13.08.2026
Syrien: Hilfswerk beklagt schleichende Islamisierung
Christlicher Arzt: Neues Parlament wird von islamistischen Strömungen dominiert
Aleppo (IDEA) – Der Mitbegründer des syrischen Hilfswerks „Blaue Maristen“, Nabil Antaki, warnt vor einer schleichenden Islamisierung Syriens rund eineinhalb Jahre nach dem Sturz des langjährigen Machthabers Baschar al-Assad. Das geht aus einem Schreiben des Arztes aus Aleppo an die „Initiative Christlicher Orient“ (ICO) hervor, über das die österreichische katholische Nachrichtenagentur Kathpress berichtete. Auch die letzten Christen wollten ihre Heimat Antaki zufolge lieber heute als morgen verlassen. Syrien habe zwar wieder offiziell ein Parlament, dessen Zusammensetzung dem Arzt aber große Sorgen bereite. Es besteht aus 140 Abgeordneten, die von lokalen Versammlungen gewählt wurden, und 70, die vom Übergangspräsidenten Ahmed al-Sharaa ernannt wurden. Vertreter der ehemaligen salafistischen Rebellengruppen machten ein Drittel der Versammlung aus, weitere 40 seien Mitglieder der Muslimbruderschaft. Der Rest wurde ausgewählt, um eine gewisse Vertretung der Regionen sowie der ethnischen und religiösen Minderheiten zu gewährleisten. Es gebe kein Mitglied der demokratischen und säkularen Opposition gegen das Assad-Regime im neuen Parlament. Christen seien mit nur sechs Abgeordneten vertreten, darunter drei Frauen. Vier dieser christlichen Parlamentarier wurden von Al-Sharaa ernannt. Die Aufgabe des Parlaments bestehe vor allem darin, eine neue Verfassung für Syrien auszuarbeiten. Angesichts der Zusammensetzung des Gremiums zeigt sich Antaki diesbezüglich sehr besorgt.
Verschleierungspflichten und Alkoholverbote auf lokaler Ebene
Die Islamisierung des Landes schreite still und leise voran, so der Arzt. Es gebe zwar keinen Regierungsbeschluss in dieser Richtung, um die Glaubwürdigkeit gegenüber westlichen Regierungen nicht zu verlieren. Doch auf lokaler Ebene würden von den Gouverneuren der verschiedenen Regionen entsprechende Entscheidungen getroffen. Antaki nennt etwa die Entlassung unabhängiger oder christlicher Richter, Verschleierungspflichten und Alkoholverbote an manchen Orten oder auch den Bau von Moscheen auf Universitätsarealen.
Einseitige Aufarbeitung der Kriegsverbrechen
Kritisch äußert sich Antaki auch zur juristischen Aufarbeitung von Assads Herrschaft. Täglich würden Personen, die mit dessen Regime in Verbindung stehen, verhaftet und vor Gericht gestellt. Die Prozesse würden rechtsstaatlichen Verfahren aber nicht gerecht. Zudem kämen nur Anhänger des Assad-Regimes vor Gericht, obwohl auch die Rebellen schwere Kriegsverbrechen begangen hätten.
Provinz Idlib: Christen kehren in ihre Dörfer zurück
Angesichts der Gesamtsituation sei es kein Wunder, dass die Christen ihre Heimat verlassen wollten, in der sie sich nicht mehr „zu Hause“ fühlten. Einen Hoffnungsschimmer sieht der Arzt darin, dass die Bewohner der vier christlichen Dörfer in der Provinz Idlib, die während des Krieges von den islamistischen Rebellen vertrieben wurden, langsam in ihre Heimat zurückkehrten. Ein weiterer Grund zur Hoffnung sei die Unterstützung internationaler katholischer Vereinigungen für die Christen in Syrien.
Wirtschaftslage weiterhin katastrophal
Die wirtschaftliche Lage sei nach wie vor katastrophal, so Antaki: „Die Preise für Grundnahrungsmittel steigen weiter an; die Mieten haben sich innerhalb von anderthalb Jahren verdreifacht. Obwohl die Gehälter bereits zweimal um 200 Prozent erhöht wurden, können die meisten Familien nicht über die Runden kommen.“ Die Dutzenden Investitionsversprechen ausländischer Delegationen seien bislang nicht umgesetzt worden. Auch die nur teilweise aufgehobenen internationalen Sanktionen behinderten den Wiederaufbau.
Das Ausmaß der Korruption geht zurück
Positiv vermerkt Antaki, dass es inzwischen Strom für mindestens 16 Stunden am Tag gibt und oft auch 24 Stunden am Wochenende. Auch die Digitalisierung der Verwaltung und der Kampf gegen die Korruption seien Fortschritte: Man müsse keine Bestechungsgelder mehr zahlen, um auch nur die geringste Formalität zu erledigen. Zum Hintergrund: Seit Beginn des syrischen Bürgerkriegs 2011 ist die Zahl der Christen im Land laut der Gesellschaft für bedrohte Völker (Göttingen) dramatisch gesunken. Vor dem Krieg hätten etwa 1,5 bis zwei Millionen Christen in Syrien gelebt – rund zehn Prozent der Bevölkerung. Aktuelle Schätzungen für 2026 gingen davon aus, dass nur noch etwa 300.000 Christen im Land verblieben seien. Das entspreche einem Rückgang von über 80 Prozent.