03.07.2026
Iran: Historische Kirche in Teheran vor Beschlagnahmung
Bewohner des Kirchengeländes zur Räumung aufgefordert
Teheran/London (IDEA) – Die presbyterianische St.-Peter-Kirche in der iranischen Hauptstadt Teheran steht vor der Beschlagnahmung durch den iranischen Staat. Die im Kirchenkomplex lebenden armenischen und assyrischen Familien wurden zur Räumung ihrer Wohnungen aufgefordert, den Gottesdienstbesuchern wurde bedeutet, sich eine andere Kirche zu suchen. Das berichtet die christliche britische Hilfsorganisation Article18 (London). Die St.-Peter-Kirche wurde von amerikanischen Missionaren auf einem vom iranischen Monarchen Nāser ad-Din Schāh (1831–1896) gestifteten Grundstück gegründet und 1876 eingeweiht. Sie dient damit seit fast 150 Jahren der kleinen protestantischen Gemeinde Teherans und war lange ein Anlaufpunkt für Armenier und Assyrer im Iran, deren Zahl seit der Ausrufung der Islamischen Republik 1979 massiv zurückgegangen ist. Das Kirchengrundstück soll rund vier Hektar groß und mit seiner zentralen Lage in der Hauptstadt mehrere zehn Millionen Dollar wert sein. Zum Komplex gehören auch zwei Schulen und Dutzende Wohnhäuser.
Urteil für Beschlagnahme ist fast 30 Jahre alt
Nach Angaben von Article18 bildet die Grundlage der Enteignung ein Urteil eines Revolutionsgerichts aus dem Jahr 1998, das das Grundstück der staatlichen Stiftung „Execution of Imam Khomeini’s Order“ (EIKO/Vollstreckung des Befehls von Imam Chomeini) zuspricht. Der für St. Peter zuständige Rat der Evangelischen Kirchen Iran soll erst 2008 von dem zehn Jahre alten Urteil erfahren und erfolglos Protest eingelegt haben. Die Islamische Republik verweigert dem Rat seit 1980 die Erneuerung seiner Registrierung. Zuvor soll die EIKO bereits andere Kirchen in anderen Städten konfisziert haben. Am 4. Juni zerstörten die Revolutionsgarden zudem ein offizielles evangelisches Kirchengebäude in der nordostiranischen Stadt Maschhad. Am 10. Juni wurde außerdem die St.-Nikolaus-Kirche in Teheran von Unbekannten überfallen. Sie die einzige staatlich anerkannte russisch-orthodoxe Gemeinde im Land.
20 Familien müssen binnen zwei Wochen ausziehen
Wie der frühere Pastor der Kirche, Sargez Benyamin, gegenüber der US-Publikation „The Free Press“ berichtet, seien die 20 dort lebenden armenischen und assyrischen Familien angewiesen worden, binnen zwei Wochen auszuziehen. Die meisten Familien lebten seit Jahren dort, hätten geringe Einkommen und „keine Chance, ohne die Unterstützung der Kirche zu überleben“, so Benyamin. Den Gemeindeleitern sei mit Verhaftung gedroht worden, falls die Familien der Aufforderung nicht nachkämen. Nach Angaben des in den USA lebenden iranisch-presbyterianischen Pastors Sasan Tavassoli, der in direktem Kontakt mit St. Peter steht, habe das Regime lange davor zurückgeschreckt, gegen die älteste protestantische Kirche des Landes vorzugehen – aus Furcht vor einer Reaktion der USA. Diese Furcht sei inzwischen verschwunden. Medienberichten zufolge suchten Ende Juni sechs Agenten des Geheimdienstministeriums das Gelände der Kirche auf und blieben dort mehrere Stunden. Sie hätten sogar Essen mitgebracht und den Bewohnern erklärt: „Wir sind gekommen, damit ihr euch an unsere Anwesenheit gewöhnt.“
Ebadi: „Gleiche Logik der Beschlagnahmung“
Der Druck auf St. Peter ist laut Article18 das jüngste Beispiel dafür, wie das protestantische Christentum seit der Gründung der Islamischen Republik 1979 schrittweise zurückgedrängt wird. Bereits vor mehr als zehn Jahren war die Gemeinde gezwungen worden, ihre persischsprachigen Gottesdienste einzustellen, um zu verhindern, dass Konvertiten aus dem Islam sie besuchen. Von einst rund 50 protestantischen Kirchen – überwiegend presbyterianisch, pfingstkirchlich und anglikanisch – dürfen heute nur noch etwa ein Dutzend offiziell arbeiten. Sie müssen ihre Gottesdienste in den Minderheitensprachen Assyrisch oder Armenisch abhalten. Die iranische Menschenrechtsanwältin und Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi bezeichnete das Vorgehen gegen St. Peter als „Fortsetzung derselben Politik, die seit Jahren gegen iranische Christen, insbesondere christliche Konvertiten, verfolgt wird“, schrieb sie auf ihrem Telegram-Kanal. „Es ist dieselbe Logik der Beschlagnahmung: Zuerst werden Bürger ihrer offensichtlichen Rechte beraubt, dann wird ihre Religionsausübung verboten, anschließend werden ihnen ihre Wohnungen und Kirchen weggenommen, und schließlich werden sie aus ihren Häusern und ihrem angestammten Eigentum vertrieben.“ Auch die deutsch-iranische Journalistin Daniela Sepehri (Berlin) machte auf Instagram auf die drohende Enteignung der Kirche aufmerksam. Nach eigenen Angaben habe sie als Kind mit ihrer Familie dort die Gottesdienste besucht. Sie rief dazu auf, den Fall stärker in die Öffentlichkeit zu tragen. Von den rund 90 Millionen Einwohnern des Landes sind etwa 98 Prozent Muslime. Der Anteil der Christen liegt laut Schätzungen christlicher Hilfswerke zwischen 0,7 und 0,9 Prozent.