05.04.2014
Deutschland: Lale Akgün kritisiert „irregeleitete Toleranzvorstellungen“
IGFM: Weder „Kulturbonus“ noch Relativierung von Frauenrechten durch Religion und Kultur
Deutschland: Lale Akgün kritisiert „irregeleitete Toleranzvorstellungen“
IGFM: Weder „Kulturbonus“ noch Relativierung von Frauenrechten durch Religion und Kultur
Lale Akgün sprich zu den Teilnehmern der IGFM-Jahresversammlung
Bonn (5. April 2014) – Dr. Lale Akgün, die aus der Türkei stammende Frauenrechtlerin und langjährige SPD-Bundestagsabgeordnete kritisierte „irregeleitete Toleranzvorstellungen“ gegenüber Migranten. Gerade bei den Frauenrechten werde versucht, Entrechtung und Gewalt mit Religion und Kultur zu rechtfertigen, um die Mehrheitsgesellschaft mundtot zu machen. Akgün rief auf der Jahrestagung der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) in Bonn dazu auf, sich dem gemeinsam entgegen zu stellen.
Besonders bei „Ehren“-Morden sei das Motiv der „Ehre“ nur noch ein billiges Etikett, hinter dem sich Verlustängste, Neid und Eifersucht verbergen. Die „Ehre“ sein ein Mittel der Selbsttäuschung und eine Lüge, um den wahren Tatbestand zu verwischen: nämlich Mord. Akgün kritisierte vor der IGFM, dass die Missachtung von Frauen häufig in einem solchen Maß akzeptiert sei, dass sie von Männern überhaupt nicht mehr wahrgenommen würden. Diskriminierung und Gewalt gegen Frauen dürfe sich aber nicht hinter dem verharmlosenden Begriff der „Familienangelegenheiten“ verstecken.
Verbrechen nicht bagatellisieren
Verbrechen werden von Kulturrelativisten bagatellisiert, so Akgün. Das Wort „Kinderbräute“ sei irreführend. In der Realität würden Minderjährige Mädchen gezwungen, sexuell gefügig zu sein. Nach Aussage der Vorsitzenden der Anwaltskammer Ankara, Sema Aksoy, liegt die Türkei weltweit an dritter Stelle, was „Kinderbräute“ angeht. 32 Prozent aller Frauen heiraten in der Türkei unter 18 Jahren. Aksoy bezeichnete das als „blutende Wunde“ der Türkei.
IGFM-Vorstandssprecher Martin Lessenthin betonte, dass sich niemand mit dieser Art „Traditionen“ abfinden dürfe: „Weder in Deutschland noch irgendwo anders“. Kulturrelativismus und ein falsches Verständnis für menschenrechtsfeindliche Teile von Kulturen und Religionen gingen immer zu Lasten der Schwächsten. Das seien auch heute noch im besonderen Maße Mädchen und Frauen. Ein „Kulturbonus“ für Straftäter verkenne nicht nur die eigentlichen Motive der Täter, er gäbe auch ein völlig falsches Signal, so die IGFM weiter.
„Menschenrechte haben weder Religion noch Geschlecht“
Lale Akgün stammt aus der Türkei. Als Mitglied der SPD war die Diplom-Psychologin 2002 bis 2009 Mitglied des Deutschen Bundestags, stellvertretende Europa- und Migrationspolitische Sprecherin und Islambeauftragte der Bundestagsfraktion ihrer Partei. Ihr Arbeitsschwerpunkt lag dabei auf Integration und Migration. So arbeitete sie für die Stadtverwaltung Köln in der Jugendhilfe und leitete fünf Jahre lang stellvertretend die Familienberatung. Von 1997 bis 2002 war Akgüns Leiterin des Landeszentrums für Zuwanderung des Landes Nordrhein-Westfalen. Die verheiratete Mutter veröffentlicht sowohl wissenschaftliche Aufsätze zum Thema „Migration und Integration“ als auch Kinderbücher, die ihre eigenen Erfahrungen als Migrantin in Deutschland aufgreifen, wie zum Beispiel "Tante Semra im Leberkäseland - Geschichten aus meiner türkisch-deutschen Familie". Die Trägerin des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland und des Giesberts-Lewin-Preises leitet momentan das Projekt „nachhaltige Beschaffung“ für die Staatskanzlei NRW.
Quelle: IGFM