06.07.2026

Deutschland: "Die Kirche sollte sich mit Kritik an Israel zurückhalten"

Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl wies auf den zunehmenden Antisemitismus hin

Stuttgart (IDEA) – Die Kirche sollte sich mit öffentlicher Kritik an Israel zurückhalten. Das mahnte Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl (Stuttgart) am 3. Juli in seinem Bericht vor der in Stuttgart tagenden Landessynode an. Solidarität mit der palästinensischen Hamas oder der libanesischen Hisbollah sei falsch und helfe auch nicht den Palästinensern. Seit dem Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 habe auch in Deutschland der Antisemitismus in einem Maß zugenommen, das er zuvor nicht für möglich gehalten habe. Die extreme Rechte pflege alte Verschwörungsmythen, und die politische Linke wende „in moralischer Überhöhung postkoloniale Thesen“ gegen Israel. „Die jüdischen Gemeinden brauchen unsere Solidarität mehr denn je.“ Gleichzeitig verurteilte er Angriffe auf Repräsentanten christlicher Gemeinden in Jerusalem und verwies auf die innerisraelische Kritik an der dortigen Regierung unter Premierminister Benjamin Netanjahu.

Jüdisches Leben in Stuttgart stark bedroht

Christian Gehring (Kernen im Remstal) vom theologisch konservativen Gesprächskreis „Lebendige Gemeinde“ erinnerte in der Aussprache daran, dass sich nur wenige hundert Meter von dem Tagungsgebäude der Landessynode entfernt eine jüdische Synagoge befinde. Den Menschen dort schlage jeden Tag Hass und Hetze entgegen. Wenn sie das Gebäude verließen, legten sie ihre Kippa ab, weil sie Anfeindungen fürchteten. Jüdische Kinder könnten Kindergärten nur unter hohen Sicherheitsmaßnahmen und geschützt von bewaffnetem Wachpersonal besuchen. Jeder Mensch, der vor einer Synagoge demonstriere und Juden „angehe“, sei kein Israelkritiker, sondern ein Antisemit. Gerade jetzt müsse man die Beziehungen zu den jüdischen Gemeinden vertiefen.

Leid nicht gegeneinander aufrechnen 

Die Synodale Elisabeth Holm (Tübingen) vom linksliberalen Gesprächskreis „Offene Kirche“ forderte, Antisemitismus entschieden entgegenzutreten und zugleich das Leid der Palästinenser klar zu benennen. Menschliches Leid dürfe niemals gegeneinander aufgerechnet werden. So trauere man um die Opfer des Terroranschlags vom 7. Oktober 2023 und sehe die Angst der Juden sowie den zunehmenden Antisemitismus, der sie bis heute bedrohe. Zugleich nehme man das „unermessliche Leid“ der palästinensischen Zivilbevölkerung wahr. Diese erleide „Gewalt, Vertreibung, Hunger und massenhaften Tod in einem Genozid“. Die Synodaltagung endet am 4. Juli. Im Gegensatz zu allen anderen Landeskirchen werden die württembergischen Synodalen per Urwahl direkt von den Kirchenmitgliedern gewählt. Die beiden größten Gesprächskreise in der 17. Landessynode sind die „Lebendige Gemeinde“ und die „Offene Kirche“ mit je 31 Sitzen. Darauf folgen die Reforminitiative „Kirche für morgen“ (18) und die Mitte-Gruppierung „Evangelium und Kirche“ (10). Die württembergische Landeskirche ist mit rund 1,72 Millionen Mitgliedern in 938 Gemeinden die fünftgrößte Gliedkirche der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).