14.04.2014

Ukraine/Russland: Unruhen belasten das kirchliche Leben

Kiew (idea) – Die Unruhen in der Ukraine und die Spannungen mit Russland haben schwerwiegende Auswirkungen auf das kirchliche Leben. Nach Angaben protestantischer und katholischer Repräsentanten behindert die politische Krise nicht nur die missionarische Arbeit; sie erfordert auch zusätzliche humanitäre Anstrengungen. Denn inzwischen hat eine Flüchtlingswelle aus der Ostukraine und der von Russland annektierten Halbinsel Krim eingesetzt. Unterdessen spitzt sich die Lage im Osten der Ukraine weiter zu. In mehreren Städten wie Slawjansk, Donezk, Charkiw und Kramatorsk haben pro-russische Separatisten Verwaltungsgebäude besetzt und Straßensperren errichtet. Gegen sie hat die ukrainische Regierung einen „Anti-Terror-Einsatz“ angeordnet und den Besetzern ein Ultimatum gestellt. Sie sollten am 14. April bis acht Uhr die Waffen niederlegen, doch die Separatisten, die einen Anschluss an Russland wie auf der Krim anstreben, ließen die Frist verstreichen. Der Westen wirft Moskau vor, für die Abspaltungsbewegung verantwortlich zu sein; der Kreml weist das zurück

Missionarische Projekte eingestellt

Willi Löwen, Koordinator der evangelikalen Kontaktmission (Wüstenrot bei Heilbronn) für die Staaten der ehemaligen Sowjetunion, berichtete in der Fernsehnachrichtensendung ideaHeute über die Lage in der Ukraine. Missionarisch gesehen wirkten sich die Unruhen mehrfach aus. So sei die Einheit der ukrainisch und pro-russisch gesinnten Christen gefährdet; ferner seien die Beziehungen zu den Christen in Russland stark angespannt. Kurz- und mittelfristige missionarische Projekte seien bereits eingestellt worden; Teams würden nicht mehr ausgesandt. Vereinzelt seien Missionare gefährdet. So habe die Kontaktmission ein Ehepaar, das auf der Krim tätig war, schnell außer Landes bringen müssen. Sobald sich die Lage stabilisiere, werde die Mission den evangelistischen Dienst neu aufnehmen. Die Kontaktmission hat mehr als 240 Missionare in über 30 Ländern im Einsatz.

Krise schweißt zusammen

Die Unruhen im Süden und Osten der Ukraine haben einen Flüchtlingsstrom in die westlich gelegenen Landesteile ausgelöst. Der Präsident des katholischen Hilfswerks Caritas, Weihbischof Stanislav Szyrokoradiuk (Kiew), sagte dem österreichischen Informationsdienst kathpress (Wien), die Flüchtlinge würden größtenteils von Familien aufgenommen. Kirchen verschiedener Konfessionen arbeiteten bei ihrer Versorgung eng zusammen. Die politischen Spannungen verschärften die Armut in der Ukraine. Der Strompreis sei enorm gestiegen, und der Gaspreis habe sich verdoppelt. Die Sozialzentren verteilten Medikamente, Lebensmittel und Kleidung im Dauereinsatz. Nach Angaben des Bischofs hat die Krise die ukrainischen Kirchen eher zusammengeschweißt.

Aufgeschlossenheit für das Evangelium

Ähnliches berichtet der Präsident der evangelikalen Organisation „Russian Ministries“ (Russisches Missionswerk), Sergej Rakhuba (Moskau). Nach seinen Angaben sind mindestens 20.000 Personen aus der Krim geflohen, darunter etwa 5.000 muslimische Tataren. Bei den anderen handele es sich vor allem um ukrainische Katholiken und Orthodoxe. In der Bevölkerung der Ukraine mache sich eine große Unsicherheit breit. Gleichzeitig seien die Menschen so aufgeschlossen für das Evangelium, wie er es seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion vor 23 Jahren nicht mehr erlebt habe. Von den 45,5 Millionen Einwohnern der Ukraine sind etwa 75 Prozent Mitglieder orthodoxer Kirchen. Vier Prozent sind Muslime, 2,7 Prozent Protestanten und 2,4 Prozent Katholiken. Der Rest in konfessionslos oder gehört anderen Religionen an.

Protestanten in Russland verunsichert

Die Protestanten in Russland sind nach Angaben des Leiters des Missionsbundes „Licht im Osten“, Pfarrer Johannes Lange (Korntal bei Stuttgart), unsicher in der Einschätzung der Lage. Die einen spürten, „dass mit der Ukraine-Politik Putins etwas nicht stimmt“, sagte er in der Nachrichtensendung ideaHeute. Die anderen glaubten „der russischen Fernsehpropaganda mehr als dem, was ukrainische Glaubensgeschwister berichten“. Protestanten gälten in Russland weithin als Sektierer, so Lange. Der 1920 gegründete Missionsbund unterstützt Partnermissionen in Osteuropa, produziert christliches Schrifttum und fördert soziale Projekte. Von den 142 Millionen Einwohnern Russlands gehört etwa ein Viertel einer Kirche an. Die russisch-orthodoxe Kirche hat rund 35 Millionen Mitglieder. Etwa 100 Millionen Einwohner bezeichnen sich als orthodox, weil sie die Volkszugehörigkeit mit der Konfession gleichsetzen. Daneben gibt es 500.000 Katholiken, 200.000 Lutheraner, jeweils 150.000 Baptisten und Charismatiker, 120.000 Pfingstler und 70.000 Adventisten. Der Anteil der Muslime wird auf zehn Prozent geschätzt..