04.06.2008

Türkei: Katholischer Bischof Padovese beklagt fehlenden Rechtsstatus der Kirche

Vorsitzender der katholischen türkischen Bischofskonferenz: "Wir existieren de facto, aber nicht de jure" - "Fehlende Inkulturation des Christentums" in der Türkei

Türkei: Katholischer Bischof Padovese beklagt fehlenden Rechtsstatus der Kirche

Vorsitzender der katholischen türkischen Bischofskonferenz: "Wir existieren de facto, aber nicht de jure" - "Fehlende Inkulturation des Christentums" in der Türkei

 

Ankara/Türkei, 13.05.2008 (KAP/APD) Der Vorsitzende der türkischen katholischen Bischofskonferenz, Bischof Luigi Padovese, hat erneut auf das Problem des fehlenden kirchlichen Rechtsstatus der römisch-katholischen Kirche in der Türkei hingewiesen. Bei einer Begegnung mit Journalisten im Rahmen einer "Kathpress"-Informationsreise sagte Padovese, der in der Hafenstadt Iskenderun (Alexandrette) residiert: "Wir existieren de facto, aber nicht de jure".

Das Fehlen jeglicher rechtlicher Anerkennung sei das "zentrale Problem und das Hemmnis für jede weitere Stärkung des Christentums in der Türkei", so Padovese. Greifbar werde dies vor allem im alltäglichen religiösen Leben, so etwa bei der Frage der Anstellung von Seelsorgepersonal. Derzeit müssen Priester und Ordensleute ihr Visum jährlich erneuern lassen.

Auch im Hinblick auf die Rückgabe von konfiszierten kirchlichen Immobilien sei die Frage des Rechtsstatus entscheidend, unterstrich Padovese. So lange die Kirche nicht rechtlich anerkannt sei, gebe es keine Möglichkeit, auf eine Restitution zu pochen: "Wem sollte der Staat die Güter auch zurückgeben, wenn wir offiziell nicht existieren?"

Demonstrieren lasse sich dieses Dilemma an einem aktuellen Beispiel in der Großstadt Adana in Kilikien. Dort habe ein Jesuitenpater ein auf seinen Namen eingetragenes Grundstück unmittelbar vor der Pauluskirche verkauft. Der neue Besitzer gestatte nun den Christen nicht, das Gotteshaus über das Grundstück zu betreten. Ein Prozess ging bereits verloren. Nun gebe es nurmehr die Alternativen, dass die Stadt Adana von sich aus einlenke und den Zugang ermögliche, oder aber es müsse ein neuer Seiteneingang zur Kirche geschaffen werden.

Es gibt "Geheimchristen"

Von nicht weniger großer Bedeutung sei jedoch auch die bislang "fehlende Inkulturation des Christentums" in der Türkei. Der Umstand, dass die Kirche in der Türkei auf Priester und Ordensleute aus dem Ausland angewiesen sei, habe dazu geführt, dass das Christentum von vielen als "Fremdkörper im eigenen Land" wahrgenommen werde, so Padovese. Vom Gelingen der "Inkulturation" werde "die Fortexistenz des Christentums in der Türkei" abhängen.

Die Zahl der Christen in der Türkei wird von vielen auf nur rund 100.000 geschätzt. Vor 1914 betrug der Anteil der Christen an der Bevölkerung auf dem heutigen türkischen Territorium noch rund 30 Prozent.

Bischof Padovese erinnerte in diesem Zusammenhang an die nicht unerhebliche Anzahl von "Geheimchristen" in der Türkei. Dabei handelt es sich um Nachkommen von Christen, die während der Herrschaft des jungtürkischen Komitees für Einheit und Fortschritt (Ittihad ve Terakki) in der Endphase des Osmanischen Reiches den Islam oft nur äußerlich angenommen hätten, um sich vor politischer Verfolgung zu schützen. In den Familien der "Geheimchristen" sei das Bewusstsein der ursprünglichen religiösen Zugehörigkeit zwar weitergegeben worden. Mittlerweile jedoch seien diese Menschen zumeist gänzlich säkularisiert und ihrer ursprünglichen christlichen Identität entfremdet, so Bischof Padovese im Gespräch mit den österreichischen Journalisten.

Das Apostolische Vikariat Anatolien mit Sitz in Iskenderun wurde 1990 neu strukturiert. Das von italienischen Kapuzinern betreute Vikariat wuchs seit 1950 von ursprünglich 175 auf mittlerweile rund 5.000 Katholiken in acht Pfarrgemeinden. Seit 2005 ist Bischof Padovese auch Vorsitzender der Türkischen Bischofskonferenz.

Die Katholische Bischofskonferenz in der Türkei zählt derzeit sieben Mitglieder, darunter fünf Bischöfe und zwei Priester, von denen der eine das Amt eines Chorbischofs bekleidet und für die syrisch-katholischen Gläubigen zuständig ist (Msgr. Yusuf Sag), der zweite ist ein Patriarchalvikar und für die chaldäisch-katholischen Gläubigen verantwortlich (Msgr. Francois Yakan). Von den fünf Bischöfen gehören drei dem lateinischen Ritus an, zwei dem armenischen. Fünf der sieben Mitglieder der Türkischen Bischofskonferenz residieren in Istanbul, nur Bischof Padovese residiert in Iskenderun, Erzbischof Ruggero Franceschini hat seinen Sitz in der Ägäis-Metropole Izmir (Smyrna).

Der Klerus werde bis heute zum überwiegenden Teil von Ordensgemeinschaften gestellt, da es der Kirche in der Türkei aufgrund des fehlenden Rechtsstatus nicht erlaubt sei, ein eigenes Priesterseminar zu betreiben. So sei man auf Priesternachwuchs aus dem Ausland angewiesen. Ähnliche Sorgen treiben auch die orthodoxen Christen um, so Padovese. Das Patriarchat von Konstantinopel bemühe sich seit längerem um die Wiedereröffnung des 1971 von den türkischen Behörden geschlossenen Priesterseminars und der Theologischen Hochschule von Chalki, bislang jedoch erfolglos.

Im Bereich der katholischen Kirche seien in der Türkei die Kapuziner, die Dominikaner, die Jesuiten, die Franziskaner, die Lazaristen sowie einige weitere kleinere Ordensgemeinschaften aktiv.

Quelle: Kathpress, Wien/Österreich