22.04.2021

Iran: „Das Gefängnis hat sich für mich gelohnt“

Mojtaba Hosseini saß wegen seines christlichen Glaubens mehr als drei Jahre in einem iranischen Gefängnis. Anstatt in dieser hoffnungslosen Situation zu verzweifeln, erlebte er Gottes Handeln.

IDEA-Redakteurin Erika Gitt erzählte er, warum sich die Haft für ihn gelohnt hat.

Mojtaba Hosseinis Kindheit und Jugend waren geprägt von der Drogensucht seines Vaters und des älteren Bruders. Das machte das Zuhause im iranischen Shiraz zu einem trostlosen und von Gewalt geprägten Ort. Mojtaba selbst kämpfte mit einer inneren Leere. „Mein Leben wirkte damals sinn- und perspektivlos“, erinnert sich der heute 33-Jährige.

Frei von Drogen

2005 bemerkte er eine deutliche Veränderung bei seinem Bruder: Er war ausgeglichen und nahm keine Drogen mehr. Mojtaba wurde neugierig. Die Überraschung war perfekt: Sein Bruder hatte mit Jesus Christus einen Lebensinhalt gefunden. „Er zeigte mir einen Jesus-Film. Ich wurde an dem Abend Christ und wurde frei von schlechten Angewohnheiten.“ Kurze Zeit später folgten auch sein Vater und seine Schwester dem Beispiel der Brüder. Seine Mutter blieb Muslima.

„Nun hatten wir jedoch ein Problem: Wir kannten keine Kirche, in die wir hätten gehen können.“ So startete die Familie des 18-Jährigen selbst einen Hauskreis, die zwei Jahre später etwa 20 Mitglieder hatte. „Leider wurde der Geheimdienst auf uns aufmerksam, und ich landete nach einer Razzia erstmals im Gefängnis.“ Der 20-Jährige verbrachte 22 Tage in Einzelhaft. Nur Gebete und Lobpreis bewahrten ihn davor, verrückt zu werden. Weil er angeblich die nationale Sicherheit gefährdet habe, verurteilte ein Gericht den jungen Iraner zu einer Bewährungsstrafe.

Keine Rechte für Christen

„Wir trafen uns trotzdem weiter, jedoch fühlte ich mich ständig verfolgt. Immer wieder gab es Razzien in unserer Wohnung. Es war ein schreckliches Gefühl, nicht einmal dort vor den Behörden sicher zu sein.“ 2012 wurde er erneut verhaftet. Diesmal folgten 33 Tage Isolationshaft und massive Einschüchterungen: „Die Beamten sagten mir, dass sie mit mir machen könnten, was sie wollten. Sie seien das Gesetz – und genauso fühlte es sich an: Als Christ hatte ich im Iran keine Rechte.“ Die acht Monate Untersuchungshaft wurden für Mojtaba zur Qual. „Ich hatte nichts Falsches gemacht, und doch befand ich mich unter Schwerverbrechern. Eigentlich hatte mein Leben doch gerade erst begonnen.“

Welches Gefängnis ist das schlimmere?

Im Gebet vertieft änderte schließlich ein Gedanke seine Perspektive: Was ist denn das schlimmere Gefängnis? Das, in dem er derzeit saß, oder das, woraus Jesu Liebe ihn befreit hatte? Mojtaba betete: „Jesus, der Schmerz, den ich hier erlebe, ist überhaupt nicht vergleichbar mit dem Schmerz und dem Leid, das ich ohne dich hatte. Ich will lieber für dich leiden, anstatt wieder so in der Dunkelheit leben zu müssen wie früher.“

Er wurde wegen Gefährdung der nationalen Sicherheit zu vier Jahren und vier Monaten verurteilt. Drei Jahre und einen Monat würde Mojtaba nach der Untersuchungshaft noch absitzen müssen. „Es ist selten, dass Christen offiziell wegen ihres Glaubens verurteilt werden. Viel häufiger werden andere Gründe vorgeschoben, um sie gesellschaftlich als Gefahr zu brandmarken“, erklärt Mojtaba.

Überfüllte Zellen

Der junge Mann verbüßte seine Haft im Staatsgefängnis von Shiraz. „Die Umstände waren unerträglich: Die 40 Jahre alte Anstalt war mit der vierfachen Anzahl Häftlingen belegt, für die sie ausgelegt ist.“ Entsprechend seien die hygienischen Bedingungen in den heillos überbelegten Gemeinschaftszellen und Sanitäranalagen gewesen. Das Essen war furchtbar, manchmal sogar verdorben. Der 33-Jährige hat bis heute mit Magenproblemen zu kämpfen. Wegen der Überbelegung konnten die Häftlinge nur alle zwei Wochen in den Hof.

 

Mit Jesus selbst klären

Mojtaba hatte bislang ein recht komfortables Leben geführt und brauchte eine Zeit, um sich in den Umständen zurechtzufinden. Während er noch mit sich selbst beschäftigt war, sprach ihn Mohammed an, ein zum Tode verurteilter Schwerverbrecher. „Eigentlich war mir nicht nach Reden zumute. Doch ich begann, ihm von Jesus zu erzählen“, erinnert er sich. Der Häftling reagierte verärgert. „Ich hatte keine Kraft für irgendwelche Debatten, also wimmelte ich ihn ab und empfahl ihm, er solle alles mit Jesus direkt klären.“ Am nächsten Tag kam Mohammed verändert zu Mojtaba und berichtete, dass er zum ersten Mal seit seiner Verurteilung schlafen konnte. Der Name Jesu ginge ihm nicht mehr aus dem Kopf und sein Hass auf die anderen Mitinsassen sei verflogen. Der Schwerverbrecher wurde daraufhin Christ. „Mohammed wurde einige Zeit später hingerichtet. Aber ich weiß, ich werde ihn im Himmel wiedersehen“, ist Mojtaba überzeugt.

Kurz darauf wurde Mojtaba verlegt. Die Wachen hatten gemerkt, dass er und einige andere Christen zusammen beteten. So wurden sie in unterschiedliche Abteilungen geschickt, die noch schlimmer waren als die zuvor. Nach vier Monaten sahen sie einander wieder. „Wir lebten nun nicht mehr in einer Gefängniszelle, sondern in einem ehemaligen Ruheraum für Wärter mit einfachster Ausstattung. Doch immerhin waren wir wieder vereint, wenn auch in einem Raum, angefüllt mit verwahrlosten Menschen.“

Der bibelschmuggelnde Imam

Die Christen erhielten überraschenden Besuch von einem Gefängnisimam. Dieser hatte zuvor einen von Mojtabas christlichen Mithäftlingen kennengelernt und war von der Leidensbereitschaft der Männer tief beeindruckt. „Weißt du, Mojtaba, ich muss nur zwei Mal am Tag zum Gebet in dieses Gefängnis kommen und bin jedes Mal froh, aus diesem Dreckloch wieder verschwinden zu dürfen. Ihr haltet das für euren Glauben aus, das beeindruckt mich“, sagte er bei einem seiner Besuche. Er bot ihnen an, ihnen einen Wunsch zu erfüllen. Die Antwort kam einstimmig: eine Bibel. Die konnte und wollte der islamische Geistliche jedoch nicht mitbringen. Zu riskant war ihm diese Unternehmung. „Ich kann euch jedoch einzelne Bücher der Bibel auf Englisch kopieren. Die Wachen sind der Sprache nicht mächtig, und so kann ich sie als Lektionen anderer Art ausgeben.“ Gesagt – getan. Am Ende hatten die Christen zehn Bücher des Neuen Testaments. Sie übersetzten sie ins Persische und füllten damit Notizbücher, die sie unter den Häftlingen verteilten. Diese rissen ihnen die Exemplare geradezu aus den Händen. „Bücher sind eine willkommene Abwechslung im tristen Alltag. Selbst wenn es christliches Material ist, wird es wie ein Schatz gehütet.“ Mojtaba würde es nicht wundern, wenn sie noch heute im Gefängnis kursierten.

Ein Freudentag

Mojtaba wurde 2015 schließlich entlassen und war gezwungen, in die Türkei zu gehen. „Ich hatte gerade erst eine schmerzhafte Zeit hinter mir. Meine Familie und mein Land zu verlassen, bedrückte mich.“ In Yalova fand er eine Gemeinde und wurde Teil der Leiterschaft der dortigen „Lighthouse Church.“ Als er eine andere Kirche besuchte, traf er einen alten Mithäftling wieder: „Reza“ (Name geändert) war dort durch Mojtaba Christ geworden. Aus der Haft entlassen, brach der Kontakt jedoch ab. Der Mann heiratete eine Muslima und zog in die Türkei. „Als diese Frau dort in der Hauskirche Christin wurde, war das ein Freudentag!“ Die Erinnerung berührt Mojtaba noch heute. „Für mich haben sich die ganzen Strapazen meiner Haft gelohnt. Ich habe Jesus mein Leben gegeben, und er hat es genutzt, um andere zu retten. Das macht mich dankbar und stolz.“ Er würde gerne wissen, wie vielen Menschen er eines Tages im Himmel begegnet, denen er einst von Jesus erzählte.

Heute lebt Mojtaba in Großbritannien und ist seit drei Jahren verheiratet. Seine Frau – eine Engländerin – lernte er bei einem Missionseinsatz in der Türkei kennen und lieben. Der ehemalige verfolgte Christ studiert nun Theologie und will Gott in der westlichen Welt dienen.