23.02.2008

Vietnam: Steht eine Niederschlagung der Katholiken bevor?

Tausende Katholiken demonstrieren seit Tagen für die Rückgabe von<br />Kirchengebäude – Landstreit seit über 50 Jahren

Vietnam: Steht eine Niederschlagung der Katholiken bevor?

Tausende Katholiken demonstrieren seit Tagen für die Rückgabe von
Kirchengebäude – Landstreit seit über 50 Jahren

 

Hanoi / Frankfurt am Main (31. Januar 2008) – Seitdem das Volkskomitee der Stadt Hanoi ein
Ultimatum vor drei Tagen verstreichen ließ, wonach der Erzbischof eine Versammlung von
Katholiken auf dem Gelände der Nuntiatur auflösen, eine Pieta-Statue und ein Kreuz entfernen
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sollte, ist es am Bischofssitz angespannt ruhig. Trotz Kälte und Regen hält eine Gruppe von 40
Katholiken Tag und Nacht eine Mahnwache, um der Forderung des Erzbischofs nach Rückgabe
eines Gebäudes Nachdruck zu verleihen. Seit dem 29. Januar 2008 beobachtet die Internationale
Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) eine rege Mobilisierung von Polizei und
Militärfahrzeugen in der Nähe des Geländes. Die Teilnehmer der Mahnwache werden seither
gefilmt. Die IGFM befürchtet, dass ein gewaltsamer Eingriff unmittelbar bevorsteht. Die IGFM
ruft die vietnamesische Regierung zur Besonnenheit und zum Verzicht von Gewalt auf.
Auf dem ca. ein Hektar großen Gelände des Bischofsitzes von Hanoi befindet sich neben der
Kathedrale, dem Priesterhaus und dem Priesterseminar auch noch der Sitz des damaligen
Nuntius. Nach der Machtübernahme der Kommunisten in Nordvietnam war der Nuntius 1959
des Landes verwiesen und die Nuntiatur beschlagnahmt worden. Der Erzbischof von Hanoi ist
nun der Meinung, dass das Nuntiatur-Gebäude und das dazu gehörende Grundstück Eigentum
der Kirche in Vietnam seien. Die Regierung behauptet, ein (regierungsfreundlicher) Priester
habe das Gelände dem Staat im Jahre 1961 geschenkt.
Die Regierung hatte bereits den Bau einer Mauer durchgesetzt, die einen Teil der
Räumlichkeiten vom Bischofssitz trennt. Diese Räumlichkeit wird kommerziell genutzt. Neben
einem Restaurant und einem Kraftstudio wurden auf dem Nuntiatur-Gelände bis vor einigen
Jahren auch eine Trinkbar und ein Nachtklub betrieben. Dessen laute Musik war bis in die tiefe
Nacht zu hören und störte die Ruhe der Priester in der Bischofsresidenz. Viele Katholiken
behaupten, dass der frühere Bischof durch diese nächtliche Ruhestörung krank geworden sei.
Auslöser des aktuellen Unmuts ist die ständige Verletzung des Status quo, der zwischen Staat
und Kirche bis zur Beilegung des Streits vereinbart worden war. Ungeachtet der Beschwerde
des Erzbischofs wurde nämlich im Dezember der Garten zum kommerziellen Parkplatz
verwandelt, eine Bank in der zweiten Etage des Restaurants eingerichtet und die früheren
Nuntiaturräumlichkeiten umgebaut. Nachdem Erzbischof Ngo Quang Kiet in einem offenen
Brief am 15. Dezember 2007 die Diözese auf die Probleme hingewiesen hat, eskaliert mit jedem
Tag die Situation. Katholiken in Hanoi wollen die Erosion stoppen.
Die Katholiken halten der Regierung vor, mit einer Hinhaltetaktik die Kirche einerseits durch
Bauvorhaben vor vollendeten Tatsachen zu stellen und andererseits sich eine bessere
Verhandlungsposition zu schaffen. Seit dem 18.12.2007 versuchen daher Katholiken in Hanoi
mit verschiedenen Aktionen, das Gelände abzusichern. Mit der Errichtung einer Pieta-Statue
und danach eines 4 Meter hohen Kreuzes haben sich die Katholiken einen Wallfahrtsort
geschaffen und mit dem gemeinsamen Gebet eine adäquate Form des Versammelns gefunden,
die vom Gesetz gedeckt ist. Trotz verschiedener Provokationen der Sicherheitskräfte verhielten
sich die Katholiken bisher weitgehend friedlich und äußerst diszipliniert.
Die Regierung wirft ihnen nun vor, sich unrechtmäßig versammeln zu haben. Die Kirche
erwiderte, dass sie sich im Rahmen des Gesetzes bewege, denn nach der „Verordnung über
Glauben und Religion“ dürften Religionsgemeinschaften religiöse Aktivitäten innerhalb ihrer
kirchlichen Räumlichkeiten durchführen. Und das Bischofgelände betrachtet die Kirche als ihr
Eigentum. Außerdem seien keine Transparente oder Sprechchöre gegen die Regierung zu sehen
oder zu hören.
Auch der Besuch von Premierminister Nguyen Tan Dung bei dem Erzbischof am 30.12.2007
und der Besuch des Vorsitzenden der vietnamesischen Bischofskonferenz am 16.1.2008 in
Hanoi brachten keinen Durchbruch. So war zu hören, dass die Regierung bereit sei, die
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Nuntiatur in Hanoi, den Wallfahrtsort La-Vang in Quang Tri und das Päpstliche Institut in Dalat
an die katholische Kirche zurückzugeben unter der Bedingung, dass die Kirche alle weiteren
Streitigkeiten über konfisziertes Kircheneigentum beendet. Die Kirche lehnte diesen Kuhhandel
ab.
Die Lage eskalierte, als die Behörden den Zugang zur Nuntiatur und damit zur Pieta auch am
Tag versperrten. Nach der Feier anlässlich des 90. Geburtstages von Kardinal Pham Dinh Tung
am 25.1.2008 marschierten 2.000 bis 3.000 Katholiken zur Nuntiatur. Dabei kam es zu
Handgreiflichkeiten, bei dem mehrere Menschen verletzt wurden. Die Regierung stellte
daraufhin ein Ultimatum und forderte den Erzbischof von Hanoi auf, „die illegalen Aktivitäten
einzustellen“.
Zurzeit verhandeln der Vatikan und Vietnam über die Wiederaufnahme der diplomatischen
Beziehungen. Anfang letzten Jahres besuchte der vietnamesischen Premierminister den Papst.
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Tagebuch der Geschehen auf dem Bischofsgelände in Hanoi
vom 18.12.2007 bis 29.1.2008
18.12.2007: Rund 4.000 junge Katholiken nehmen an einer Veranstaltung zur Ehrung eines
namhaften vietnamesischen Kirchenkomponisten teil. Danach gehen rund 2.000 Personen auf
das benachbarte Nuntiatur-Gelände und beten dort für die Rückgabe der Nuntiatur.
19.12.2007: Polizisten bewachen die Nuntiatur, aber stören das Gebet nicht.
20.12.2007: Rund 5.000 katholische Priester, Ordenschwestern und Gläubige nehmen an der
Weihe von 18 Priestern teil. Eine etwa 2 Meter große Pieta wird an einem großen Baum auf dem
Gelände der Nuntiatur aufgestellt. Nach der Weihe marschieren 5.000 Katholiken dorthin und
beten an der Pieta. Seitdem bringen Katholiken täglich Blumen und Kerzen zu diesem
Wallfahrtsort. Auch abends stehen sie vor verschlossenen Toren, um zu beten.
24.12.2007: Ein Holzkreuz wird an dem Baum neben der Pieta angebracht.
26.12.2007: Die Regierung befestigt an den Wänden der Nuntiatur zwei Schilder mit dem
Schriftzug „Kulturhaus“ und „Amt für Kultur, Information, Gymnastik und Sport“. Die
Katholiken betrachten dies als Provokation.
30.12.2007: Premierminister Nguyen Tan Dung besucht den Erzbischof von Hanoi, Ngo Quang
Kiet, und das umstrittene Gelände. Der Premier beobachtet die friedliche Versammlung vor den
Toren der Nuntiatur sowie die Unterschriftensammlung für die Rückgabe des Kirchengebäudes.
1.1.2008: 2.000 Menschen marschieren zur Nuntiatur. Enttäuscht stellen sie fest, dass der
Zugang versperrt ist. Die Tore der Nuntiatur wird zum ersten Mal am Tag mit Ketten
verschlossen. Hinter den Toren liegen große Betonklötze. Die Katholiken stehen friedlich vor
dem Zaum und beten. Die Polizei leitet den Verkehr um, ohne einzugreifen.
3.1.2008: Während die Verhandlungen zwischen Regierung und Kirche laufen, sagt der Leiter
des Zentralamtes für Religiöse Angelegenheiten in einem Interview mit dem britischen Sender
BBC, dass die Kirche Bezeichnungen wie „Zurückfordern“ und „mein und dein Grundstück“
niemals benutzen sollten. Nach dem sozialistischen Gesetz sei das Land Volkeigentum und
werde vom Staat verwaltet. Nach Bedarf stelle der Staat einzelnen Personen und Organisationen
Grundstücke für die langfristige Nutzung zur Verfügung. Katholiken werten die Aussage als
Verhärtung der Verhandlungsposition.
6.1.2008: Handgreiflichkeiten geschehen bei einer Auseinandersetzung zwischen Polizei und
Katholiken der Gemeinde Thai Ha in dem Erzbistum Hanoi, als Katholiken die Bauvorhaben
eines staatlichen Betriebs auf dem Gelände der Kirche verhindern wollen. Auch in Thai Ha
halten die Gemeindemitglieder schon seit dem 5.1.2008 eine Mahnwache auf dem umstrittenen
Kirchengelände ab. Die Kirche beklagt, dass ihnen von den früher 60.000 qm nur noch 2.700
qm gelassen wurden. Auch hier war ein Status quo bis zur Findung einer gemeinsamen Lösung
vereinbart worden. Zeitgleich demonstrieren weitere rund ein Tausend Katholiken am 6.1.2008
vor dem Gebäude des Volkskomitees der Stadt Ha Dong, das früher eine katholische Kirche
war. Die Demonstration verläuft ohne Zwischenfall.
10.1.2008: Geburtstagsfeier des 90jährigen Kardinals und früheren Erzbischofs von Hanoi,
Pham Dinh Tung, im engen Kreis von Verwandten und Kirchenleiter. Nach der Messe
marschieren rund ein tausend Personen zum Nuntiatur-Gelände. Sie beten friedlich unter den
Augen der Polizei.
11.1.2008: Das Volkskomitee der Stadt Hanoi wirft den Erzbischof und den Priestern vor, mit
den Versammlungen gegen das Gesetz verstoßen zu haben.
16.1.2008: Der Vorsitzende der vietnamesischen Bischofskonferenz, Bischof Nguyen Van
Nhon, reist von Hanoi ab, nachdem seine Verhandlung mit der Regierung über verschiedene
Landstreitigkeiten erfolglos beblieben ist. Seit dem 17.1.2008 übernimmt Bischof Nguyen Van
Sang von Thai Binh die Vermittlungsrolle.
25.1.2008: Kardinal Pham Dinh Tung feierte eine große Messe aus Anlass seines 90.
Geburtstags, seines 60jährigen Priester-, 45jährigen Bischof- und 15jährigen Kardinaljubiläums
in der Kathedrale. Anschließend marschierten 2.000 bis 3.000 Menschen zur Nuntiatur und
beten vor den verschlossenen Toren. Eine Frau der ethnischen Muong-Minderheit klettert über
den Zaun und läuft mit einem Blumenstrauß zur Pieta-Satue. Sie wird von Sicherheitskräften
aufgefangen und malträtiert. Ein Rechtsanwalt überwindet ebenfalls den Zaun, um ihr zur Hilfe
zu kommen. Auch er wird festgehalten und brutal geschlagen. Einige Dutzend andere kommen
ihnen zur Hilfe. Die aufgebrachte Menge reißt das Tor nieder und strömt auf das Gelände. Sie
fordern die Freilassung der beiden Festgenommenen. Als ihre Forderung kein Gehör findet,
demolieren sie eine Haustür und befreien ihren Glaubensbruder und ihre Glaubensschwester.
Dabei kommt es zu Handgreiflichkeiten zwischen Katholiken und Regierungsbeamten. Einige
Dutzend Katholiken bringen ein 4m hohes Kreuz und richten es vor der Nuntiatur auf.
Schließlich errichten Katholiken mehrere Zelte, um das Gelände tags und nachts zu bewachen.
26.1.2008: Das Volkskomitee der Stadt Hanoi stellt dem Erzbischof von Hanoi ein Ultimatum.
Bis 17 Uhr des 27.1.2008 soll der Bischof die gesetzwidrigen Aktivitäten einstellen, die
Versammlung auflösen, die Statue Pieta, das Kreuz und die Zelte aus dem Nuntiatur-Gelände
entfernen lassen.
27.1.2008: 3.000 Katholiken versammeln bis Fristablauf des Ultimatums auf dem Nuntiatur-
Gelände und beten vor dem Kreuz sowie der Pieta. Die Polizei beobachtet und filmt sie, ohne
einzuschreiten.
28.1.2008: Bischof Nguyen Van Sang kommt zum gemeinsamen Gebet auf das Nuntiatur-
Gelände. Das Erzbistum Hanoi protestiert gegen die Verunglimpfungskampagnen in den
staatlichen Medien und unterstreicht, dass das Beten auf dem kirchlichen Gelände von der
Verordnung für Glauben und Religion gedeckt ist.
29.1.2008: Mehrere Fahrzeuge der Polizei und Armee fahren in das Gebiet. Mehrere Fernsehund
Fotografenteams filmen die versammelten Katholiken. Die beunruhigten Katholiken lösen
Alarm aus und rufen andere Gläubige zur Unterstützung auf. Innerhalb von einer halben Stunde