09.06.2008

Iran: Inhaftierte Christen wurden freigelassen

Früheren Muslimen, die Christen wurden, drohen Gerichtsverfahren – Regierung nimmt Konvertiten ins Visier

Iran: Inhaftierte Christen wurden freigelassen

Früheren Muslimen, die Christen wurden, drohen Gerichtsverfahren – Regierung nimmt Konvertiten ins Visier

ISTANBUL, 9. Juni 2008 – Zwei im Iran im Mai verhaftete Christen wurden nun auf Kaution entlassen. Der 21-jährige Mojtaba Hussein aus Shiraz war am 11. Mai im Haus seines Vaters festgenommen worden. Zuvor hatten die Beamten die Entlassung verweigert, da Mojtaba nicht mit den Behörden kooperiere, hieß es gegenüber der Familie des Christen. Vermutet wird, dass der internationale Druck nach Bekanntwerden des Falles zur Freilassung geführt haben könnte, so ein einheimischer Christ gegenüber dem Nachrichtendienst Compass Direct. Hussein steht weiter unter der Kontrolle der Behörden. Dem ehemaligen Muslim, der Christ wurde, werden „Aktivitäten gegen unsere heilige Religion" vorgeworfen. Er muss sich dafür vor Gericht verantworten. Auch dem freigelassenen Hamoyon Shokohie Gholamzadeh (48) werden Aktionen gegen den Islam vorgeworfen. Der Muslim, der ebenfalls Christ wurde, wurde nur zwei Stunden vor der Verhaftung Husseins, mit seiner Frau und einem weiteren christlichen Ehepaar festgenommen. Die beiden Frauen kamen noch am Tag ihrer Verhaftung, der andere Christ einige Tage später frei. Auch sechs weiteren Mitte Mai festgenommenen Christen, allesamt ehemalige Muslime, werden „gegen das Land gerichtete Aktivitäten" vorgeworfen. Die Verfahren gegen alle betroffenen Konvertiten sind schwebend, sie könnten jederzeit vor Gericht gestellt werden. Weiter unklar bleibt der Aufenthaltsort von zwei am 13. Mai in einem Park in Shiraz verhafteten Konvertiten. Mahmood Matin und ein als Arash bekannter Mann gehören einer Hausgemeinde an. Von den 65 Millionen Einwohnern sind 99 Prozent Muslime. Schätzungsweise gibt es 125.000 bis 150.000 meist armenische und assyrische Christen. Die Zahl der Muslime, die Christen wurden, wird auf 250.000 geschätzt.

  

Pastor „Wir dürfen nicht schweigen“

Auf Kaution entlassen wurde noch ein weiterer Konvertit. Ende April war ein Ehepaar aus der nordiranischen Stadt Amol verhaftet worden. Die schwangere Frau war nach drei Tagen freigelassen worden. Dem Mann wurde gesagt, dass ein Verfahren gegen ihn eröffnet wurde und er jederzeit zum Prozess geladen werden kann. „Das ist ein Muster“, sagte ein jetzt im Ausland lebender iranischer Pastor, der das Ehepaar in Amol kennt. „Man steckt sie ein paar Wochen lang ins Gefängnis, prügelt sie und übt Druck auf sie aus, um Informationen über die anderen Konvertiten zu bekommen." Es sei klar, sagte er, dass die Regierung über die steigende Zahl ehemaliger Muslime in der Provinz Manzandaran, die in den vergangenen Jahren Christen wurden, informiert ist. Ein christlicher Leiter ist in der Nordregion des Irans während der vergangenen beiden Jahre wiederholt von Polizisten festgenommen worden. Anfang des Jahres wurde er schwer misshandelt. „Wenn wir darüber schweigen, wird die Regierung weiter gegen uns vorgehen“, sagte der Pastor. „Wir dürfen nicht schweigen!" Regelmäßig inhaftiert und verhört die iranische Sicherheitspolizei Muslime, die Christen wurden. Sie gelten als Verbrecher, die sich des Abfalls vom Islam schuldig gemacht haben. Die Christen sind im Polizeigewahrsam harten Verhören etwa über die wachsende Hausgemeindebewegung im Iran ausgesetzt.

Hintergrund:

Nach den islamischen Gesetzen des Irans ist es verboten, Muslime zu evangelisieren. Jeder Muslim, der vom Islam in eine andere Religion wechselt, kann hingerichtet werden. Ein Gesetzentwurf, der dem wiedergewählten Parlament vorliegt, würde die Todesstrafe für Apostaten vorschreiben. In den vergangenen drei Jahrzehnten unter dem islamistischen Regime des Irans sind Hunderte von Bürgern, die den Islam verlassen haben und Christen geworden sind, wochen- oder monatelang in Haft genommen, an unbekannten Orten festgehalten und psychischer und körperlicher Folter unterworfen worden. Auf Kaution freigelassen, sind sie weiter strafrechtlicher Verfolgung ausgesetzt, falls sie Hausgemeinden besuchen oder an christlichen Aktivitäten beteiligt sind. Die iranische Regierung bestreitet, dass sie Bürger ihres Glaubens wegen verhaftet. Offizielle Sprecher bestehen darauf, bei derartigen Fällen gäbe es „gerichtliche" oder „sicherheitsrelevante" Vorwürfe. Es soll sich dabei um Verstrickungen in ausländische Interessen handeln, die gegen den Iran gerichtet sind. Pastor Hossein Soodman, ein vom Islam zum Christentum konvertierter Iraner, der 1990 von der iranischen Regierung hingerichtet wurde, wurde beschuldigt, als „amerikanischer Spion" gearbeitet zu haben. Seitdem sind noch sechs protestantische Pastoren von unbekannten Tätern ermordet worden.

Compass Direct