17.03.2014
Ukraine: Sind Minderheiten auf der Krim in Gefahr?
Menschenrechtler: Die Lage für Ukrainer und Tataren könnte kritischer werden
Ukraine: Sind Minderheiten auf der Krim in Gefahr?
Menschenrechtler: Die Lage für Ukrainer und Tataren könnte kritischer werden
Simferopol/Frankfurt am Main/Hannover (idea) – Menschenrechtler befürchten, dass sich die Situation der Minderheiten auf der ukrainischen Halbinsel Krim nach einem Anschluss an Russland verschlechtern wird. Für eine solche Eingliederung hatten sich am 17. März 95,5 Prozent der Teilnehmer einer Volksabstimmung ausgesprochen, wie die Wahlleitung mitteilte. Die Beteiligung habe bei 82 Prozent gelegen. Ukrainische Medien warfen Russland vor, das Referendum manipuliert zu haben. Russische Staatsbürger, die nicht in den Wählerlisten gestanden hätten, seien eingeflogen worden, um ihre Stimmen abzugeben. Auf der Krim leben rund 1,8 Millionen Bürger. Rund 60 Prozent haben russische, etwa 25 Prozent ukrainische Wurzeln. Daneben gibt es die muslimisch geprägten Krim-Tataren (zwölf Prozent) und weitere Minderheiten. Die Europäische Union und die USA lehnen die Abstimmung als völkerrechtswidrig ab und drohen Russland mit weiteren Sanktionen. Wie der Sprecher der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM), Martin Lessenthin (Frankfurt am Main), auf Anfrage der Evangelischen Nachrichtenagentur idea sagte, könnte sich ein Teil der russischen Bevölkerung auf der Krim radikalisieren, und insbesondere die Lage der Ukrainer, die zur Demokratiebewegung gehören, kritischer werden. Möglich sei auch, dass es zu Benachteilungen für die tatarische Minderheit komme. Grundsätzlich bestehe immer die Gefahr, dass die Veränderung territorialer Grenzen „gravierende Menschenrechtsverletzungen“ nach sich ziehe. Auch Auswirkungen auf die Religionsfreiheit seien denkbar. Teile der prorussischen Mehrheitsbevölkerung der Krim betrachteten etwa griechisch-katholische und evangelische Christen als Fremdkörper.
EKD: Minderheiten auf der Krim schützen!
Die Auslandsbischöfin der EKD, Petra Bosse-Huber (Hannover), bezeichnete das Referendum gegenüber idea als einen Bruch des Völkerrechts. Zu lösen sei die Krise aber nur auf den Wegen des Gesprächs und der Diplomatie. Im Blick auf Sanktionen der Europäischen Union gegen Russland erklärte die Theologin: „Sie müssen so gestaltet sein, dass eine Rückkehr zum Dialog möglich bleibt.“ Ziel der europäischen Partner müsse es sein, mit Russland wieder eine gemeinsame Sprache zu finden, ohne die Integrität und Selbstbestimmung der Ukraine zu beeinträchtigen. Die EKD setze sich mit vielen ökumenischen Partnern für eine friedliche Lösung der „spannungsreichen Lage“ ein. Die Verantwortlichen auf der Krim müssten die Minderheiten – auch die religiösen – sowie Andersdenkende schützen.
Drei katholische Priester vorübergehend entführt
Laut Bosse-Huber waren am 15. und 16. März vorübergehend drei griechisch-katholische Priester entführt worden. Sie seien aber wieder in Sicherheit. Die Priester galten, so die Auslandsbischöfin, als Unterstützer der Ukraine. Nach Angaben der dortigen griechisch-katholischen Kirche wurden Geistliche auch aufgefordert, die Krim zu verlassen. So hätten Unbekannte an die Wohnungstür eines Priesters geschrieben: „Spione des Vatikan raus“. Der Patriarch der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche, Filaret (Kiew), berichtete, dass Mitglieder seiner Kirche entführt und massiv bedroht worden seien. Er befürchte ein Verbot seiner Kirche, wenn es zum Anschluss der Krim an Russland komme. Sowohl die orthodoxe Kirche in Kiew als auch die griechisch-katholische Kirche wenden sich gegen eine Abspaltung der Halbinsel von der Ukraine.
Gebet für Frieden und Versöhnung
Der deutsche evangelisch-lutherische Pfarrer in Simferopol, Markus Göring, rief zum Gebet für Frieden und Versöhnung auf. Es gelte jetzt, Kraft und Trost aus dem Wort Gottes zu ziehen und sich nicht in „politische Grabenkämpfe“ zu begeben, sagte er gegenüber ideaFernsehen. Die Situation sei weiter „ziemlich gespannt“, weil man nicht wisse, wie es weitergehe. Es gebe neben den politischen auch wirtschaftliche Ängste. Angesichts des Wertverfalls der ukrainischen und der russischen Währung machten sich zum Beispiel Rentner Sorgen, ob sie in Zukunft finanziell noch über die Runden kämen. Positiv sei, dass Gemeindemitglieder wieder aus dem Haus gehen und sich in der Kirche treffen könnten.
Russische Baptisten: Auf Schuldzuweisungen verzichten
Der Direktor der Abteilung für Außenbeziehungen der Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten, Pastor Vitali Vlasenko (Moskau), hat die Christen in aller Welt dazu aufgerufen, im Konflikt zwischen Russland und der Ukraine auf Schuldzuweisungen zu verzichten. Es gelte von Jesus zu lernen, der Menschen nicht in „Freunde“ oder „Feinde“ eingeteilt habe. „Gott ist derselbe, gestern, heute und in Zukunft“, schrieb Vlasenko in einem elektronischen Brief an „Freunde in aller Welt“. Gott sei nicht parteiisch: „Auch wir müssen unsere und Gottes Liebe beiden Seiten zeigen.“