20.06.2007

Irak: Ein Priester und drei Diakone im Norden des Iraks erschossen

Erste bekannte Ermordung eines chaldäischen Geistlichen seit Saddam Husseins Sturz

Irak: Ein Priester und drei Diakone im Norden des Iraks erschossen

Erste bekannte Ermordung eines chaldäischen Geistlichen seit Saddam Husseins Sturz

ISTANBUL, 6. Juni 2007 – Im Norden des Irak wurden am 3. Juni in Mosul ein chaldäischer
Priester und drei Diakone von bislang Unbekannten erschossen. Vater Ragheed Ganni war nach
Aussage eines Informanten aus dem erzbischöflichen Ordinariat mit drei Diakonen auf der Fahrt
aus seinem Pfarrbezirk, als Bewaffnete ihn um 18.40 Uhr anhielten und aus dem Wagen zerrten.
Die Täter schossen die vier Christen nieder – Vater Ganni hat rund 15 Einschüsse – und fuhren
mit dem Auto des Priesters davon. Aus Angst vor weiteren Angriffen hätten Gannis
Gemeindemitglieder bis 22 Uhr gewartet, bevor sie die Toten von der Straße bargen, sagte der
Informant dem Informationsdienst Compass Direct. „Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie die
Leichen ausgesehen haben", so ein Priester.
Gannis Ermordung ist der erste bekannt gewordene Mord an einem chaldäischen Geistlichen im
Irak seit dem Sturz Saddam Husseins im Jahr 2003. „Warum mein Sohn? Welchen Fehler hat
er gemacht, um getötet zu werden", soll der Vater des Priesters auf Gannis Beerdigung gefragt
haben. „Er mochte seine Kirche, er liebte sein Volk und jeder liebte ihn." Zwar sind Ganni und
andere Geistliche in Mosul in der Vergangenheit bedroht worden, doch „jeder erhält
Drohungen", kommentierte ein Priester und verweist auf eine antichristliche Stimmung der
vorwiegend sunnitischen Einwohner der Stadt. Nach einem Bericht der katholischen
Nachrichtenagentur Asia News hat man Gannis Gemeinde bereits früher drangsaliert. Am 27.
Mai 2007 wurde die Kirche Opfer eines Bombenanschlages. „Wir stehen am Rande des
Zusammenbruchs", schrieb Ganni einen Tag danach in einer E-Mail an Asia News. Zwei der
ermordeten Diakone, Basman Yusef und Ghasan Bidawid, waren Mitte Zwanzig und ledig. Das
dritte Opfer, Waheed Isho (Ende 30), hinterlässt eine Frau und vier Kinder.
Zur Beerdigung kamen neben hochrangigen Geistlichen, darunter das Oberhaupt der
chaldäischen Kirche Patriarch Emmanuel III. Delly, auch der Finanzminister der kurdischen
Regionalregierung, der dieser historischen Gemeinschaft angehört. Delly forderte von der
irakischen Regierung mehr Aufmerksamkeit für die Notlage der christlichen Minderheit, die in
den letzten Monaten zunehmend mit Angriffen und Drangsalierung konfrontiert worden ist.
Vater Ganni blieb, um Kirche zu stärken
Einer christlichen Website aus dem Irak zufolge hat Ganni, der bis zum Jahr 2003 Seminarist in
Rom war, im vergangenen Jahr seine Rückkehr nach Rom zur Fortsetzung seiner Studien
verschoben, um in seiner Heimatstadt Mosul bei seiner Gemeinde zu bleiben. Ganni sei die
rechte Hand des Erzbischofs und für diesen wie ein Sohn gewesen, sagte ein Priester. Aus
Kreisen des Erzbischofs erfuhr Compass, dass der Gottesdienstbesuch in Gannis Gemeinde
aufgrund der hohen Zahl ausgewanderter Christen in den letzten drei Jahren um 70 Prozent
gesunken ist. „Bring den Priester um und es bringt die Gemeinschaft um", sagte ein Priester aus
dem Norden des Iraks am Telefon zu Compass.
Hintergrund:
Im Oktober 2006 wurde in Mosul ein syrisch-orthodoxer Priester entführt und verstümmelt, wie
es hieß als Vergeltung für die umstrittenen Zitate in der Rede von Papst Benedikts in der
Universität von Regensburg. In den Wochen nach der Regensburger Papstrede kam es auch zu
Angriffen auf Gannis Kirche. Die in Gemeinschaft mit Rom stehende chaldäische Kirche (eine
Ostkirche) ist die größte christliche Gemeinschaft des Iraks. Bis zum Sturz Husseins haben
Christen drei Prozent der irakischen Bevölkerung ausgemacht, doch inzwischen sind Christen
zu Hunderttausenden vor der fast im ganzen Land herrschenden Anarchie und Gewalt geflohen.
Compass Direct