30.05.2010
2. ÖKT beschäftigt sich mit Ökumene unter Christen in Nahost angesichts massiven Drucks
Vatikanberater ruft zu "Dialog des Lebens" auf
2. ÖKT beschäftigt sich mit Ökumene unter Christen in Nahost angesichts massiven Drucks
Vatikanberater ruft zu "Dialog des Lebens" auf
Von Michaela Koller
MÜNCHEN, 14. Mai 2010 (ZENIT.org).- Die Christen im Orient können ohne Ökumene gar nicht überleben, ist Dietmar Winkler, Salzburger Professor für Patristik und Kirchengeschichte, überzeugt. Im Rahmen des 2. Ökumenischen Kirchentags hatte das Vorstandsmitglied von Pro Oriente und Konsultor des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen auf Einladung der Wiener Stiftung je einen katholischen, orthodoxen und orientalischen Christen am Freitag um sich versammelt.
„In ein paar Jahrhundertern wird kaum mehr ein Christ im Nahen Osten sein." Jesuitenpater und Vatikanberater Samir Khalil Samir sprach aus, worüber sich alle Podiumsteilnehmer trotz der lebhaften Diskussion einig waren. Bereits beim Podium „Christen im Nahen Osten - fast 2000 Jahre Christentum vor dem Aus?" am Vortag ging es um die Zukunftsangst der Christen in der Region, von denen sich viele zur Flucht gezwungen sehen, wie Pater Emanuel Youkhana, Leiter der „Christian Aid Programme Nohadra Iraq" feststellte.
Der in Kairo geborene Pater Samir Khalil Samir schilderte die Situation der Christen dort als „schwierig, unerträglich". Aus sicheren westlichen Ländern wie den USA, Kanada, wo seine Brüder lebten, oder auch Europa und Australien, kehrten die Migranten nicht mehr zurück in die Heimat. lediglich Saudi-Arabien, wo viele Araber zeitweilig aus wirtschaftlichen Gründen für lukrative Beschäftigungen anheuerten, verließen sie nach gewisser Zeit wieder.
So habe auch die Situation der Christen aus diesen Ländern Einfluss auf die Lage im Westen. Das bedeute auch Bereicherung, denn diese Migrantengruppe sei konfessionell vielfältig. „Unter den Katholiken allein gibt es nicht nur eine, sondern sieben Spiritualitäten", erinnerte er die Zuhörer an die unterschiedlichen unierten Kirchen der Region. Diese Vielfalt wird sich auch kommenden Oktober in Rom bei der Nahost-Sondersynode widerspiegeln, für deren Arbeitspapier der in Beirut und Rom lebende Jesuit den Vorentwurf verfasste.
Die sogenannten Lineamenta werden während der bevorstehenden Zypernreise Papst Benedikt XVI. den Vertretern der Ostkirchen übergeben. Sie behandeln auch das Verhältnis zu den Muslimen. Eben über den Umgang mit ihnen entbrannte beim Pro-Oriente-Podium eine leidenschaftliche Debatte. Pater Samir Khalil Samir ist überzeugt, dass Christen den Muslimen auch das Evangelium bringen müssen. „Das ist doch unser Schatz", sagte er. Freunden könne man nicht das Beste vorenthalten. „Und das Beste, was wir haben, ist Christus", bekannte der Jesuit. „Ich bin nicht dafür Proselytismus zu machen", sagte der Theologe, der regelmäßig muslimischen Imamen das Christentum vorstellt. Für ihn geht es darum, seinen Standpunkt aufzuzeigen.
Kürzlich habe er vor Schiiten über den Märtyrerbegriff gesprochen, die die christliche Bedeutung von Verzeihen zunächst nicht nachvollziehen wollten, hinterher jedoch deren Bedeutung für den Frieden einräumten. Pater Samir Khalil Samir sprach sich jedoch gegen einen theologischen Dialog mit dem Islam aus. „Als Christen können wir nicht Mohammed als Propheten anerkennen", argumentierte er. Vielmehr plädierte er für einen Dialog des Lebens über philosophisch-ethische Prinzipien. „Über Menschenrechte, Frauen oder Atheisten sollten wir reden." Samir rief dazu auf, vor Muslimen die Gewissensfreiheit zu thematisieren. „Denn ein Muslim, der Christ wird, kann dort getötet werden".
Der libanesische Professor Assaad Elias Kattan von der rum-orthodoxen Kirche von Antiochien sah gerade in Samirs Dialogansatz ein Manko. „Ich kann von der katholischen Kirche nichts erwarten, aber doch erhoffen", sagte er verknüpft mit dem Aufruf, gezielt den theologischen Dialog mit der anderen Weltreligion zu suchen und den Islam als gleichberechtigte Religion anzunehmen. Der Münsteraner wünschte sich zudem „wirklich gemeinsame Projekte", von denen in den Lineamenta die Rede sei. Damit sollte auch der konfessionellen Realität in den Ländern des Nahen Ostens Rechnung getragen werden. Im Libanon etwa seien 40 Prozent der Ehen gemischtkonfessionell.
Bischof Armash Nalbandian von der Armenisch-Apostolischen Kirche in Damaskus erinnerte in seiner Ansprache an die Zeugnisse der christlichen Vergangenheit in der syrischen Hauptstadt, wo einst Saulus zu Paulus wurde. Trotz des Auswanderungsdrucks seien die Christen dort bereit, das „Erbe des Völkerapostels" hochzuhalten.
Syrien ist selbst Ziel von christlichen Migranten, die unter stärkstem Druck stehen: Die Christen im Irak sind in einer schwierigen Lage, die bereits am Donnerstag im Podium des 2. Ökumenischen Kirchentags „2000 Jahre Christentum vor dem Aus?" zur Sprache kam. „Die Christen im Irak sind keine Araber und keine Kurden. Sie haben eine andere Religion, eine andere Kultur und eine andere Volkszugehörigkeit und das macht sie verwundbar", sagte der irakische Pater Youkhana.
Der Anteil der Christen im Irak liege momentan bei drei Prozent, viele würden aus Angst vor Anschlägen nach Syrien flüchten. „Unsere Zukunft soll uns zunichte gemacht werden, damit wir ein Volk ohne Wurzeln und ohne Zukunft werden", sagte er. Die Hilfen aus Deutschland seien zwar gut, aber auch problematisch: „Wie wählt man aus, wen man in Deutschland aufnimmt, welche Familie wirklich Hilfe braucht", fragte der Pater. Es sei besser, wenn die Christen, die ursprünglich aus dem Norden des Landes kommen, auch wieder dahin zurückkehren. Die Rückkehr in die Region aber, das ergaben die beiden Podien, wird zunehmend unwahrscheinlicher.