13.12.2018

Audienz beim Katholikos der Armenisch-Apostolischen Kirche

und beim Armenischen Präsidenten

Thomas Schirrmacher begrüßt den armenischen Katholikos und Patriarch Karekin II. Nersissian in Berlin zum Reformationsgedenken 2017

Der Vorsitzende des Zentralrates Orientalischer Christen und stellvertretende Generalsekretär der Weltweiten Evangelischen Allianz, Thomas Schirrmacher, wurde mit seiner Frau, der Bonner Islamwissenschaftlerin Christine Schirrmacher, vom Oberhaupt der Armenisch-Apostolischen Kirche, Katholikos Karekin II. Nersissian, zur Audienz empfangen, nachdem sie im Völkermorddenkmal Zizernakaberd in Jerewan der 1,5 Millionen Opfer des Armeniergenozids ab 1915 gedacht hatten. Christine Schirrmacher hält regelmäßig Vorlesungen zu diesem Genozid an der Universität Bonn.

Vor und nach der Audienz besuchten Thomas und Christine Schirrmacher das Parlament, den ehemaligen Präsidenten, die einzige wiederaufgebaute größere Moschee des Landes sowie mehrere Menschenrechtsorganisationen, darunter auch den armenischen Zweig der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte unter Vorsitz von Frau Bela Shikaryan. Die Reise wurde organisatorisch von Dr. Gayene Werk (Schwerin) von der Deutsch-Armenischen Gesellschaft betreut.

Da der Präsident des Landes nicht im Land war, wurde das Treffen kurz darauf in Berlin nachgeholt. Armen Sarkissjan (in wissenschaftlicher Transliteration Armen Sargsyan), geboren 1953 in Jerewan, ist ein armenischer Physiker, Informatiker, Unternehmer, Diplomat und Politiker. Sarkissjan war vom November 1996 bis zum März 1997 Premierminister von Armenien. Seit April 2018 ist er Staatspräsident seines Landes und hat die Samtene Revolution 2018 umsichtig begleitet.

Schirrmacher besuchte auch Vertreter früherer Regierungen, um sich ein umfassendes Bild zu machen und um sie um Unterstützung für den neuen Kurs zu bitten, so den früheren Präsidenten von Armenien, Robert Kotscharjan, und den Vizepräsident der Nationalversammlung, Eduard Sharmazanov.
Robert Kotscharjan war 1992–1994 Premierminister von Berg Karabach und 1994–1997 Präsident von Berg Karabach, 1997–1998 dann Ministerpräsident Armeniens und 1998–2008 Präsident Armeniens.

Eduard Sharmazanov ist seit 2011 Vizepräsident der Nationalversammlung der Republik Armeniens und Sprecher der Republikanischen Partei, der Regierungspartei bis zur Samtenen Revolution 2018. Er gehört dem Parlament seit 2007 an.

2015 begann in Armenien der Umbau des semi-präsidentiellen zu einem parlamentarischen System. Dadurch erhielt das Parlament größere Kompetenzen. Demgegenüber verblieben dem Präsidenten vor allem repräsentative Aufgaben. Nachdem der letzte Präsident sich nach Ablauf seiner letzten möglichen Amtszeit kurzerhand zum Ministerpräsidenten wählen ließ, kam es zu anhaltenden Massendemonstrationen, der sogenannten „Samtenen Revolution“, deren Anführer schließlich übergangsweise Ministerpräsident ohne Parlamentsmehrheit wurde, weswegen man im Dezember 2018 ein neues Parlament gewählt hat.
Wegen der vermeintlichen Nähe des Katholikos zur alten Regierung kam es zum ersten Mal zu Demonstrationen vor seinem Amtssitz, mit der Forderung nach einer stärkeren Trennung von Kirche und Staat und dem Rücktritt des Katholikos. Seit 2009 war Proselytismus weg von der Armenisch-Apostolischen Kirche verboten. Religiöse Minderheiten waren im Missionieren stark eingeschränkt. Schirrmacher setzte sich deswegen beim Katholikos für die Unterstützung der geforderten Religionsfreiheit im Land ein.

Das Genoziddenkmal Zizernakaberd auf einem Hügel in Jerewan erinnert an den Völkermord an 1,5 Millionen Armeniern ab 1915 und ist Ort der jährlichen Gedenk-zeremonie am 24. April. Es wurde 1967 eröffnet. Nach der Unabhängigkeit des Landes wurden 1995 Gedenkmauer und Museum hinzugefügt.

Thomas und Christine Schirrmacher trafen auf Vermittlung des armenischen Zweiges der IGFM die Vorsitzenden mehrere Menschenrechtsorganisationen. Ausführlich informierten sie sich in einem Gespräch mit Karen Zadoyan, Präsident der Armenian Lawyer’s Association, und weiteren Vorstandsmitgliedern (siehe Foto) über die Arbeit dieser Menschenrechtorganisation, die neben klassischen Menschenrechtsfällen vor allem Korruption mit Hilfe von Antikorruptionszentren im ganzen Land bekämpft und ärmere Mitbürger arbeitsrechtlich verteidigt. Dabei ließ sich Schirrmacher über die enormen Fortschritte der Korruptionsbekämpfung seit der Samtenen Revolution 2018 informieren.

 

Der Katholikos wurde 1951 geboren, studierte ab 1975 in Bonn Theologie und war bald der geistliche Repräsentant der damals neun armenischen Kirchengemeinden in Deutschland, weswegen er bis heute Deutsch spricht. 1983 wurde er Bischof, 1992 Erzbischof. 1999 wurde er als 132. Katholikos gewählt. 2013 wurde er im koreanischen Busan zu einem der Präsidenten des Ökumenischen Rates der Kirchen gewählt.

Unter anderem sprach der Katholikos von einem „deutschen Monat“, da vor Schirrmacher Bundeskanzlerin Angela Merkel und der EKD-Ratsvorsitzende Bischof Heinrich Bedford-Strohm dem Katholikos ihre Aufwartung gemacht hatten.

Schirrmacher traf den Katholikos erstmalig 2013 bei der Amtseinführung von Papst Franziskus in Rom, sodann im selben Jahr in Busan bei der Vollversammlung des ÖRK sowie bei dessen Besuch in Berlin, als die EKD die Häupter der altorientalischen Kirchen zum Gedenken an 500 Jahre Reformation eingeladen hatte.

An dem Gespräch nahm auch Bischof Shahe Ananyan, Direktor des Departments für ökumenische Beziehungen des Muttersitzes des Heiligen Etschmiadsin der Armenisch-Apostolischen Kirche, teil.

Zum Programm gehörte zudem die Besichtigung der umfangreichen Renovierungsarbeiten an der Hauptkathedrale der Armenisch-Apostolischen Kirche (“Mother Cathedral of Holy Etchmiadzin”), die 301–303 erbaut und 480, 618 und 1648 erweitert wurde.

Sie liegt in Vagharshapat, einer Stadt 18 km westlich von Jerewan, lange als „heilige Stadt“ oder „spirituelle Hauptstadt Armeniens“ bekannt. Von 102 bis 330 war Vagharshapat die erste Hauptstadt Armeniens und später immer wieder Hauptstadt von Großarmenien. Sie wurde dabei oft nach dem Sitz der Kirche Etschmiadsin genannt, verlor ihre Bedeutung Anfang des 20. Jh., wuchs dann aber in der späteren Sowjetzeit enorm und wurde zur Vorstadt Jerewans.

Das Königreich Armenien war unter König Tiridates III. (Trdat III.) der erste Staat, der 301/303 oder 315 n. Chr. das Christentum als Staatsreligion annahm. Das Christentum in Armenien geht wohl auf das Wirken der Apostel Bartholomäus und Thaddeus zurück, auch wenn historische Quellen fehlen.

Die armenische Kirche gehört zu den sieben altorientalischen Kirchen, die früher von den West- und Ostkirchen als „Monophysiten“ bezeichnet und der Häresie angeklagt wurden. Inzwischen gilt diese Bezeichnung als falsch, und es wird die Selbstbezeichnung „Miaphysiten“ verwendet. Es ist allgemein bekannt, dass die theologischen Unterschiede durch einen unterschiedlichen Gebrauch des Wortes für „Natur“ (griech. „physis“) in Bezug auf Jesus Christus entstanden, alle Kirchen aber gemeinsam bekennen, dass der eine Jesus als Person des dreieinigen Gottes sowohl wahrer Gott als auch wahrer Mensch ist.