09.05.2011
Ägypten: Droht jetzt ein Bürgerkrieg?
Koptische und evangelische Repräsentanten sind unterschiedlicher Meinung
Ägypten: Droht jetzt ein Bürgerkrieg?
Koptische und evangelische Repräsentanten sind unterschiedlicher Meinung
Kairo (idea) – Droht in Ägypten nach dem erneuten Aufflammen blutiger Gewalt gegen Christen ein Bürgerkrieg? Dazu haben Repräsentanten der koptisch-orthodoxen und der evangelischen Kirche unterschiedliche Einschätzungen gegenüber der Evangelischen Nachrichtenagentur idea geäußert. Am 7. und 8. Mai hatten mehrere Tausend Muslime unter Führung extremistischer Salafisten koptische Kirchen im Kairoer Arbeitervorort Imbaba angegriffen. Sie steckten drei Gotteshäuser und mehrere Wohnhäuser von Christen in Brand. Ein Dutzend Menschen kamen ums Leben; über 230 wurden verletzt. Mehrere Stunden nach Ausbruch der Gewalt trieben Sicherheitskräfte Christen und Muslime mit Tränengas auseinander. 190 Personen wurden vorläufig festgenommen. Auslöser für die Ausschreitungen war ein vermeintlicher Religionsübertritt. Eine mit einem koptischen Priester verheiratete ehemalige Muslimin habe sich von ihrem Mann abgewandt und sei zum Islam zurückgekehrt; jetzt werde sie zwangsweise in einer Kirche versteckt, behaupteten Muslime. Die Kopten und die Frau bestreiten dies. Von „bürgerkriegsähnlichen Zuständen“ sprach der Bischof der rund 6.000 orthodoxen Kopten in Deutschland, Anba Damian (Höxter), am 9. Mai gegenüber idea: „Seit vorgestern erreichen uns unentwegt schreiende und tief verletzte Stimmen aus Ägypten; sie haben keine Erklärung für diese Hasswelle.“ Eine Übermacht aus Salafisten, Muslimbrüdern und anderen Islamisten habe friedliche, ins Gebet vertiefte Menschen in der Kirche angegriffen
Armee schreitet spät ein
Besonders schockiert seien die ägyptischen Kopten vom Verhalten der Armee, die erst fünf Stunden nach den Ausschreitungen vor Ort gewesen sei. Auch Krankenwagen seien zuvor nicht zu den Verletzten durchgekommen. Damian: „Die Armee ist nicht schwach. Entweder sie will wegschauen oder sie beteiligt sich aktiv an der Vernichtung.“ Er hob hervor, dass alle Toten Christen gewesen seien: „Wenn von offizieller Seite behauptet wird, es seien auch Muslime getötet worden, so ist das eine Lüge.“ Damian: „Die Christen in Ägypten sind schutzlos. Die Welt darf vor diesem Terror nicht länger die Augen verschließen.“
Pfarrer: Christen und Muslime sind erschüttert
Pfarrer Axel Matyba von der Deutschen Evangelischen Gemeinde in Kairo widersprach der Vorstellung, dass es sich um „bürgerkriegsähnliche“ Zustände handele. „Viele Menschen in Ägypten sind erschüttert. Das betrifft sowohl Christen als auch Muslime“, sagte er auf Anfrage von idea. Obwohl die Situation der Kopten sehr schwierig sei, habe es in den letzten Monaten positive Signale für das Zusammenleben der Religionen gegeben. Das Land befinde sich nach dem Sturz des früheren Machthabers Hosni Mubarak in einer „unsicheren Übergangszeit“. Es sei nicht auszuschließen, dass neben religiösen Hitzköpfen auch „gekaufte und aufgeputschte“ Gruppen für die jüngsten Ausschreitungen verantwortlich seien.
Armee nicht zum „Sündenbock“ machen
Matyba hob die Notwendigkeit hervor, einen starken Staatsapparat zu schaffen, der in der Lage sei, Übergriffen vorzubeugen. Er warnte davor, die Armee zu einem „neuen Sündenbock“ zu machen: „Ob das Militär immer objektiv ist, weiß ich nicht. Aber es ist hoffentlich um Deeskalation und eine Moderation des Gesamtkonflikts bemüht.“ Es gelte, für ein gutes und vertrauensvolles Miteinander der Religionen zu werben.
Unionsbeauftragte: Keinen Keil zwischen Religionen treiben
Erschüttert über den erneuten Gewaltausbruch zwischen Muslimen und Kopten zeigte sich auch die Beauftragte für Kirchen und Religionsgemeinschaften der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Maria Flachsbarth (Berlin). Es sei besorgniserregend, dass sich das Misstrauen zwischen den Religionen fortsetze, erklärte sie. Die Religionsfreiheit sei ein zentrales Element jeder Demokratie. Dazu gehörten Toleranz und die Achtung von Minderheiten. Die ägyptische Übergangsregierung stehe vor der großen Aufgabe, ein stabiles und friedliches Zusammenleben zu gewährleisten. Man dürfe es nicht hinnehmen, „dass interessierte Kreise offenbar bewusst versuchen, einen Keil zwischen verschiedene Gruppen des ägyptischen Volkes zu treiben“. Sie hoffe, „dass das ägyptische Volk an die verheißungsvollen Anfänge der Demokratiebewegung anknüpfen wird, als junge Muslime und koptische Christen gemeinsam auf dem Tahrir-Platz für eine bessere Zukunft demonstrierten“. Von den etwa 83 Millionen Einwohnern Ägyptens sind 87 Prozent Muslime und etwa zehn Prozent Christen – meist Orthodoxe sowie kleinere Gruppen von Katholiken und Protestanten. Der Rest ist religionslos oder gehört anderen Religionen an.