29.05.2020

Deutschland: Muslime beten in Berliner Kirche

Das geht nicht. - Ein Kommentar der evangelischen Theologieprofessorin Dorothea Wendebourg (Berlin).

(idea) Die Evangelische Martha-Gemeinde in Berlin-Kreuzberg hat Muslimen während des Ramadans ermöglicht, freitags in ihrer Kirche zu beten, weil diese größer ist und dort die Corona-bedingten Abstandsregeln einfacher einzuhalten sind. Dazu ein Kommentar der evangelischen Theologieprofessorin Dorothea Wendebourg (Berlin).

Eine christliche Kirche ist ein Gebäude mit einem bestimmten Zweck: sich darin um das Evangelium von dem in Jesus Christus erschienenen dreieinigen Gott zu versammeln. Das geschieht in verschiedenen Weisen, vom Gottesdienst als der grundlegenden und unverzichtbaren Veranstaltung bis hin zu kulturellen Aneignungen des Evangeliums und Auseinandersetzungen mit ihm. Dabei sind die Grenzen auch zu Angeboten in weiterem kulturellen Rahmen, etwa Konzerten oder Performances, bisweilen fließend. Was aber immer gegeben sei muss, ist die Vereinbarkeit mit dem eigentlichen Zweck des Kirchengebäudes.

Der Islam widerspricht in zentralen Punkten dem christlichen Glauben

Damit ist ausgeschlossen, dass in einer christlichen Kirche eine Verkündigung und ein Bekenntnis laut werden, die nicht Verkündigung von und Bekenntnis zu Jesus Christus sind. Eben dieser Fall liegt in muslimischen Gottesdiensten vor. Der Islam widerspricht in zentralen Punkten, vor allem eben im Urteil über Jesus Christus, dem christlichen Glauben. Das ist sein gutes Recht und von der bei uns glücklicherweise gewährleisteten Religionsfreiheit gedeckt. Doch in einer Kirche ist es ausgeschlossen. In einem Raum, der dem Bekenntnis zum dreieinigen Gott gewidmet ist, eine Religion zu praktizieren, deren Grundüberzeugung diesem Bekenntnis widerspricht, und im Angesicht des Kreuzes einen Glauben zu artikulieren, der dem Glauben an die Heilsbedeutung des Gekreuzigten widerspricht – dazu kann eine christliche Gemeinde ihre Kirche nicht anbieten, ohne ihre eigene Glaubensüberzeugung infrage zu stellen.

Welches Zeichen sendet ein muslimischer Gottesdienst in einer christlichen Kirche?

Zu dieser religiös-theologischen Dimension kommt noch eine andere, die symbolpolitische. Welches Zeichen sendet ein muslimischer Gottesdienst in einer christlichen Kirche nach draußen, an andere Christen wie in die weitere areligiöse und multireligiöse Gesellschaft? Das Zeichen eines Christentums, das sich seiner selbst, seines Glaubens, seiner Identität so wenig sicher ist, dass es nicht mehr wagt, religiöse Gegensätze beim Namen zu nennen (was muslimische Gesprächspartner ihrerseits mit Festigkeit tun)? Das ohne Schwierigkeiten den eigenen Boden buchstäblich räumt – hier auf Zeit und dort auf Dauer? Manch einer wird einwenden, das Zeichen, das mit einem solchen Gottesdienst nach draußen gesendet werde, sei ein ganz anderes: das der interreligiösen Toleranz und Liebe gegenüber den an Corona-bedingter Raumnot leidenden muslimischen Mitbürgern. Doch wenn es darum geht – warum Kirchen? Viele Gemeinden haben andere Räumlichkeiten, die sie zeitweilig zur Verfügung stellen könnten, etwa Gemeindesäle.

Es hätte andere Möglichkeiten gegeben

Christen könnten muslimische Gruppen auch dabei unterstützen, sich während der Pandemie in säkularen Hallen zu versammeln. Es gibt durchaus Möglichkeiten, den Anhängern einer anderen Religion bei der Praktizierung ihrer verbrieften Religionsfreiheit zu helfen, ohne dass damit der religiöse Gegensatz verdunkelt, die eigene Glaubensüberzeugung infrage gestellt und ein bestenfalls zweifelhaftes Signal ausgesandt wird, wie es durch muslimische Gottesdienste in einer christlichen Kirche geschieht.