30.06.2014
Naher Osten und Afrika: Ramadan und die Folgen
Muslimische Extremisten verstärken den Terror - Eine Welle der Gewalt überzieht den Nahen Osten und Afrika
Naher Osten und Afrika: Ramadan und die Folgen
Muslimische Extremisten verstärken den Terror -
Eine Welle der Gewalt überzieht den Nahen Osten und Afrika
Bagdad/Damaskus/Abuja/Khartum (idea) – Zu Beginn des islamischen Fastenmonats Ramadan haben muslimische Extremisten ihre Terrorangriffe in weiten Teilen des Nahen Ostens und Afrikas verstärkt. Im Irak, in Syrien, Nigeria, Somalia und im Sudan werden Christen und gemäßigte Muslime zu Zielen der Kämpfer im sogenannten „Heiligen Krieg“. Im Ramadan, der in diesem Jahr vom 28. Juni bis 27. Juli begangen wird, erbringen Muslime unter anderem durch Verzicht auf Essen und Trinken von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang gute Werke, die ihnen im Jüngsten Gericht angerechnet werden. Der Ramadan ist vielfach von religiösem Eifer geprägt. Die Evangelische Allianz ruft mit ihrer Aktion „30 Tage Gebet für die islamische Welt“ auch besonders zur Fürbitte für Personen auf, die vom Islam zum Christentum übergetreten sind und damit als „Abtrünnige“ gelten.
ISIS-Kämpfer vergewaltigen Christinnen
Die sunnitische Terrorgruppe „Islamischer Staat im Irak und Syrien“ (ISIS) hat zu Beginn des Ramadan ein „islamisches Kalifat“ in den von ihr kontrollierten Gebieten ausgerufen. Erster Mann des „Gottesstaates“, in dem sich alle dem islamischen Religionsgesetz, der Scharia, unterwerfen müssen, ist ISIS-Anführer Abu Bakr al-Baghdadi. Wer ihm nicht Gefolgschaft schwört, riskiert den Tod. So kreuzigten ISIS-Kämpfer acht Männer nahe Aleppo. Aufgrund der Kämpfe im Nordirak sind rund 50.000 assyrische Christen geflohen. Von Christen in Mossul (Nordirak) verlangt ISIS eine Kopfsteuer von umgerechnet mindestens 184 Euro pro Monat. Als eine assyrische Familie das nicht zahlen konnte, vergewaltigten ISIS-Kämpfer Mutter und Tochter vor den Augen des Vaters. Der beging aus Verzweiflung Selbstmord, wie die Internet-Zeitung Christian Post berichtet. Aus der christlichen Stadt Alkosch sind fast alle Bewohner vor ISIS geflohen. Der syrisch-katholische Erzbischof von Mossul, Yohanna Petros Moshe, richtete einen dringenden Appell an die internationale Gemeinschaft, humanitär und politisch einzuschreiten. Die Zahl der ehemals 1,5 Millionen Christen (2003) im Irak ist auf rund 300.000 gesunken.
Syrien: ISIS entführt Jugendliche
In Syrien hat ISIS annähernd 140 muslimische Jungen im Alter von 14 bis 16 Jahren entführt, um sie für den „Heiligen Krieg“ auszubilden. Die Kämpfer wollten sie einer Gehirnwäsche unterziehen, erklärte der Vater eines Jungen, wie die Londoner Zeitung „The Times“ berichtet. Nach Schätzungen sind bisher 2,6 Millionen Syrer in die Nachbarländer geflohen, davon mehr als 100.000 Christen. Sie geraten zwischen die Fronten des Bürgerkriegs. Von den 21 Millionen Einwohnern Syriens waren vor dem Bürgerkrieg 90 Prozent Muslime und 6,3 Prozent Christen, davon jeweils drei Prozent Katholiken und Orthodoxe plus kleine Gruppen von Protestanten. Die übrige Bevölkerung bestand aus Nichtreligiösen oder Anhängern anderer Religionen.
Nigeria: Anschläge auf Kirchgänger
Im westafrikanischen Nigeria hat die radikal-islamische Terrorgruppe Boko Haram (Westliche Bildung ist Sünde) zu Beginn des Ramadans ihre Anschläge auf Christen verstärkt. Mehr als 100 Kirchgänger wurden am 29. Juni im nördlichen Bundesstaat Borno getötet, als sie auf dem Weg zu Gottesdiensten waren. Kurz vor dem Fußballspiel Nigeria gegen Argentinien bei der Weltmeisterschaft wurde am 25. Juni in der nigerianischen Hauptstadt Abuja ein Anschlag verübt, dem über 20 Personen zum Opfer fielen. Sie wollten sich die Begegnung im Fernsehen anschauen. Zwischen dem 19. und 22. Juni entführten die Extremisten im Bundesstaat Borno 60 Frauen, Mädchen und Kleinkinder sowie 31 Männer. Immer noch sind mehr als 200 meist christliche Schulmädchen in der Hand von Boko Haram. Sie wurden am 14. April entführt und sollen als Sexsklavinnen an Muslime verkauft werden. Von den 169 Millionen Einwohnern des Nigerias sind etwa 50 Prozent Muslime und 48 Prozent Christen. Die übrigen sind Anhänger von Naturreligionen.
Somalia: Terrorgruppe verstärkt Anschläge
Boko Haram ist ebenso wie die somalische Miliz El Shabab (Die Jugend) mit dem Terrornetzwerk El Kaida verbunden. El Shabab verübt Anschläge nicht nur in Somalia, sondern auch in Kenia. Die Gruppe hat angekündigt, ihren Kampf während des Ramadans zu verstärken. In der somalischen Hauptstadt Mogadischu wurden drei Sicherheitskräfte erschossen. Die schätzungsweise 7.000 Kämpfer zählende Miliz will das Land am Horn von Afrika von Christen „säubern“. Von den 9,4 Millionen Einwohnern Somalias sind 99,7 Prozent Muslime und 0,3 Prozent Christen.
Im Sudan sind Christen eine verfolgte Minderheit
Im Sudan schreite die Islamisierung weiter voran, sagte die Auslandsbischöfin der EKD, Petra Bosse-Huber (Hannover) im Deutschlandradio Kultur (Berlin). Sie hatte mit einer EKD-Delegation vor kurzem den Sudan und den Südsudan besucht. In Gesprächen habe man auch das Schicksal der zum Tode verurteilten Christin Mariam Ishag angesprochen. Der 27-jährigen zweifachen Mutter drohte die Hinrichtung, weil sie sich weigerte, dem christlichen Glauben abzuschwören. Sie hat vorläufig Schutz in der US-amerikanischen Botschaft in Khartum gefunden. Laut Bosse-Huber gibt es im Sudan keine Rechtssicherheit für Christen. Sie seien eine kleine verfolgte Minderheit. Der Fall Ishag sei nur eine von vielen Menschenrechtsverletzungen. Die Islamisierung des Bildungssystems werde systematisch durchgesetzt und die Ausübung der christlichen Religion unterbunden. Kirchengebäude würden abgerissen, Grundstücke beschlagnahmt und Bibelschulen abgebrannt. Christen seien aber nicht die einzigen Verfolgten. Dazu zählten beispielsweise auch oppositionelle muslimische Gruppen. Grundsätzlich gehe es aber bei gewalttätigen Auseinandersetzungen nicht immer um Religion, sondern vielfach auch um ethnische Konflikte, so Bosse-Huber. Die Kirchen sähen ihre besondere Verantwortung darin, durch interreligiösen Dialog für Frieden und Menschenrechte einzutreten.