03.01.2011
Ägypten: Blutflecken auf dem Kirchenboden
In Ägypten hat sich der Zorn der Kopten nach dem Anschlag der Silvesternacht in Straßenschlachten entladen. Seit 1998 hatte es keinen islamistischen Anschlag gegeben. Das Regime in Kairo macht Al Qaida verantwortlich. Von Rainer Hermann, Abu Dhabi
Ägypten: Blutflecken auf dem Kirchenboden
In Ägypten hat sich der Zorn der Kopten nach dem Anschlag der Silvesternacht in Straßenschlachten entladen. Seit 1998 hatte es keinen islamistischen Anschlag gegeben. Das Regime in Kairo macht Al Qaida verantwortlich.
Von Rainer Hermann, Abu Dhabi
Am Sonntag feierten die koptischen Christen Alexandrias wieder Gottesdienst. Trotz der Trauer und der Wut waren Hunderte von ihnen am Sonntag in die Kirche gekommen, viele weinten. Der Boden der Kirche Qadissin, der „Kirche der Heiligen“, war noch von dem Blut derer befleckt, die bei dem Anschlag eine halbe Stunde nach dem Beginn des neuen Jahres getötet und verletzt worden waren. Viele der 21 Getöteten und mehr als hundert Verletzte waren nach dem Terroranschlag in die Kirche gebracht worden. Die Jahreszahl „2011“ auf der Innenseite der Tür war zerrissen. Eine Statue des Auferstandenen und eine der Jungfrau Maria waren nach der Detonation am Boden zerschellt. Nur ihre Sockel waren geblieben.
Bei der Mitternachtsmesse am Jahreswechsel waren es noch mehr als Tausend gewesen. Drinnen sangen die Gläubigen noch liturgische Gesänge, als die ersten die Kirche verlassen hatten und die Bombe detonierte. Zunächst hatte es geheißen, ein Personenwagen sei vorgefahren, einige Personen seien ausgestiegen und dann habe eine ferngezündete Bombe das Blutbad angerichtet. Für möglich gehalten wird jetzt auch das Werk eines Selbstmordattentäters.
Koptische Christen im ägyptischen Alexandria protestieren vor der Kirche, die in der Nacht zu Neujahr zum Ziel von Terroristen wurde
© dpa
Koptische Christen im ägyptischen Alexandria protestieren vor der Kirche, die in der Nacht zu Neujahr zum Ziel von Terroristen wurde
Unmittelbar nach dem Terroranschlag entlud sich die Wut einiger Gottesdienstbesucher. Sie griffen mit Steinen erst die Polizisten an, welche die Kirche hätten schützen sollen, aus Nachlässigkeit oder Überforderung dazu aber nicht in der Lage waren. Dann griffen sie eine nahe gelegene Moschee an. Am Samstag setzten sich bei Tageslicht die Auseinandersetzungen fort. Die Demonstranten skandierten: „Oh Mubarak, das Herz der Kopten brennt!“ Sie bewarfen die Polizei wieder mit Steinen, und diese antwortete mit Tränengas. Schon lange beklagen die Kopten Diskriminierung und Stimmungsmache. Am Sonntag blieb es weitgehend ruhig. Die Bereitschaftspolizei zeigte um die Kirche herum Präsenz.
Einhellig, entsetzt und ohne Zögern hatten Politiker und Kleriker aus der arabischen und islamischen Welt den Anschlag auf die Kopten verurteilt. In Kairo verurteilte ihn die Azhar-Universität, die wichtigste theologische Hochschule der islamischen Welt. Er habe sich gegen die „nationale Einheit Ägyptens“ gerichtet, zu der Muslime wie Christen gehörten. Präsident Husni Mubarak erklärte, Ziel des Anschlags seien Christen und Muslime gewesen. Es werde den Terroristen aber nicht gelingen, Ägypten zu destabilisieren. Auch die islamistische Muslimbruderschaft rief dazu auf, geschlossen die nationale Einheit zu bewahren und gegen den Terrorismus zu stehen. Der Anschlag habe nicht nur den Christen gegolten, sondern allen Ägyptern. Als „abscheulich und barbarisch“ verteilte die Muslimbruderschaft das Blutbad. Der Terroranschlag habe sich gegen alles gerichtet, wofür der Islam stehe.
Auch die Kommentatoren der ägyptischen Zeitungen äußerten Sorge. Die regierungsnahe Zeitung „Ruz al Yusuf“ vermutete hinter dem Anschlag einen Versuch, Ägypten in einen Bürgerkrieg entlang konfessioneller Linien zu stürzen, und rief die Ägypter auf, nicht in diese Falle zu tappen, sondern geschlossen gegen den Terror vorzugehen. Die unabhängige Zeitung „Al Shoruk“ rief zum Verständnis für den Zorn der Kopten auf, deren Klagen nun ernstgenommen werden müssten. Aber die Kopten dürften nicht ihrem Zorn folgen, da sie dann so handelten, wie Al Qaida es wolle.
Das ägyptischen Innenministerium beschuldigte „ausländische Elemente“, für den Anschlag verantwortlich zu sein, nannte aber zunächst keine Einzelheiten. Am Sonntag gaben die Sicherheitskräfte dann bekannt, sie hätten 17 Verdächtige verhaftet, nannten aber weder Namen noch Nationalitäten. Zehn Personen wurden am selben Tag wieder auf freien Fuß gesetzt. Der Gouverneur von Alexandria machte Al Qaida für den Anschlag verantwortlich. Für die ägyptische Regierung wäre das ein Rückschlag. Denn sie behauptete stets, dass Al Qaida in Ägypten keinen Rückhalt habe. Es wäre aber ein noch größerer Rückschlag, sollten ägyptische Dschihadisten das Blutbad angerichtet haben.
Kein islamistischer Terroranschlag seit 1998
Viel spricht für eine Täterschaft von Al Qaida. Nach dem Anschlag gegen eine Kirche in Bagdad am 31. Oktober, bei dem 68 Menschen getötet wurden, hatte Al Qaida den Kopten Ägyptens konkret gedroht. Sie sollten die zwei Frauen freilassen, die zum Islam konvertiert gewesen seien, nun aber in einem Kloster gefangengehalten würden. Weil die koptische Kirche Ehescheidungen grundsätzlich ablehnt, konvertieren Kopten, die sich scheiden lassen wollen, oft vorübergehend zum Islam. Unmittelbar nach der Drohung waren die Sicherheitsvorkehrungen um koptische Kirchen verstärkt worden.
Zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Muslimen und Kopten ist es in der Vergangenheit indes immer wieder gekommen. Nicht selten spielten dabei nichtreligiöse Motive eine Rolle. Der Funke konnte ein Mord sein, der vergolten wurde, oder der Konflikt um ein Grundstück. Im November war der Bau einer Kirche in Kairo der Auslöser. Als die Polizei den Bau stoppte, kam es zu Straßenschlachten zwischen der Polizei und Kopten. Ebenfalls in Kairo hatte es 2005 zwei kleine Anschläge gegen ausländische Touristen gegeben. Ihrer bezichtigt hatte sich eine dschihadistische Gruppe namens „Ägyptische Mudschahedin“. Mit der Gewalt gegen die Kirche in Alexandria waren sie nicht vergleichbar.
Der Anschlag gegen die „Kirche der Heiligen“ könnte daher den Beginn für Terroranschläge einer neuen Qualität markieren. Seit die beiden gewaltbereiten Gruppen Dschamaat al Islamija und ägyptischer Dschihad 1998 einseitig einen Waffenstillstand angeboten haben, hat sich in Ägypten kein islamistischer Terroranschlag mehr ereignet. Die Ermittler werden sich nun auf die Erkundung der Sinai-Halbinsel als Rückzugsgebiet und Durchzugsroute für Dschihadisten zu konzentrieren haben. Bekannt ist, dass über den Sinai lukrative, von einheimischen Beduinen benutzte Schmuggelpfade laufen, die im Süden in Somalia ihren Anfang nehmen. Für die Dschihadisten von Al Qaida wäre es ein leichtes, sich mit den Schmugglern für Waffen, Drogen und Menschen zusammenzutun.
Die Kopten - eine der ältesten christlichen Gemeinden überhaupt
Auf etwa acht bis zehn Millionen bei einer Gesamtbevölkerung von achtzig Millionen Ägyptern wird die Zahl der Kopten geschätzt. Ihre Kirche geht auf den heiligen Markus zurück und gehört zu den ältesten christlichen Gemeinden überhaupt. Wie alle Ägypter sprechen die Kopten - ihr Name geht auf das altgriechische „aigytos“, arabisch „qibt“, zurück - im Alltag Arabisch. Doch ihre Kirchensprache ist das Koptische, eine Spätform des Altägyptischen.
Koptisch wird mit einem um einige Buchstaben erweiterten griechischen Alphabet geschrieben. Die Sprache spielte auch eine gewisse Rolle bei der Entzifferung der altägyptischen Hieroglyphen durch Jean-François Champollion im Jahre 1822. Die Kopten selbst sehen sich durchaus als Nachfahren des pharaonischen Ägypten, von ihren muslimischen Landsleuten werden sie deshalb auch, oft despektierlich, „Gins Fir'aun“ - die Leute Pharaos - genannt.
Die spirituell-kontemplative Kultur der Christen
Historische und moderne Zentren der Kopten sind das Viertel Alt-Kairo sowie Kairos Norden, wo mit der Markuskathedrale das größte Gotteshaus der Gemeinschaft steht. Auch die Hafenstadt Alexandria hat eine beträchtliche koptische Gemeinde. Auf halbem Wege zwischen Kairo und Alexandria, in der westlichen Wüste im Wadi Natrun, liegen fünf Klöster, von denen dasjenige des heiligen Bischoi das bekannteste ist. Darüber hinaus sind jedoch Mittelägypten und auch Oberägypten Zentren der koptischen Gemeinschaft, so die Städte al Minja und Assiut, Kena und der Ort Nag Hammadi. In all diesen Orten ist es in den vergangenen Jahren immer wieder zu Spannungen, dann auch zu gewalttätigen Ausschreitungen und Zusammenstößen gekommen.
Das Christentum verdankt diesen frühen christlichen Ägyptern auch einen Teil seiner spirituell-kontemplativen Kultur. Asketen wie der heilige Antonius und der heilige Pachomios zogen sich von der Welt zurück und führten in der östlich des Nils gelegenen Wüste ein der Askese und Meditation gewidmetes Dasein. Noch heute können die Orte, an denen sie wirkten, besucht werden; den Kopten gelten sie als verehrungswürdige Plätze. Bis zur Eroberung Ägyptens durch die muslimischen Heere unter dem Feldherrn Amr Ibn al As 639 bis 642 n. Chr. waren die Kopten Untertanen von Byzanz; der byzantinischen Reichskirche galt ihr Bekenntnis jedoch als ketzerisch.
Text: F.A.Z. Rainer Hermann & Wolfgang Günter Lerch