20.07.2026
Ukraine: Tod eines Wehrdienstverweigerers aus Gewissensgründen vertuscht? Häufung von Todesfällen bei zwei Militäreinheiten
AKREF-A/IIRF-D/AA/Tübingen/Am 1. März kehrte der 50-jährige Dmytro Bohdanovych Koval, Mitglied einer Gemeinde des Rats der Baptistengemeinden, nicht von einem Spaziergang zurück. Da er weder Geld, Ausweispapiere noch sein Mobiltelefon mitgenommen hatte, erstatte seine Familie Vermisstenanzeige. Der Grund seines Verschwindens war folgender: Mitarbeiter der Rekrutierungsbehörden hatten ihn festgenommen ohne die Angehörigen zu verständigen. Nach seiner Verweigerung des Militärdiensts aus Gewissensgründen und Ablehnung seines Antrags auf Ableistung eines zivilen Wehrersatzdienstes verlegten ihn die Beamten zu einer Militäreinheit. Am 6. März kam er beim Sturmregiment Skelya in der Region Dnipropetrowsk an. Am 21. März starb er dort. In seiner Sterbeurkunde ist als Todesursache „Herz-Lungeninsuffizienz, unbestimmt“ angegeben. Laut Sterbeurkunde ist Koval in einem Auto verstorben. Gegen diese offizielle Version spricht, dass die der Familie übergebene Leiche Spuren brutaler Behandlung aufwies.
„Sie schlugen ihm oftmals auf den Kopf, packten ihn beim Nacken und warfen ihn nieder, hoben ihn wieder auf und warfen ihn wieder nieder. Sie traten ihn und schlugen ihn mit der Faust“, berichtete ein Mann aus derselben Militäreinheit gegenüber der Journalistin Kateryna Likhohliad.
Als die Beamten Kovals Leiche am 30. März der Familie übergaben, war sein Gesicht nicht zu erkennen. „Seine Frau konnte die Leiche ihres Mannes nur anhand seiner Zähne, der Form seiner Ohren, Gesichtsfalten und anderer persönlicher Kennzeichen erkennen“, berichteten Glaubensgeschwister vom Rat der Baptistengemeinden am 31. März. „Die Leiche weist zahlreiche Verletzungen auf (Hämatome, Quetschungen, eine Wunde am Rücken, eine eingedrückte Stelle an der Brust und Prellungen im Nackenbereich). Das wirft viele unbeantwortet Fragen auf. Daher werden voraussichtlich weitere Untersuchungen angeordnet.“ Der Familie wurde keine Kopie des Berichts über eine zweite Obduktion der Leiche ausgehändigt.
Der Stand der Ermittlungen ist unbekannt. Kovals Witwe Liliya beklagte gegenüber Forum 18, dass bisher noch niemand für den gewaltsamen Tod ihres Mannes zur Verantwortung gezogen wurde. Sie hat den Eindruck, dass dieses Verbrechen vertuscht würde, da nach ihrem Wissensstand in den vergangenen drei Monaten weder die Polizei noch eine andere staatliche Stelle etwas in der Angelegenheit unternommen hätte.
Die Journalistin Kateryna Likhohliad hat Recherchen über die hohe Anzahl an Todesfällen beim 425. Sturmregiment Skelya angestellt, wo Koval getötet wurde. Sie konnte 26 Todesfälle außerhalb von Kampfhandlungen innerhalb von sechs Monaten ab Dezember 2025 feststellen, wobei viele dieser Männer innerhalb des erstens Monats nach Ankunft bei dem Regiment starben.
Der stellvertretende Militärombudsmann Ruslan Tsygankov räumte im April ein, dass das Regiment Skelya eines der beiden Regimenter ist, über das bei seinem Amt zahlreiche Beschwerden wegen Folter eingegangen waren. „Abgesehen von ihrer Einsatzwirksamkeit besteht bei diesen beiden Einheiten ein sehr hohes Risiko gerade im Zusammenhang mit der Verletzung der Rechte der Soldaten. Das ist uns bekannt und diese beiden Einheiten stehen unter unserer Beobachtung.“
Zwischen März und April wurden in derselben Militäreinheit, in der Dmytro Koval zu Tode kam, drei Zeugen Jehovas, wegen ihrer Verweigerung des Militärdienstes aus Gewissensgründen schwer misshandelt. Ein Ausbildner schlug sie bewusstlos, während andere Soldaten ihren Glauben verspotteten. Außerdem wurde ihnen medizinische Versorgung verweigert.
Auf Anweisung der Rekrutierungsämter wurden viele Männer im Alter von 25 bis 59 Jahren, die den Militärdienst aus Gewissensgründen verweigert haben, festgenommen und zu Militäreinheiten verlegt. Mindestens 49 dieser Männer gehören Gemeinden des Rats der Baptistengemeinden an. Sie werden nach wie vor dort festgehalten, obwohl sie ihre Bereitschaft zur Leistung eines zivilen Wehrersatzdienstes bekundet haben.
Der parlamentarische Menschenrechtskommissar Dmytro Lubinets räumte in seinem Bericht für 2025 Probleme im Zusammenhang mit der Festnahme und Zwangsrekrutierung von Männern ein, erwähnte jedoch das Problem von Folter von Wehrdienstverweigern aus Gewissensgründen und Soldaten bei den Einheiten nicht. Konkret nannte Lubinets in dem im Mai 2026 dem Parlament vorgelegten Bericht die Zahl von 1.669 Beschwerden von Männern, die trotz ihrer religiösen Überzeugungen zu Militäreinheiten verlegt wurden. Lubinets weiter: „Die unrechtmäßige Einschränkung der Bewegungsfreiheit von Bürgern durch Mitarbeiter (der Rekrutierungsämter), deren Machtmissbrauch gegenüber Inhaftierten, die unrechtmäßige Beschlagnahmung von persönlichem Eigentum und Mobiltelefonen, das Zufügen von körperlichem Leid, die Rekrutierung von Bürgern trotz bestehendem Aufschub (Reservisten) und andere Verletzungen von Rechten haben eine negative Auswirkung auf das Ansehen des Staates und diskreditieren den Rekrutierungsprozess in der Ukraine“.
Die vom UN-Menschenrechtsrat eingesetzte Unabhängige Internationale Untersuchungskommission für die Ukraine hat erneut ihre Besorgnis darüber geäußert, dass ziviler Wehrersatzdienst in Kriegszeiten nicht möglich ist und zeigt sich besorgt über die Anwendung von Gewalt gegen Wehrdienstverweigerer aus Gewissensgründen, die zwangsweise zu Militärbasen gebracht wurden.
Die Kommission berichtet: „Etliche der befragten Wehrdienstverweigerer aus Gewissensgründen haben selbst körperliche Gewalt erfahren oder beobachtet. Sie berichteten, dass sie in den Militärlagern Strafen und psychologischem Druck ausgesetzt waren, darunter Scheinhinrichtungen, Einschließen in einem Erdloch über längere Zeit auch im Winter, Androhung sexueller Gewalt und Verweigerung von Nahrung.“
Ziviler Wehrersatzdienst auch in Zeiten des Kriegsrechts ist auch eine der Verpflichtungen der Ukraine im Beitrittsprozess zur EU.
Quelle: Forum 18, Oslo (Bericht vom 26. Juni 2026)
Deutsche Fassung: Arbeitskreis Religionsfreiheit der EAÖ