12.07.2007

Ägypten: Verschleiert im Hörsaal

Nach einem Gerichtsurteil in Ägypten muss die Amerikanische Universität in Kairo den Gesichtsschleier auf ihrem Campus zulassen. Damit geht der schleichende Trend zur Verhüllung in der ägyptischen Gesellschaft einen Schritt weiter.<br />Von Birgit Svensson<br />

Ägypten: Verschleiert im Hörsaal

Nach einem Gerichtsurteil in Ägypten muss die Amerikanische Universität in Kairo den Gesichtsschleier auf ihrem Campus zulassen. Damit geht der schleichende Trend zur Verhüllung in der ägyptischen Gesellschaft einen Schritt weiter.
Von Birgit Svensson

Kairo/!agypten, 08.07.2007 (Die Welt) Nicht nur in Frankreich, Großbritannien oder
Deutschland. Auch in den arabischen Ländern wird derzeit heftig über die islamische
Kopfbedeckung debattiert. Jüngstes Beispiel ist Ägypten: Dort hat ein Gericht entschieden, dass
die in der ägyptischen Hauptstadt ansässige Amerikanische Universität ihren Studentinnen
erlauben muss, den Gesichtsschleier zu tragen, wenn diese es wünschen.
Wie der Islam mit Demokratie vereinbar ist Wie Muslime Bürger werden Dem Urteil voraus
ging ein langer juristischer Streit zwischen der Universität und einer ihrer Studierenden, die
aufgefordert wurde, aus Sicherheitsgründen den Schleier beim Betreten des Campus abzulegen.
Iman al-Zainy argumentierte mit Religionsfreiheit, Bestandteil der ägyptischen Verfassung –
und kam damit durch. Fortan müssen auch private Universitäten in Ägypten die Verschleierung
ihrer Studentinnen akzeptieren. Staatliche Hochschulen müssen dies schon lange. „Wir sind ja
nicht gegen den Hidschab“, reagiert Ibrahim Saleh, Professor für Journalismus und
Massenkommunikation der Amerikanischen Universität, auf das Urteil. „Das Tragen eines
Nikab aber macht die Frau völlig unkenntlich.“ Während der „Hidschab“ das Gesichtsoval
freigibt, verschleiert der „Nikab“ bis auf die Augen alles. Im Zuge terroristischer Bedrohungen
sei eine Vollverschleierung inakzeptabel, so der Professor. Dass das Schleierurteil von Kairo
auch Ausdruck einer überall sichtbar fortschreitenden Islamisierung des Landes bedeutet, will
Ibrahim Saleh nicht kommentieren. Bislang säßen nur knapp ein Dutzend voll Verschleierte in
den Hörsälen seiner Uni. Doch das Urteil birgt die Vermutung, dass es schon bald mehr werden
könnten.
Gelassenheit an der Deutschen Universität in Kairo
Er habe keine Probleme mit dem Nikab, beteuert Michael von Gagern, deutscher Stellvertreter
des ägyptischen Gründervaters der Deutschen Universität in Kairo (GUC). Nur vier
Studentinnen trügen derzeit den Gesichtsschleier auf dem Campus der GUC. „Das hält sich
noch in Grenzen.“ Für von Gagern ist er ein Kleidungsstück, Ausdruck von Identität, manchmal
auch Zeichen politischer Demonstration. „In meiner Studentenzeit liefen wir mit
Palästinensertüchern rum.“ Probleme bereitet ihm die zuweilen hämische Beobachterposition,
die durch das Verhüllen des Gesichts entsteht, das Sich-nicht-zu-erkennen-geben-Wollen. Doch
für die Zulassung zum Studium zählt für den Deutschen in erster Linie die Qualifikation der
Bewerberin. Das Äußere sei sekundär. Sicherheitsgründe, wie die Amerikanische Universität sie
angibt, will von Gagern für die GUC nicht gelten lassen. „Dafür gibt es Kontrollen am Eingang,
wofür die Frau den Schleier lüften muss.“ Hidschab und Nikab an westlichen
Bildungseinrichtungen in islamischen Ländern: in Ägypten eine schleichende Entwicklung.
„Vor zehn Jahren haben wir noch über das Tragen von Kopftüchern in unserer Schule
debattiert“, erinnert sich Pfarrer Joachim Schroedel, der als Abgesandter der deutschen
katholischen Bischofskonferenz in Ägypten und im gesamten Nahen Osten arbeitet. „Heute
diskutieren wir über den Schleier.“ Gut 100 Jahre ist es her, dass die Deutsche Schule der Borromäerinnen in Kairo gegründet wurde. Seitdem haben die Schulräume am Bab al-Louk
unterschiedliche Bekleidungsdebatten erlebt. Von den zu kurzen Miniröcken in den 1960er- und
70er-Jahren, als alles Westliche in Ägypten „in“ war und oft kritiklos kopiert wurde, bis hin zur
jüngsten Totalverschleierung. Pfarrer Schroedel erzählt, dass 1997 erstmals Grundsatzdebatten
geführt wurden, ob an westlichen Einrichtungen muslimische Traditionen Platz fänden. Die
meisten gingen dazu über, von da an den islamischen Freitag und nicht den christlichen Sonntag
als arbeitsfreien Tag einzuführen. Auch die deutsche Botschaft und das Goethe-Institut in Kairo
stellten sich um. Das Tragen von Kopftüchern wurde zur Selbstverständlichkeit. „Drei Jahre
später trugen unsere Schülerinnen lange Röcke und Hidschab.“ Damals seien aber noch die
Enden des Kopfschleiers im Kragen des Pullovers oder der Bluse versteckt worden.
Griff zum Schleier nach 9/11
Die uneingeschränkte Hinwendung zum Schleier kam infolge der Terroranschläge in den USA
im September 2001. Viele arabische Studenten wurden des Landes verwiesen, von den
amerikanischen Sicherheitsbehörden beschattet und verhört, oder die finanzielle Unterstützung
der Eltern wurde kurzerhand eingefroren. Frustriert kehrten die Jugendlichen zurück in ihre
Heimatländer. Die Zahlen arabischer Studenten an Hochschulen in den USA sind auch heute,
fast sechs Jahre nach den Anschlägen, auf einem Jahrhunderttief. Die Antwort auf die Suche
nach neuer Identität wurde für die Mehrzahl der Jugendlichen der Islam. Religiöse Symbole
haben derzeit in der arabischen Welt Hochkonjunktur. Der Schleier ist ein solches Symbol. Die
ägyptische Presse ist seit drei Jahren voll von Geschichten „geläuterter´“ Frauen, die den
Schleier angelegt und dadurch neues Selbstbewusstsein erlangt hätten. Vor allem
Schauspielerinnen und Bauchtänzerinnen werden in diesem Zusammenhang gerne genannt.
Doch der Schleier ist mehr als nur Identitätsstifter. Je größer das Desaster im Irak, eine fehlende
Lösung für Palästina und die einseitige Unterstützung im Libanon, desto größer der Hass auf
Amerika, den Westen und die eigenen Regierungen, die diese Politik unterstützen. Vor Kurzem
rief die Bemerkung des ägyptischen Kulturministers Faruk Hosni, wonach das Tragen des
Schleiers „rückwärtsgewandt“ sei, wahre Proteststürme in der Bevölkerung hervor. Leider gibt
es keine genauen Zahlen darüber, wie viele Frauen und Mädchen sich daraufhin verschleierten.
Quelle: Tageszeitung DIE WELT, Berlin/Deutschland