26.06.2026
Brasilien: Eltern wegen Heimunterricht zu Haft verurteilt
Der Richter begründete das Urteil mit fehlender „Gender- und Sexualerziehung“
Wien (IDEA) – Ein brasilianisches Gericht hat ein Ehepaar zu 50 Tagen Haft verurteilt, weil es ihre beiden Töchter zu Hause unterrichtet hat. Das teilte die christliche Menschenrechtsorganisation ADF International mit, die das Ehepaar rechtlich unterstützt. Audato und Ieda Denardi wurden wegen „intellektueller Vernachlässigung“ schuldig gesprochen. Es ist laut ADF International die erste strafrechtliche Verurteilung von Eltern in Brasilien wegen Heimunterrichts. Das Urteil war zunächst im April 2026 von einem Gericht in São Paulo gefällt worden. Über die Berufung wird der Justizgerichtshof des Bundesstaates São Paulo entscheiden. Die Vollstreckung der Haftstrafe ist bis zum Abschluss des Verfahrens ausgesetzt.
Lehrplan ohne „Gender- und Sexualerziehung“ bemängelt
Der Richter begründete seine Entscheidung damit, dass der Lehrplan der Familie keine Inhalte zu „Gender- und Sexualerziehung“ sowie „Toleranz und Vielfalt“ enthalten habe. Zudem führte er an, dass die 15- und 11-jährigen Töchter weder „Trap“- noch „Sertanejo“-Musik (brasilianische Volksmusik) mochten – ein Beleg dafür, dass auch kulturelle Vielfalt im Unterricht zu kurz gekommen sei. In seiner Urteilsbegründung warf der Richter den Eltern vor, ihre Töchter „als Spielfiguren in einem ideologischen Kampf“ zu benutzen und sie einer „unregulierten Bildung“ auszusetzen, deren Qualität sich nicht angemessen nach den Maßstäben des brasilianischen Rechtssystems überprüfen lasse.
Mutter: „Kein diktatorischerer Staat denkbar“
Ieda Denardi, die eigenen Angaben zufolge Mathematiklehrerin sowie Pädagogin ist, erklärte: „Als Mutter kann ich mir keinen diktatorischeren Staat vorstellen als einen, der mich ins Gefängnis stecken will, weil ich mein Recht ausgeübt habe, über die Bildung und Erziehung meiner Töchter zu entscheiden.“ Sie und ihr Mann hofften, dass das Gericht ihr Recht auf eine selbstgewählte Bildung anerkenne und das Urteil aufhebe. Die Verurteilung erfolgte, obwohl der Staatsanwalt einen Freispruch beantragt hatte. Nach Anhörung der Zeugen und Prüfung der schulischen und sozialen Entwicklung der Mädchen sei dieser zu dem Schluss gekommen, dass keine Vernachlässigung vorliege. Auch eine unabhängige Bildungspsychologin habe keine Anzeichen dafür gefunden.
ADF International spricht von „Missbrauch des Strafrechts“
Der Rechtsberater für Lateinamerika bei ADF International, Julio Pohl, kritisierte das Urteil mit den Worten: „Eine Mutter ist zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden – nicht weil sie es versäumt hätte, ihre Kinder zu unterrichten, sondern weil sie sie nach ihren eigenen Werten erzogen hat.“ Dies sei ein „grotesker Missbrauch des Strafrechts“. Die Mädchen selbst hätten einen strengen Unterrichtsalltag beschrieben. Die Eltern hatten 2020 mit dem Heimunterricht begonnen, nachdem sie während des pandemiebedingten Fernunterrichts Mängel im öffentlichen Schulsystem festgestellt hatten. Seither habe sich die schulische Leistung ihrer Töchter deutlich verbessert. Zudem könnten sie ihren Glauben und ihre persönlichen Werte in den Unterricht einfließen lassen.
Rechtliche Grauzone in Brasilien
In Brasilien werden derzeit nach Angaben des nationalen Verbandes für Heimunterricht (ANED) mehr als 70.000 Kinder zu Hause unterrichtet. Eine klare gesetzliche Regelung fehlt jedoch. 2019 entschied das brasilianische Oberste Gericht, dass Heimunterricht nicht gegen die Verfassung verstoße, ein Bundesgesetz zur Regelung jedoch erforderlich sei. Ein entsprechender Gesetzentwurf wurde 2022 vom Abgeordnetenhaus verabschiedet, liegt seither aber im Senat auf Eis. Bislang wurden Verstöße als Ordnungswidrigkeit wegen fehlender Anmeldung an einer Schule behandelt. ADF wurde 1994 von evangelikalen Christen in den USA gegründet. 2010 erfolgte die Gründung des Zweiges ADF International mit Hauptsitz in Wien.