07.08.2007
Im Widerstreit der Kulturen: Das Menschenbild des Islam ist mit dem europäischen Wertebekenntnis nicht vereinbar. Das muss in der Debatte stärker beachtet werden.
Von Christoph Böhr - Wenn Christen über den Islam reden, neigen sie dazu, ihn –wie das
Christentum– als eine Religion zu betrachten. Das ist weder ganz falsch noch ganz richtig, weil
der Islam mehr ist: eine Kultur nämlich, in der ein religiöses Bekenntnis, die Vorstellung einer
Rechtsordnung, ein Gesellschaftsbild und ein damit einhergehendes Verständnis staatlicher
Autorität aufs Engste miteinander verflochten sind. Schon diese Verflechtung wirkt auf das
westliche Denken heute tief befremdlich. Was soll man davon halten, wenn Imame einer
Schauspielerin Verrat an ihrem Glauben vorwerfen, weil diese sich für eine Filmrolle die Haare
hat abschneiden lassen müssen? Oder wenn der britischen Regierung aus berufenem Munde mit
Anschlägen gedroht wird, weil sie den Schriftsteller Salman Rushdie in den Adelsstand erhoben
hat?
Der Islam wird nur verstanden, wenn man ihn als eine Kultur erkennt, in der es vorrangig um
Orthopraxie, also das richtige Tun, und kaum um Orthodoxie, den richtigen Glauben, geht. Das
ist der Grund, warum sich im Islam so viel um die Regelung von Machtansprüchen dreht, die
meist mehr oder weniger religiös begründet werden. Dabei befindet sich die Religion in einer
Doppelrolle: Sie ist einmal die Quelle vorangehender Legitimation von alltäglichen Geboten
und Verhaltensweisen, wie sie umgekehrt für die nachträgliche Rechtfertigung von kulturellen
und sozialen Traditionen herangezogen wird.
In beiderlei Hinsicht stellt der Islam, gewollt oder ungewollt, die Lebensgrundlage des säkularen
Staates infrage, weil er Religion in einer allumfassenden Weise mit politischen, sozialen und
juridischen Fragen verknüpft, bis das eine vom anderen nicht mehr zu unterscheiden ist. Das
Glaubensbekenntnis wird somit dienstbar gemacht für die Gestaltung des Alltags.
Der Kern der Schwierigkeit liegt noch tiefer: Im Mittelpunkt der Kultur des Islam steht ein
Menschenbild, das ganz und gar anders angelegt ist als das christlich-europäische. Es ist mit
dem europäischen unvereinbar.
Nur Gehorsam zählt
Zu den kulturellen Errungenschaften Europas gehört ein Menschenbild, nach dem sich der
Mensch als Person versteht: Unabhängig von seinem Herkommen, seinem Stand, seinen
Überzeugungen und seinem Glauben hat jeder die gleiche Würde, ist selbstbestimmt und
selbstverantwortet. Die Frage nach dem Menschenbild ist entscheidend, weil es ohne Menschenbild keine verlässliche Deutung dessen gibt, was im Leben wertvoll ist. So hat sich im
europäischen Denken ein eigener Begriff von Humanität entwickelt. Er deutet Lebenswerte, die
auch anderen Kulturkreisen vertraut sind, über ein Menschenbild, das den Menschen in die
Autonomie eigener Gewissensverantwortung stellt.
Dem widerspricht ein Menschenbild, das auf einem Begriff von Würde aufbaut, die sich im
Fadenkreuz von Theonomie und Orthopraxie bestimmt, und zwar entsprechend dem Maß, in
dem der Mensch beidem Folge leistet. Eine solche Würde ist an den Gehorsam gegenüber Gott
geknüpft: In der Orthopraxie erweist der Mensch seine Bereitschaft zur Anerkennung der
Theonomie. Sie gilt deshalb nicht unbedingt, sondern unter der Voraussetzung des Gehorsams:
Nur wer ihn leistet, genießt Rechte – eine Vorstellung, die lange auch das Christentum
begleitete.
Ein Bekenntnis zu Grund- und Verfassungswerten lässt sich inhaltlich aber erst bestimmen,
wenn klar ist, auf welches Menschenbild sich ein Wertbekenntnis bezieht. Kein Muslim wird im
Gespräch bestreiten, dass Freiheit oder Gerechtigkeit unverzichtbare Lebenswerte sind. Was
sich aber mit solchen Begriffen verbindet, wird erst erkenntlich, wenn sie gedeutet werden im
Zusammenhang mit einem Menschenbild, wie es beispielsweise auch jeder Verfassung
zugrunde liegt.
So kommt es, dass sich Muslime, Christen und Agnostiker oft auf gleichlautende
Wertvorstellungen beziehen. Das aber sagt wenig, solange diese Werte nicht auf ein
Menschenbild bezogen werden. Da kommt es dann zum Bruch. Die Bedeutung, die im Islam die
Orthopraxie, das Tun des Richtigen, hat, widerspricht der europäischen Vorstellung von der
Freiheit des Menschen, nicht nur in seiner Rolle als Bürger eines säkularen Staates, sondern
auch in seiner Beziehung als Glaubender zu religiösen Autoritäten.
Das hat Folgen für das Gespräch zwischen den Religionen. Im Mittelpunkt dieses Gespräches
dürfen daher nicht religiöse Fragen stehen. Vielmehr ist das Gespräch im Blick auf die
gemeinsame Schnittstelle von Religion und Politik zu führen, mithin über Gesichtspunkte, die
einfließen in die Beschreibung eines Menschenbildes, wie es der moralischen und politischen
Verfassung eines Gemeinwesens zugrunde liegt.
Es kann nicht Aufgabe der Christen sein, den Glauben anderer zu kritisieren. Von daher
verbietet sich die wohlmeinend klingende Forderung, Muslime müssten, wenn sie in der
europäischen Kultur ankommen wollten, eine Säkularisierung durchlaufen, eine Trennung von
Religion und Politik und eine kritische Sicht auf den Glauben. Wer so redet, hat vom
Grundgesetz wenig verstanden. Denn das Grundgesetz betrachtet Religion nicht als lästige
Beschwernis oder gefährliche Bedrohung, sondern verankert ihr Menschenbild gerade in einem
Anruf des Absoluten. Der Artikel 1 beschreibt den Menschen als das Unverfügbare: Die Würde
eines Menschen ist un-antastbar, also nicht abstimmbar. Damit führt das Grundgesetz einen
Begriff ein, der den Bezug zum Absoluten in den Mittelpunkt des politischen Alltags rückt. Die
Art und Weise aber, wie ein Mensch sich selbst in eine Beziehung zum Absoluten setzt, ist
nichts anderes als der Kern seines religiösen Bekenntnisses.
Also geht es im Gespräch mit Muslimen nicht um das religiöse Bekenntnis an sich, sondern um
die Art und Weise, wie sich ein Gemeinwesen im Blick auf die politischen und sozialen Bezüge,
in denen Menschen leben, selbst in ein Verhältnis zum Absoluten setzt. Von der Beantwortung dieser Frage hängen alle Regeln ab, die im Mittelpunkt einer Verfassung
stehen. In besonderer Weise betrifft das den Bereich, der nach dem Grundgesetz nicht
abstimmbar ist, also der umfangreiche Schutz der Grundrechte. Ihr Sinn erschließt sich nur in
Verbindung mit dem in Artikel 1 beschriebenen Menschenbild.
Eigene Entscheidung
In diesem Bezugsrahmen lässt sich feststellen, ob eine im Gespräch erreichte Übereinstimmung
ernst gemeint ist oder ob sie nur die vordergründigen Erwartungen der Mehrheitsgesellschaft
befriedigt. Es gibt in Deutschland eine Bereitschaft zur Integration dem Schein nach; etwa,
wenn Mädchen von heute auf morgen dem Unterricht fernbleiben und die Schulaufsicht
feststellt, dass sie in die Türkei verbracht wurden, um dann später, nach einer erzwungenen
Heirat, wieder nach Deutschland zu kommen. Im Übrigen macht es das Gespräch schwierig,
wenn beispielsweise der Vorhalt, eine Hochzeit erzwungen zu haben, empört zurückgewiesen
wird mit dem Hinweis, die Braut habe doch zugestimmt. Diese Freiwilligkeit ist keine im
westlichen Sinne, die eine eigene Entscheidung ermöglicht.
Nun gibt es keine Alternative zur Integration für den, der auf Dauer in einem fremden Land und
einer befremdlichen Kultur Fuß fassen und Heimat finden will und nicht auf den Sieg im Kampf
der Kulturen hofft. Dieses Ziel aber setzt nicht Säkularisierung voraus und verlangt nicht, sich
grenzenloser Beliebigkeit anzupassen. Gleichwohl ist es an die Bedingung geknüpft, ein
Menschenbild mit Herz und Verstand anzunehmen, wie es im Artikel 1 des Grundgesetzes
aufleuchtet. Das bedeutet jedoch für viele Muslime, sich von einem selbstverständlichen Teil
der eigenen religiösen Erziehung und sozialen Lebenswelt zu verabschieden. Diese Forderung
macht es verständlicherweise vielen schwer, Integration zu wollen oder auch nur zuzulassen, wo
sie bei den eigenen Kindern und Kindeskindern einsetzt. Denn der Preis der Integration ist hoch.
Integration ist für viele der Orthopraxie verpflichtete Muslime eine Entwicklung zudem, die sie
in Gewissenskonflikte bringt. Umso mehr können Christen ihnen helfen, die Brücke zu betreten
– nicht zu Agnostizismus und Relativismus, sondern zu einer Welt, die an der Schnittstelle
zwischen Religion und Politik ein Menschenbild beschreibt, das im europäischen Begriff von
der unantastbaren Würde jeder Person verankert ist.
Wer zu dieser Hilfe bereit ist, muss sich jedem Ansatz des Islamismus widersetzen. Denn die
vom Islamismus gepredigte völlige Vereinnahmung des Menschen widerspricht dem
europäischen Begriff seiner unverletzlichen Würde auf ganzer Linie. Der Islamismus predigt
einen eschatologisch bestimmten politischen Dezisionismus, wie er in der Vergangenheit
vereinzelt auch christlichen Sekten geläufig war. Die europäische Antwort auf diese Verirrung
ist nicht von heute auf morgen erfolgt. Deshalb sind Geduld, ein langer Atem und ein klares
Bekenntnis zur Menschenwürde die wichtigsten Voraussetzungen für ein am Ende
fruchtbringendes Gespräch, das allein die Aussicht auf ein friedliches Zusammenleben
begründen kann.
Christoph Böhr ist Landtagsabgeordneter in Rheinland-Pfalz und hat mehrere Bücher zu
philosophisch-politischen Fragen veröffentlicht. Bis November 2006 war er stellvertretender
Bundesvorsitzender der CDU.
Quelle: Rheinischer Merkur, Bonn/Deutschland, Nr. 29, 19.07.2007