19.04.2011
Türkei: Christenmorde von Malatya immer noch ungesühnt
Vierter Jahrestag: Protestantische Gemeinden rufen zum Gebet für die Türkei auf
Türkei: Christenmorde von Malatya immer noch ungesühnt
Vierter Jahrestag: Protestantische Gemeinden rufen zum Gebet für die Türkei auf
Malatya (idea) – Seit vier Jahren sorgt ein Verbrechen international für Entsetzen: Am 18. April 2007 wurden in der Türkei drei Christen, darunter der Deutsche Tilmann Geske, brutal ermordet. Opfer des Überfalls auf den christlichen Zirve-Verlag im ostanatolischen Malatya waren neben Geske seine türkischen Kollegen Necati Aydin und Ugur Yüksel. Fünf junge Männer hatten sie gefesselt, gefoltert und ihnen die Kehlen durchgeschnitten. Die Täter wurden unmittelbar nach der Bluttat verhaftet. Aus Anlass des Jahrestags des Verbrechens ruft die Vereinigung der protestantischen Gemeinden in der Türkei zum weltweiten Gebet für ihr Heimatland auf. In dem im Internet veröffentlichten Appell (www.prayforturkey.com) heißt es: „Wir schreiben Ihnen aus der Türkei, der Heimat von Noah, Abraham, Paulus, dem Berg Ararat, von Haran, Antiochia, Ephesus, Galatien und den sieben Kirchen, deren Namen in der Offenbarung erwähnt werden. Heute dagegen hat unser Land eine Bevölkerung von 72 Millionen Menschen, von denen 99,8 Prozent Muslime sind. Dem stehen nur eine Handvoll Jünger Jesu gegenüber.“
„Endlose Lügen“ über Christus und Christen
Als Gebetsanliegen werden genannt: „Beten Sie dafür, dass der Herr die endlosen Lügen und erdichteten Behauptungen über Christus, die Bibel und die Christen zerbreche, die die Menschen in unserem Land blind und ihre Herzen verstockt machen. Beten Sie dafür, dass unser Land von den aus der Geschichte herrührenden Verletzungen befreit werde.“ Immer wieder werden in der Türkei Falschinformation über missionarische Aktivitäten verbreitet, die Auslöser für Christenfeindlichkeit sind. Ein Beispiel gibt Pastor Ihsan Özbek (Ankara) im Video des Gebetsaufrufs: „Fragt man Leute auf der Straße, erhält man zur Antwort: ‚Die kaufen die Leute. Die stecken 100-Dollar-Scheine in die Neuen Testamente und verteilen sie.‘ Das ist zur Grundüberzeugung der Bevölkerung geworden.“ Pastor Zekai Tanyar (Izmir) fügt hinzu: „Das Wichtigste ist, dass Gott sich irgendwie über die vorhandenen Lügen und Vorurteile hinwegsetzt.“ Shemse Aydin (Malatya), Witwe des ermordeten Necati Aydin, hofft, dass die drei Männer nicht umsonst gestorben sind: „Möge ihr Blut die Augen der Menschen öffnen, sodass sie die Liebe Jesu Christi sehen können!“
Verhaftungen in neun Provinzen
Der Prozess gegen die Tatverdächtigen und ihre Hintermänner läuft seit November 2007 und zieht immer weitere Kreise. Er wird am 29. April fortgesetzt. Erst am 17. März waren 20 mutmaßliche Hintermänner bei einer konzertierten Aktion in neun Provinzen der Türkei festgenommen worden. Unter ihnen befinden sich der islamische Theologieprofessor Ruhi Abat von der Inonu Universität sowie Mehmet Ulger, ein pensionierter Kommandeur der Polizei in Malatya. Vor vier Jahren war er noch im Dienst. Die Verhaftungen hatte Staatsanwalt Zekeriya Öz (Istanbul) angeordnet. Er leitet die Ermittlungen gegen die nationalistische Organisation Ergenekon. Ihr wird Verschwörung mit dem Ziel vorgeworfen, die Regierung von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan stürzen zu wollen. Ergenekon steht auch im Verdacht, hinter den Morden von Malatya zu stehen. Mittlerweile gibt es rund 300 Verdächtige.
Wer steht hinter den fünf mutmaßlichen Tätern?
Prozessbeobachter glauben nicht, dass die fünf Angeklagten allein für die Morde verantwortlich sind. Die deutsche Witwe Susanne Geske (Malatya) möchte, dass die Verbindungen zu Ergenekon offengelegt und die Drahtzieher zur Rechenschaft gezogen werden. Wie der Informationsdienst Compass Direct erfahren haben will, soll der bereits 2010 als mutmaßlicher Anstifter der Morde von Malatya verhaftete Journalist Varol Bulent Aral gegenüber einem Mithäftling bekannt haben, dass er die fünf Täter psychologisch auf die Morde vorbereitet habe. Das gab der Mithäftling, Orhan Kartal, im Oktober 2010 vor Gericht zu Protokoll. Wie er weiter sagte, habe Aral behauptet, dass hinter ihm eine hochgestellte Persönlichkeit stehe, nämlich der frühere General Veli Kucuk. Ein weiterer Zeuge und ehemaliger Mitarbeiter beim Gendamerie-Geheimdienst, Ehran Ozen, gab an, dass man bereits seit 2004 die Ermordung der Christen in Malatya und des armenischen Schriftstellers Hrant Dink geplant habe. Dink war am 19. Januar 2007 in Istanbul auf offener Straße erschossen worden.
Deutscher Pastor kritisiert türkische Presse
Der deutsche Pastor Wolfgang Häde (Izmit bei Istanbul) - Schwager des in Malatya ermordeten Aydin - macht eine Mischung aus Religion und Nationalismus für einen Großteil der Gewalt gegen Christen verantwortlich. Weit verbreitet sei die Meinung, dass ein echter Türke Muslim sein müsse, sagte Häde dem katholischen Hilfswerk „Kirche in Not“ (München). Vor den Morden von Malatya hätten Zeitungen reißerisch Stimmung gegen Christen gemacht. Auch höchste politische Stellen hätten jahrelang Vorurteile geschürt. Laut Häde bessert sich die Lage für die Christen allmählich: „Die Türkei will in die EU und muss daher die europäischen Standards bei den Menschenrechten und der Religionsfreiheit erfüllen.“ Dennoch bleibe die Situation sehr angespannt. Am 1. April war ein Anschlag auf den Geistlichen Andrew Brunson in Izmir verübt worden. Der Mordversuch scheiterte, weil Polizisten in Zivil den Angreifer überwältigen konnten, nachdem er die Waffe gezogen hatte. Seit den Morden von Malatya haben einige Pastoren Personenschutz erhalten. Viele Gemeinden werden von der Polizei bewacht.
Religionsfreiheit in der Türkei „nicht gewährleistet“
Unterdessen hat die stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Ingrid Fischbach (Herne), die unsichere Lage der Christen in der Türkei kritisiert. In der Zeitschrift „Die politische Meinung“ der Konrad-Adenauer-Stiftung (Sankt Augustin bei Bonn) schreibt sie, dass zwischen Anspruch des Laizismus - der Trennung zwischen Staat und Religion - und der Wirklichkeit ein Widerspruch klaffe. Zwar sei der Islam als Staatsreligion 1928 abgeschafft worden, doch bleibe er für viele gesellschaftliche Kräfte das einigende Band. Das in der Verfassung verankerte Recht auf Religionsfreiheit sei nicht gewährleistet. Dies betreffe insbesondere die 120.000 Christen: „Die christlichen Kirchen sind rechtlich nicht anerkannt; es ist ihnen untersagt, ihre Priester auszubilden, Immobilien zu besitzen, Bankkonten zu führen; der Bau von Gebets- und Gotteshäusern ist stark eingeschränkt. Die Situation der Christen ist von Schikanen im Alltag, bürokratischen Hürden und Benachteilungen geprägt. Christen werden widerrechtlich verhaftet, bei der Ausübung ihres Glaubens gestört - es kommt zu Einschüchterungen und Störungen von Gottesdiensten.“ Um Verbesserungen zu erreichen, sei die gesamte Gesellschaft gefragt. Fischbach: „Die in Deutschland lebenden Türken sind in diesem Zusammenhang wichtige Botschafter - wie auch die vielen Deutschen, die Jahr für Jahr mit Freude ihren Urlaub in der Türkei verbringen.“