Heimat hat ein Einreiseverbot verhängt: „Meine norwegische Staatsbürgerschaft schützt mich auf der ganzen Welt – nur in Turkmenistan nicht.“ Er lebt heute nicht mehr in Norwegen, sondern in einem anderen Land (aus Sicherheitsgründen nicht genannt). In Zusammenarbeit mit dem christlichen Hilfswerk Open Doors setzt er sich von dort aus für turkmenische Christen ein, predigt und informiert über die Verfolgungssituation in seiner Heimat. Er wünscht sich, dass viele weitere Turkmenen ihre Heimat in Christus finden – so wie er selbst.