18.04.2007
Pakistan: Gewalt gegen Christen nach dubiosen Blasphemiegerüchten
Auslöser des Konflikts war möglicherweise ein Streit zwischen Kindern
Pakistan: Gewalt gegen Christen nach dubiosen Blasphemiegerüchten
Auslöser des Konflikts war möglicherweise ein Streit zwischen Kindern
ISTANBUL, 12. April 2007 - Nach den gewalttätigen Ausschreitungen im pakistanischen
Pandschab während einer Prozession zum Geburtstag des Propheten Mohammed bemühen sich
muslimische und christliche Führer um eine Entspannung der Lage. Am 1. April kam es in Toba
Tek Singh im Pandschab zu Gewalt gegen Christen, nachdem das Gerücht aufkam, Christen
hätten Muslime angegriffen und einen Sticker mit dem Namen Mohammeds entweiht. Etwa 5
Prozent der Christen hätten der christlichen Nichtregierungsorganisation Scharung Liefe
Ministerien Pakistan (SLIP) zufolge ihre Häuser aufgrund der Gefahr verlassen. „Die Polizei ist
hier, um den Rest der Christen zu sichern, aber das christliche Volk traut der Lokalpolizei
nicht", hieß es in einem Bericht vom 3. April. Etwa 2.000 Muslime hätten am Abend des 1.
April die Christian Colon, ein christliches Viertel, überfallen, berichtete SLIP, Häuser mit
Steinen beworfen und „christliche Männer, Frauen und Kinder gepeinigt". Eine andere
christliche Quelle bestätigte Details des Angriffs, sprach aber nur von 80 Angreifern, einem
kleinen Teil der ganzen Prozession. Dutzende seien verletzt worden, sagte eine Christin zu
SLIP. Von den der „Blasphemie" gegen Mohammed bezichtigten Christen sind vier
untergetaucht, während sich ein fünfter, Salamat Masih, im Polizeigewahrsam befindet.
Muhammad Farhan Latif, ein Parlamentarier aus Toma Tek sagte dem Informationsdienst
Compass Direct, seine örtlichen Mitarbeiter hätten ihm gegenüber die Befürchtung geäußert, es
könnte zu erneuten Gewaltausbrüchen kommen. Er werde sich einige Tage in Toma Tek Singh
aufhalten, um zu vermitteln. Einheimische christliche Führer, darunter der katholische Bischof
Joseph Coutts von Faisalabad sowie der katholische Priester Pater Bonnie Mendes, der den Fall
für „erfunden" hält, trafen sich am 4. April mit Regierungsbeamten, um das Blasphemiegerücht
zu widerlegen.
Wie kam es zum Konflikt?
Abdul Ghafar, ein muslimischer Nachbar, hatte am 1. April Anzeige gegen Salamat Masih,
dessen Sohn Rashid (16) sowie deren Verwandte Sahibah Masih Mota, Shehla Masih und Bao
Masih erstattet. Salamat und Bao hätten Ghafars Neffen angegriffen, als er auf dem Weg zu den
Geburtstagsfeierlichkeiten für Mohammed war. „Sie schnappten sich einen Sticker aus seiner
Tasche, auf dem ... ´Mohammed, der Prophet Gottes´ gedruckt war, warfen [den Sticker] auf den
Boden und begannen, mit den Schuhen darauf zutreten", erzählte Ghafar der Polizei.
Muslimische Freunde hätten seinem Neffen geholfen zu entkommen, doch die Angreifer seien
mit Verstärkung zurückgekehrt. Mit einer Pistole und hölzernen Stangen bewaffnet, hätten fünf
Christen die Tür seines Hauses aufgebrochen, seien gewaltsam eingedrungen und hätten sofort
abschätzige Bemerkungen über den Propheten Mohammed, seine Familie und ihn selbst
gemacht, sagte Ghafar. Zwei seiner Angehörigen seien verletzt worden und mussten ärztlich
versorgt werden. Diesen Vorfall berichtete Ghafar den Muslimen, die Mohammeds Geburtstag
mit einer Prozession feierten, und löste damit die Gewalt gegen die christliche Gemeinde aus.
Christen des Ortes informierten SLIP jedoch dahingehend, dass der wahre Konfliktgrund ein
Streit zwischen Salamat Masihs 11-jährigem Sohn Daniel und muslimischen Kindern war. Sie
hätten ihn verprügelt, als er am 1. April morgens nicht mit ihnen spielen wollte. Daraufhin sei
es zu einer hitzigen Konfrontation zwischen Daniels Mutter und der Familie eines muslimischen
Kindes gekommen, die in ihrem Unmut darüber Falschanklage bei der Polizei erhoben und die
muslimische Gemeinschaft zur Gewalt angestiftet habe. Salamat Masih (41), seine Frau, acht
Kinder und zwei Schwestern leben örtlichen Informanten zufolge in einer für
extremistisch-islamische Gruppen bekannten Gegend von Toma Tek Singh. Im April 2004 war
der christliche Student Javed Anjum vor einer Medresse (Koranschule) der Stadt entführt und
fünf Tage lang gefoltert worden, bis er das muslimische Glaubensbekenntnis rezitierte. Einen
Monat später erlag er in Faisalabad in einem Krankenhaus seinen Verletzungen. Zwei seiner
Mörder sind im März 2006 zu lebenslänglicher Haft verurteilt worden.
Compass Direct/OpenDoors