05.05.2014
Ukraine: Pastor macht Russland für die Gewalt verantwortlich
Ralf Haska: Die Unruhen werden von einigen Hundert Leuten angestachelt
Ukraine: Pastor macht Russland für die Gewalt verantwortlich
Ralf Haska: Die Unruhen werden von einigen Hundert Leuten angestachelt
Kiew/Simferopol (idea) – Die gewalttätigen Konflikte im Osten der Ukraine werden von Russland gesteuert. Davon ist der Pastor der deutschen evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde St. Katharina in Kiew, Ralf Haska, überzeugt. Wie er der Evangelischen Nachrichtenagentur idea am Rande eines Besuchs im Pommerschen Evangelischen Kirchenkreis sagte, gab es nie zuvor solche schweren Auseinandersetzungen zwischen russisch und ukrainisch sprechenden Ukrainern. Haska: „Das kommt von außen.“ Die Separatisten im Osten hätten modernste Waffen: „Es ist ganz deutlich, dass die von Russland ausgerüstet wurden.“ Auch seien russische Spezialkräfte im Einsatz. Die Unruhen in der Region würden von „ein paar Hundert Leuten“ angestachelt. Doch stießen sie auf keine große Zustimmung. Haska: „Das sieht man daran, dass nirgends Tausende auf die Straße gehen für eine stärkere Anbindung an Russland.“
Wenig Interesse an einer Spaltung des Landes
Allerdings seien die Menschen im ganzen Land sehr nervös und in großer Angst vor einem möglichen Einmarsch russischer Truppen. Haska hofft, dass am 25. Mai – wie angekündigt – im ganzen Land Präsidentschaftswahlen stattfinden. Und er hoffe, „dass man der terroristischen Bedrohung im Osten der Ukraine Herr wird“. Ob es danach eine Volksabstimmung über die Zukunft der Ost-Ukraine gebe, müsse die Regierung entscheiden. Haska hält es für sehr wahrscheinlich, dass es dazu kommt. Er rechne damit, dass die Mehrheit eine ungeteilte Ukraine wolle.
Pfarrer ruft zum Gebet auf
Haska rief die Christen in Deutschland zum Gebet für die Ukraine auf: „Das sage ich nicht, weil ich Pfarrer bin, sondern weil ich weiß, wie Gebete die Welt verändern können. Wir haben das 1989 im Osten Deutschlands ja auch erlebt.“ Er warnt ferner davor, auf die russische Propaganda hereinzufallen. In Kiew sei keinesfalls eine faschistische Regierung an der Macht. Vielmehr habe eine Revolution stattgefunden. Die Übergangsregierung wolle das Land nach vorne bringen.
Auf der Krim froh über friedlichen Anschluss an Russland
Auch die Menschen auf der Schwarzmeer-Halbinsel Krim, die sich Mitte März von der Ukraine gelöst und Russland angeschlossen hatte, sind besorgt über die Lage in der Ost-Ukraine. Diese Einschätzung äußerte der seit 2012 dort tätige Pastor Markus Göring (Simferopol). Doch seien die meisten Bewohner „insgeheim froh, dass der Anschluss an Russland friedlich verlaufen ist“. Allmählich verbessere sich die wirtschaftliche Lage. Göring zeigte sich besorgt, dass sich die Ukraine immer stärker von der Krim abschotte. So lasse man Krim-Bewohner kaum noch einreisen. Die einzige Verbindung nach Russland über eine Fähre sei völlig überlastet. Auch der Zahlungsverkehr liege im Argen, nachdem sich die ukrainischen Banken weithin von der Halbinsel zurückgezogen, aber russische Geldinstitute noch nicht eröffnet hätten. Die Zukunft der sieben evangelisch-lutherischen Gemeinden mit ihren 200 Mitgliedern auf der Krim sei ungewiss. Die Kirchenleitung im ukrainischen Odessa dränge darauf, dass die Gemeinden weiter zur Deutschen Evangelisch-Lutherischen Kirche in der Ukraine (DELKU) gehören. Aber aus Russland kämen Stimmen, sich der Evangelisch-Lutherischen Kirche im europäischen Teil Russlands anzuschließen. Göring äußerte sich ferner bestürzt über die Eskalation der Gewalt in Odessa. Bei einem von Kämpfen zwischen prorussischen Kräften und ukrainischen Regierungsanhängern ausgelösten Feuer in einem Gewerkschaftshaus waren am 2. Mai über 40 Menschen ums Leben gekommen und mehr als 200 verletzt worden. Die meisten Opfer waren prorussische Aktivisten. Nach Görings Einschätzung zeigt der Vorfall, dass die beide Seiten auf Gewalt setzen.
Wer ist schuld an der Gewalt in Odessa?
Völlig anders schätzt der frühere Parlamentsabgeordnete und heutige Direktor der Missionsabteilung der Baptisten, Pavel Unguryan (Kiew), die Lage in Odessa ein. Prorussische Aktivisten hätten einen friedlichen Demonstrationszug für die Einheit der Ukraine angegriffen. Als die Gegenwehr überraschend immer stärker geworden sei, hätten sich die Russlandanhänger in das Gewerkschaftshaus zurückgezogen und mit Brandsätzen geworfen, durch die das Haus Feuer gefangen habe. Feuerwehr und Spezialeinheiten der Polizei hätten alles versucht, die Menschen zu retten. Doch diese hätten sich geweigert, das Haus zu verlassen. Unguryan: „Das ganze Land trauert über den sinnlosen und absurden Tod der 42 Menschen.“ Auch der Baptist ist davon überzeugt, dass die Gewalt „von außen nach Odessa“ hineingetragen wurde. In den Kirchen beteten Christen aller Konfessionen für Frieden: „Die Kirchen rufen die Menschen auf, sich gegenseitig zu vergeben und sich zu lieben – nach dem Vorbild Jesu Christi.“
Bibelvorrat in der Ukraine aufgebraucht
Unterdessen berichtete der Generalsekretär der Deutschen Bibelgesellschaft, Christoph Rösel (Stuttgart), in der Nachrichtensendung ideaHeute auf Bibel TV, dass die Nachfrage nach Bibeln in der Ukraine enorm gestiegen sei. In bedrohlichen Situationen setzten viele Menschen ihr Vertrauen in die Heilige Schrift. Wie idea erfuhr, sind die Bibelbestände der ukrainischen Bibelgesellschaft aufgebraucht. Gerade an Demonstranten auf dem Freiheitsplatz Maidan in Kiew seien viele Exemplare verschenkt worden. Inzwischen habe die Ukraine den Druck von 20.000 Bibeln auf Ukrainisch und Russisch in Auftrag gegeben.