09.11.2007
Türkei: Armenischer Patriarch von Istanbul lehnt US-Resolution ab
Ankara/Türkei, 15.10.2007 (KAP) Der armenisch-apostolische Patriarch von Istanbul und
ganzen Türkei, Mesrob II. Mutafyan, hat am 14. Oktober die vom Außenpolitischen Ausschuss
des US-Repräsentenhauses angenommene Resolution über eine Anerkennung der
Armenier-Massaker im Osmanischen Reich während des Ersten Weltkriegs als Völkermord
missbilligt. Er lehne die Resolution ab, erklärte der Patriarch nach Angaben der türkischen
Nachrichtenagentur "Anadolu Ajansi".
Ankara hat aus Protest gegen die Resolution den türkischen Botschafter aus Washington zur
Berichterstattung zurückberufen. In der Resolution werden die "Maßnahmen" gegen die
Armenier im mit Österreich-Ungarn und dem Deutschen Reich verbündeten Osmanischen Reich
ab 1915 ausdrücklich als "Völkermord" bezeichnet. Bei den bürokratisch durchgeplanten und
bis in die entferntesten Täler Anatoliens umgesetzten "Maßnahmen" der vom "Komitee für
Einheit und Fortschritt" (Ittihad ve Terakki) gestellten osmanischen Regierung wurden mehr als
1,5 Millionen Armenier und mindestens 500.000 syrische Christen getötet.
Treibende Kraft der "Maßnahmen" war der Großwesir und Innenminister Mehmet Talaat
Pascha, der zur harten panturanistischen Fraktion der Ittihadisten zählte. 1917 sagte er dem
deutschen Botschafter in Konstantinopel kühl: "La question armenienne n´existe plus" (die
armenische Frage existiert nicht mehr). Auf das Konto des Großwesirs gingen die chiffrierten
Telegramme an die Valis (Gouverneure) im ganzen Reich, in denen detaillierte Anweisungen
für die Durchführung des Völkermords gegeben wurden. Osmanische Beamte, die sich den
telegrafischen Anweisungen aus Konstantinopel entgegenstellen wollten, wurden abgesetzt,
inhaftiert oder gleich von der "Spezialorganisation" exekutiert. Talaat Pascha schreckte nicht
davor zurück, vor dem Kriegseintritt der Vereinigten Staaten an die
US-Versicherungsgesellschaften Anträge auf Auszahlung der Lebensversicherungspolizzen
ermordeter armenischer Politiker und Geschäftsleute zu Gunsten des osmanischen Ärars stellen
zu lassen.
Das offizielle Ankara lehnt trotz des Bruchs mit der osmanischen Vergangenheit bis heute die
Einstufung der "Maßnahmen" als "Völkermord" ab. Auch die Zahl der Opfer wird auf "250.000
bis 500.000" herunterlizitiert. Historiker räumen ein, dass die "kaiserlich-osmanische
Regierung" ab dem Kriegseintritt im Herbst 1914 völlig am "Palast" vorbei agierte; die
Wünsche des Sultans und seiner Berater wurden ignoriert. Der totalitäre Charakter des
"Komitees" wurde umso deutlicher, je länger der Krieg dauerte. Die Verantwortung des
osmanischen Staatsapparats für den Völkermord stehe aber außer Zweifel, sie könne nicht auf
die drei Mitglieder des ittihadistischen "Triumvirats" (Talaat, Enver, Cemal) beschränkt werden.
Nach dem Waffenstillstand 1918 und dem Sturz der ittihadistischen Regierung ließ der Sultan
auch zahlreiche Kriegsgerichtsprozesse durchführen, in denen es ausschließlich um die
Verbrechen gegen armenische, griechische und syrisch-christliche Bürger ging. Durch die
Machtergreifung der Kemalisten wurde der Prozess der Selbstreinigung aber abgewürgt.
Quelle: Katholische Nachrichtenagentur Kathpress (KAP), Wien/Österreich.