08.01.2011

Türkei: Bildungswesen und Religionsfreiheit

Das Bildungswesen sollte die Religionsfreiheit fördern und nicht untergraben

Türkei: Bildungswesen und Religionsfreiheit

Das Bildungswesen sollte die Religionsfreiheit fördern und nicht untergraben

 

In der Türkei sehen viele eine dringende Notwendigkeit einer Reform des Primar- und Sekundarschulwesens, um die Religions- bzw. Glaubensfreiheit zu fördern. Das Schulsystem fördert nämlich eine Art von Nationalismus, der zu intoleranten Haltungen, gewalttätigen Angriffen und möglicherweise sogar zu Morden an Mitgliedern verwundbarer Gruppen führt. Ein wesentliches Problem, das sowohl Vertreter verschiedener Religionsgemeinschaften als auch Atheisten sehen, ist der Pflichtgegenstand Religiöse Kultur und Kenntnis der Ethik. Inhalt dieses Religions- und Ethikunterreichtes ist vor allem der sunnitische Islam, mit einigen wenigen Unterrichtseinheiten über nicht islamische Religionen. Der Unterricht umfasst auch sunnitische religiöse Praktiken, wie das Auswendiglernen von Gebeten in arabischer Sprache. Diese Vermittlung einer einzigen Religion und ihrer Praktiken ist ein ernsthafter Eingriff in das Recht, sich ohne Zwang zu einer beliebigen oder keiner Religion zu bekennen. Eine Befreiung von diesem Unterrichtsgegenstand ist nur für Kinder von Juden und Christen möglich, deren Eltern beim Standesamt und auf ihren Personalausweisen als Angehörige dieser Gemeinschaften registriert sind. Das heißt, Angehörige aller anderen Glaubensrichtungen und Nichtreligiöse, darunter Baha’i, Zeugen Jehovas, Yezidis (eine unter Kurden verbreitete Religionsgemeinschaft), Schiiten, Aleviten, Atheisten und Agnostiker, müssen diesen Religions- und Ethikunterricht besuchen, der vom sunnitischen Islam geprägt ist. Insbesondere die Aleviten, mit geschätzten 20 Millionen Mitgliedern bei weitem die größte nicht sunnitische islamische Glaubensrichtung in der Türkei klagt, dass der Religions- und Ethikunterricht als Mittel dient, ihre Kinder zu Sunniten zu „assimilieren“. Selbst einige Sunniten klagen über den Religionsunterricht, da dieser nach ihrer Auffassung die staatliche Interpretation des Islam vermittelt. Doch bisher sind alle Proteste bei der Regierung auf taube Ohren gestoßen.

Ein weiteres Problem sind irreführende Informationen in Schulbüchern über die Geschichte der Republikanischen Reform und die Ideologie Atatürks. So heißt es in einem der Lehrbücher: „Missionstätigkeit ist nicht die gewöhnliche Verbreitung von Religion. Missionarische Aktivitäten können nicht im Rahmen der Gedanken- oder Meinungsfreiheit gesehen werden.“ Weiter heißt es in dem Lehrbuch: „Missionare haben zusätzlich zu den religiösen Zielen politische, kulturelle und wirtschaftliche Ziele. Sie versuchen, ihre Ziele durch den wesentlichen finanziellen Beitrag fremder Mächte, einiger Nichtregierungsorganisationen und ihrer eigenen Unterstützer zu erfüllen. Missionare machen sich die finanzielle Notlage der Menschen zunutze. Sie übersetzen Texte über ihre eigenen Glaubensüberzeugungen in verschiedene Sprachen und verteilen sie kostenlos und verwenden auch visuelle Medien für ihre Propagandazwecke. Sie sind eine Bedrohung für die nationale Einheit und die Integrität unseres Staates und unserer Nation. Diese Aussagen verstärken die in der türkischen Gesellschaft und in den Massenmedien allgemein verbreitete Einstellung, dass die Verbreitung von Glaubensüberzeugungen eine Bedrohung für die nationale Sicherheit darstellt. Diese Haltung wird vom Nationalen Sicherheitsrat gefördert, an dessen Spitze von Amts wegen der Staatspräsident steht, und dem weiters der Generalstabschef und die Kommandanten aller Waffengattungen der türkischen Streitkräfte angehören. Doch viele Menschen innerhalb der Türkei vertreten die Auffassung, dass gerade die Verbreitung solcher Haltungen zu Verletzungen der nationalen Sicherheit führt, bis hin zu gewalttätigen Angriffen und sogar Morden an türkischen Staatsbürgern.

Ein überfälliger erster Schritt wäre die Umsetzung des Urteils des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte, das vorsieht, dass Eltern das Recht einzuräumen ist, ihre Kinder vom verpflichtenden Unterricht in Religiöser Kultur und Kenntnis der Ethik abzumelden. Die Verwirklichung des Respekts vor der Religions- und Glaubensfreiheit aller in den Schulen wäre ein wichtiger Beitrag auf dem Weg der Türkei zu einer blühenden pluralistischen demokratischen Gesellschaft.

Quelle: Forum 18 News Service, Oslo

Deutsche Fassung: AK Religionsfreiheit der Österreichischen Evangelischen Allianz