30.06.2026
Nigeria: Geboren inmitten eines Massakers
(IDEA) Bei einem nächtlichen Überfall auf das Dorf Kawel im nigerianischen Bundesstaat Plateau haben mutmaßliche Fulani-Milizen am 22. Juni 22 Menschen getötet und zahlreiche weitere verletzt. Ein Team von Christian Solidarity International (CSI) war kurz nach dem Angriff vor Ort und sprach mit Überlebenden.
Es ist gegen zwei Uhr nachts, als schwer Bewaffnete das christliche Dorf Kawel überfallen. Sie dringen in Häuser ein und töten blindwütig die dort schlafenden Bewohner, als wären sie von Sinnen. Unter den Opfern sind Kinder, ältere Menschen und auch schwangere Frauen. Wie schon in anderen Fällen erreichen die alarmierten Sicherheitskräfte den Ort erst bei Tagesanbruch – zu spät, um das Massaker zu verhindern.
Lokale CSI-Partner erfahren binnen kürzester Zeit von dem Massaker. Noch in der Tatnacht macht sich ein Team auf den Weg nach Kawel. Vor Ort befragen sie Überlebende und machen Fotos. Was sie dokumentieren, ist der blanke Horror.
Geburt inmitten des Terrors
Auch die Krankenstation des Dorfes bleibt von der Gewalt nicht verschont. Die Angreifer töten dort sechs Patienten. Auch eine hochschwangere Frau mit ersten Wehen befindet sich zu diesem Zeitpunkt in der Einrichtung, begleitet von ihrem Ehemann und ältesten Sohn. Als die ersten Schüsse fallen, bringt der behandelnde Arzt die Frau durch einen Hinterausgang in Sicherheit. Nachbarn helfen ihr auf der Flucht. Wenig später bringt sie ein Mädchen zur Welt. Der Vater des Kindes ist tot, ebenso der ältere Bruder und der Arzt. Dennoch gibt die Mutter ihrer Tochter den Namen „Na‘anbammun“ – „Gott hat uns gerettet“.
Das Militär geht, die Angst bleibt
Am Morgen sammeln die eingetroffenen Sicherheitskräfte die Leichen ein und bestatten sie in einem Massengrab. Vielen Angehörigen bleibt dabei keine Gelegenheit, sich von ihren Verstorbenen zu verabschieden. Die Anwesenheit des Militärs vermittelt den Bewohnern zunächst ein Gefühl von Sicherheit. Doch unmittelbar nach der Beisetzung ziehen die Soldaten wieder ab. Zurück bleibt ein Dorf mit traumatisierten Menschen. Sie sind schutzlos, wehrlos, alleingelassen. Ob die Angreifer wiederkommen?
„Es gibt Momente, in denen Worte versagen“
Im zentral gelegenen Bundesstaat Plateau im sogenannten Middle Belt vergeht kaum ein Tag, an dem nicht irgendwo ein christliches Dorf wie Kawel angegriffen wird. Inzwischen gilt Nigeria als eins der gefährlichsten Länder für Christen weltweit. Laut verschiedener christlicher Organisationen werden hier mehr Christen wegen ihres Glaubens getötet als irgendwo sonst. Christliche Führer in Nigeria sehen hinter den Angriffen durch radikal-islamistische Fulani die Absicht, christliche Gebiete mit Gewalt einzunehmen. Das erlebt auch ein CSI-Team, das sich zurzeit in Plateau aufhält. Nach dem Massaker in Kawel sitzen sie mit den lokalen Partnern zusammen und lassen sich berichten. Eine anwesende CSI-Mitarbeiterin erinnert sich: „Wir hören zu. Schweigend. Es gibt Momente, in denen Worte versagen. Wie gehe ich damit um? Ich weiß es nicht.“
Aus Entsetzen wird Gebet
Aus ihren Eindrücken formuliert die CSI-Mitarbeiterin später ein Gebet: „Kleines Kind, du hast in dieser schrecklichen Nacht das Licht der Welt erblickt – ich bete für dich. Ich bete für dich, Mutter, dass du stark sein darfst und dich von Gott getragen weißt. Ich bete für euch, Dorfbewohner, dass ihr in Sicherheit nach vorne schauen dürft, dass ihr ohne Angst eure Felder bestellen könnt. Ich bete für die Sicherheitskräfte, dass sie sich nicht länger kaufen lassen und endlich für Gerechtigkeit einstehen. Ich bete für unsere Partner – mögen sie beschützt und gesegnet sein. Und ich bete für mich, dass mich diese Erfahrungen und Begegnungen nicht überwältigen, sondern mir neue Kraft geben, für diese Menschen, die nicht gehört werden, eine Stimme zu sein. Amen.“