27.12.2007

Türkei: Orthodoxe Kirche in Istanbul wurde als Billard-Salon vermietet

Staatliches Stiftungsamt handelte auf eigene Faust

Türkei: Orthodoxe Kirche in Istanbul wurde als Billard-Salon vermietet

Staatliches Stiftungsamt handelte auf eigene Faust

Istanbul/Türkei, 10.12.2007 (KAP) Im Tauziehen um den Immobilienbesitz der Kirchen in der
Türkei haben die Behörden jetzt ein Gotteshaus in Istanbul als Teehaus und Billard-Salon
vermietet. Wie die türkische Presse am 10. Dezember berichtete, wurde die griechischorthodoxe
St. Georgs-Kirche im historischen Stadtteil Edirnekapi bereits 1991 vom staatlichen
Stiftungsamt beschlagnahmt, weil sie "keine ausreichende Gemeinde" mehr habe. Auch die zur
Kirche gehörende orthodoxe Volksschule wurde damals beschlagnahmt. Vor einigen Monaten
schrieb das Stiftungsamt die Immobilien zur Nutzung aus und erteilte nun einem Betreiber den
Zuschlag, der darin ein Teehaus und einen Billard-Salon eröffnen will.
Das Ökumenische Patriarchat von Konstantinopel bestätigte den Zeitungsbericht auf Anfrage.
Patriarch Bartholomaios I. habe sich bei seinem jüngsten Besuch in Ankara im November
offiziell bei der Regierung darüber beschwert; zudem habe das Patriarchat die Europäische
Union informiert. In Kirchenkreisen hieß es allerdings, das staatliche Stiftungsamt handle auf
eigene Faust und nicht im Einklang mit den Wünschen der Regierung. Unklar war, ob der Vali
(Gouverneur) von Istanbul eingeschaltet und informiert ist.
Der Sprecher des Patriarchats, Pater Dositheos Anagnostopoulos, wies darauf hin, dass die
Enteignung auch nach dem neuen Stiftungsgesetz nicht zu korrigieren sei, das das türkische
Parlament in diesem Monat verabschieden soll. Das Gesetz, das die Rückgabe enteigneten
Besitzes an die Kirchen regeln soll, sieht keine Restitution von Immobilien vor, die der
türkische Staat an Dritte weiter gegeben hat.
In Istanbul gibt es Dutzende von orthodoxen, armenischen und katholischen Kirchen, die wegen
der Vertreibung und Abwanderung der Christen kaum mehr über eine Gemeinde verfügen. Die
Existenz dieser Kirchen erinnert daran, dass Istanbul/Konstantinopel bei Ausbruch des Ersten
Weltkriegs 1914 noch eine zu 50 Prozent christliche Bevölkerung hatte. Das christliche
Konstantinopel hatte im 19. Jahrhundert, in der "Tanzimat" (Reform)-Epoche, einen glanzvollen
Aufschwung genommen; viele Kirchen wurden in diesem Zeitraum restauriert oder neugebaut.
Beim Neubau von Sozialeinrichtungen der Stadtverwaltung von Konstantinopel war es in
diesem Zeitraum üblich, dass auf ausdrücklichen Wunsch des "Sultans und Imperators"
nebeneinander eine Moschee, eine orthodoxe Kirche und eine Synagoge errichtet wurden.
Quelle: Katholische Nachrichtenagentur Kathpress (KAP), Wien/Österreich.