04.06.2008
Türkei: Auch die römisch-katholischen Christen in der Türkei hoffen auf EU-Beitritt
Ankara/Türkei, 20.05.2008 (KAP) Ein EU-Beitritt der Türkei würde für die Christen im Land eine deutliche Verbesserung ihrer Lage mit sich bringen. Dies betont der Vorsitzende der türkischen Bischofskonferenz, Bischof Luigi Padovese, im Gespräch mit österreichischen Journalisten im Rahmen einer "Kathpress"-Informationsreise. Laut Padovese würde ein Beitritt die Türkei zu einem umfassenderen Verständnis von Religionsfreiheit verpflichten, zu dem auch ein besserer Schutz religiöser Minderheiten zähle.
Für die religiösen Minderheiten wäre jedoch bereits "ein großer Schritt getan", wenn die Türkei die "Kopenhagener Kriterien" unterzeichnen würde, so Padovese. In den "Kopenhagener Kriterien", die potenzielle Beitrittsländer unterzeichnen müssen, werden politische und wirtschaftliche Grundbedingungen benannt. U.a. findet sich hier auch der Anspruch auf die Wahrung der Menschenrechte und Bürgerfreiheiten sowie die Achtung und der Schutz von Minderheiten.
Zugleich würde dies auch zu einer "Anpassung des bisherigen Konzepts der staatlichen Laizität" führen, so Padovese. Prinzipiell sei die dezidierte Trennung von Staat und Religion zu befürworten, jedoch bedürfe das derzeitige türkische Verständnis der Laizität einer Anpassung, wenn "staatliche Neutralität in Missachtung von Religion umschlägt", so der Bischof. Staatliche Laizität müsse mit einer Gleichbehandlung aller Religionen einhergehen und einen "religiösen Pluralismus" fördern, so Padovese. Ein solcher Pluralismus sei jedoch nicht staatlich zu verordnen, sondern müsse sich gesellschaftlich und kulturell einstellen. Hier seien auch die Christen gefordert, ihre Dialogbereitschaft immer wieder neu zu demonstrieren, ohne ihre eigene Identität zu verleugnen, so der Bischof.
"Brückenfunktion zwischen Europa und Asien"
Ein EU-Beitritt der Türkei würde laut Padovese auch für Europa zahlreiche Vorteile mit sich bringen. So könnte die Türkei eine "Brückenfunktion zwischen der europäischen und der asiatischen Welt" übernehmen und als Vermittlerin nicht nur in wirtschaftlichen, sondern vor allem in kulturellen Belangen fungieren.
Das derzeitige Schwinden der EU-Begeisterung in der Türkei führt Padovese insbesondere auf die Lobbyarbeit nationalistischer Parteien und Gruppierungen zurück. Diesen gelinge es zusehends, den Eindruck hervorzurufen, dass die von der Europäischen Union genannten Beitrittskriterien und Maßstäbe als "Demütigung der Türkei" empfunden würden, so Padovese.
Prozess gegen islamistische Zeitung angestrebt
Auch die Christen würden wieder zum Ziel von journalistischen Attacken in Zeitungen. Insbesondere in dezidiert islamistischen Zeitschriften wie "Anadolu Vakit" würde das Christentum - in bewusster Verdrehung der geschichtlichen Tatsachen - als "Fremdkörper" und als Religion der ehemaligen Kolonialmächte dargestellt, so Padovese.
So habe die "Vakit" etwa in ihrer Ausgabe vom 19. Dezember den Vorwurf erhoben, die Caritas in der Türkei unterstütze die kurdische Arbeiterpartei PKK. Auf Grund der Tatsache, dass er selbst Präsident der türkischen Caritas sei, werde er nun gerichtlich gegen diese Behauptung vorgehen, so Padovese. Dies gestalte sich zwar aufgrund des fehlenden Rechtsstatus der katholischen Kirche wie der Caritas in der Türkei als schwierig, man habe jedoch bereits vom Päpstlichen Rat "Cor unum" eine Bestätigung über den Status einer international tätigen und anerkannten Organisation erhalten, mit der nun vor Gericht gezogen werden soll.
Mit Nachdruck wies Padovese darauf hin, dass man nicht verallgemeinern dürfe. "Das türkische Volk an sich ist gesund und lebt eine enorme Buntheit an Kultur und Religionen", so Padovese. Es seien "immer nur kleine Gruppen, die die Atmosphäre verderben".
"Dialogzentrum" in Iskenderun
Insgesamt sei der Südosten der Türkei von einer "enormen Dialogbereitschaft" gekennzeichnet, so Padovese. So veranstalte er an seinem Amtssitz in Iskenderun (Alexandrette) etwa monatliche Veranstaltungen und Diskussionsrunden, die dem interreligiösen Dialog dienen, berichtete der Bischof. Das dazu eigens gegründete "Dialogzentrum" (Centro di Dialogo interculturale e interreligioso) besitzt neben Seminarräumen auch eine eigene Bibliothek und einen großen Vortragssaal.
Die Region um die alte Metropole Antiochien (Antakya) - der sogenannte "Sandschak von Alexandrette" - war nach dem Ersten Weltkrieg zunächst französisch gewesen. Erst 1939 wurde der Sandschak wieder an die Türkei abgetreten. Auf Grund dieser historischen Entwicklung blieben in der Region um Antiochien viele Traditionen des osmanischen Pluralismus erhalten.
Quelle: Kathpress, Wien/Österreich.