19.05.2013
Syrien: Beten in syrischer Isolationshaft
Ein Bericht von Klaus Rösler - idea
Not lehrt Beten, weiß der Volksmund. Auch der junge Journalist Billy Six aus Berlin, der 12 Wochen lang im bürgerkriegsgeschüttelten Syrien inhaftiert war, hat es getan. Warum und wie, erzählte der 26-Jährige idea-Redakteur Klaus Rösler.
Er ist ein Suchender. Mit vorschnellen Antworten gibt er sich nicht zufrieden. Was ihn umtreibt, dem geht er auf den Grund. Er hat es mit einem bürgerlichen Leben versucht – als Finanzfachwirt (IHK) mit dem Verkauf von Bank- und Versicherungsprodukten. In seinem Wohnort Neuenhagen bei Berlin engagiert er sich sogar kommunalpolitisch – in der CDU. Am Ende wird er gar Gemeindevertreter. Christ ist er nicht, stammt er doch aus einem nicht-religiösen Elternhaus in der DDR.
Doch als Papst Johannes Paul II. 2005 stirbt, nimmt ihn das mit. Warum, weiß er nicht. Aber er hält den Papst für authentisch. Also besucht Billy Six den katholischen Geistlichen seines Wohnorts und bittet ihn, ihm den christlichen Glauben zu erklären. Der Pfarrer ist überrascht, denn oft werden solche Bitten nicht an ihn herangetragen. Beide treffen sich nun ein Dreivierteljahr jede Woche und besprechen die Grundlagen des christlichen Glaubens. Danach lässt sich der 18-Jährige taufen.
Warum Autos anhielten
Und er macht – wie er sagt – konkrete Glaubenserfahrungen. Etwa als er mit einem Kumpel nach Köln trampt. Ein Autofahrer setzt die beiden bei Einbruch der Nacht auf einem dunklen Rastplatz raus. Als doch noch ein Auto hält, will der Fahrer nur einen Tramper mitnehmen. Billy lässt seinem Freund den Vortritt. Er ist zuversichtlich, dass auch er irgendwie weiterkommen wird. „Da war eine tiefe Gewissheit“, erinnert er sich. Und tatsächlich: Einige Zeit später hält ein Wagen und bringt ihn sogar bis vor die Tür nach Köln. Seitdem macht er immer wieder positive Erfahrungen bei Mitfahrgelegenheiten. Und oft hört er den Satz: „Ich hatte eine innere Eingebung, mit meinem Auto hier zu halten.“
Ohne feste Nahrung 1.010 km durch Deutschland
Der junge Christ möchte reisen und neue Erfahrungen sammeln. Eines seiner aufsehenerregenden Projekte: Er wandert durch Deutschland von Flensburg nach Konstanz – 1.010 Kilometer. Dabei verzichtet er 33 Tage auf feste Nahrung und nimmt 16 Kilo ab. Oft übernachtet er in Pfarrhäusern. Katholische Geistliche reagieren dabei oft ablehnend auf seine Bitte um einen Schlafplatz, evangelische Kollegen seien offener. Muslime auch. Bald will er dorthin, wo das Leben tobt – mitten in die Krisengebiete, wo sich ganze Gesellschaften wandeln.
Als die Ägypter im Februar 2011 auf die Straße gehen, um gegen Präsident Husni Mubarak zu demonstrieren, ist er in Kairo. Als in Libyen das Land von der Gaddafi-Diktatur befreit wird, ist er ebenfalls vor Ort. „Der Journalismus ist dabei eine Möglichkeit, das Ganze zu finanzieren“, sagt er. Die Schilderung seiner Erlebnisse verkauft er der konservativen deutschen Wochenzeitung „Junge Freiheit“ (Berlin), weil sie seine Texte so abdruckt, wie er es möchte. „Wahrheits-Vorgaben“ erlebt er hier nicht.
Illegal in Syrien
Seit dem 15. August 2012 ist er im hochgefährlichen, umkämpften Syrien. Illegal, weil er kein Journalisten-Visum bekam und er mit seinem Touristen-Visum aus „Sicherheitsgründen“ nicht ins Land kommt. Er überquert deshalb unerlaubt die Grenze von der Türkei aus und hält sich zu den Gegnern des regierenden Assad-Regimes im Norden. Die oppositionellen Rebellen sind misstrauisch. Aber er kann sie davon überzeugen, dass er Reporter und kein Spion ist. Er freundet sich sogar mit einigen an und besucht mit ihnen die Moschee. Während sie zu Allah beten, betet er zu Jesus. „Religionen sind Schulen des Lebens“, sagt er, und entdeckt Wahrheiten auch im Islam.
Doch ihm wird bald klar, dass der Islam zwei Gesichter hat. Die Muslime sind ihm gegenüber herzlich, laden ihn ein, geben ihm zu essen, einen Schlafplatz – und achten auf seine Sicherheit. Geld lehnen sie vehement ab. Gastfreundschaft wird großgeschrieben. Doch diese Friedfertigkeit funktioniert nach seiner Beobachtung nur, solange der Islam nicht an der Macht ist. Übernimmt er die Herrschaft, wird aus dem religiösen Islam ein politischer. Dann versuchen dieselben Leute, auch mit Gewalt ihre islamische Rechtsprechung, die Scharia, umzusetzen. Der „Dschihad“ – der gewalttätige Kampf gegen Ungläubige – wird dann für alle zum Beweis ihres Glaubens. Die Folge: In den umkämpften syrischen Städten Aleppo und Homs sind zahlreiche Kirchen zerstört – von den islamistischen Rebellen.
Ein Fehler mit schwerwiegenden Folgen
Gut vier Monate verbringt Billy Six bei ihnen. Dann macht er einen Fehler. Am 13. Dezember 2012 will er mit seinem Übersetzer in der Provinz Hama nach Tremseh fahren. Dort hat es ein Massaker gegeben. Der Ort ist nur gut 10 Kilometer entfernt. Doch auf halbem Wege wird er von Soldaten der syrischen Armee angehalten und verhaftet. Er gilt als „Top-Terrorist“, wohl auch deshalb, weil ein folgendes Auto dem Befehl zu halten nicht nachkommt. Als die Soldaten das Feuer auf jenes Fahrzeug eröffnen, wird von dort zurückgeschossen. Die Soldaten meinen nun, man habe Billy Six befreien wollen.
12 Tage wird er im Militärgefängnis in Hama-Stadt gefangen gehalten und verhört. Dann verlegt die Armee ihn ins „Palästina-Gefängnis“ der Hauptstadt Damaskus – zum Geheimdienst. Ihm wird gesagt: „Niemand weiß, dass du hier bist.“ Er ist völlig isoliert. Seine Einzelzelle kann er nur zweimal am Tag je fünf Minuten für den Toilettengang verlassen. Die Zelle ist völlig leer – bis auf fünf Militärdecken. Seine Bitte, ihm eine Bibel zu bringen, wird hier – anders als noch in Hama – nicht erhört. Auf dem Klo findet er leere Trinkflaschen, von denen er die Etiketten ablöst. Jetzt hat er Papier. Und in einem Nachbarraum seiner Zelle, den er über ein glasloses Fenster in der Wand erreichen kann, findet er defekte Neonröhren. Er löst die Kontaktstifte heraus und stellt fest, dass er damit schreiben kann: „Das war großartig.“ Völlig einsam, fängt er schließlich sogar an, mit seiner Trinkflasche zu reden. Er betet viel und macht die Erfahrung, dass er dabei ruhig wird. Er hofft, dass die Sache für ihn gut ausgehen wird.
Hilfe durch die russische Regierung
Schließlich passiert ein Wunder, wie er sagt. Denn er kommt überraschend frei, nachdem eine Information über seinen Aufenthalt ans Außenministerium gedrungen ist. Russland – verbündet mit dem regierenden Assad-Regime – setzte sich für ihn in Damaskus ein, nachdem die deutsche Regierung darum gebeten hatte. Billy Six darf sich kurz den Kopf waschen und wird dann zu einer Pressekonferenz ins Außenministerium in Damaskus gebracht. Das Regime will so zeigen, dass man mit ihm verhandeln kann. Später kann Billy in der russischen Botschaft duschen, er bekommt ein Mittagessen – und dann wird er zur libanesischen Grenze gebracht, wo ihn Mitarbeiter der deutschen Botschaft in Empfang nehmen. Noch in derselben Nacht fliegt er nach Hause – nach Berlin. Dort küsst er den Boden und ruft laut „Deutschland“. Warum? Davon hat er in seiner Isolationshaft geträumt. Derzeit schreibt er an einem Buch über seine Erfahrungen. Anschließend würde er, wenn es möglich ist, gerne nach Syrien zurückkehren: „Mit offiziellem Visum – so Gott will.“