13.12.2017
Schweiz: "Judenhass kommt aus muslimisch-arabischer Kultur"
Demonstration in Berlin: Fast alle Teilnehmer waren arabischer Abstammung - Schweizer Zeitung berichtet
Zürich (idea) – Juden werden in Deutschland immer häufiger von Muslimen angefeindet. Das berichten mehrere Tageszeitungen. Anlass sind die antisemitischen Ausschreitungen bei mehreren propalästinensischen Demonstrationen am 8. und 10. Dezember in Berlin. Dabei verbrannten Teilnehmer israelische Fahnen und skandierten Parolen wie „Israel, Kindermörder“ und „Tod Israel“. Auslöser für die Proteste war die Entscheidung von US-Präsident Donald Trump, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen. Die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) ist überzeugt: „Deutschlands neuer Judenhass kommt aus dem Einwanderermillieu.“ Polizei und Politik scheinen ihr zufolge noch unschlüssig, wie sie auf diese neue Erscheinungsform reagieren sollen. Wenn Rechtsextreme öffentlich gegen Juden hetzten, sei die Polizei vorbereitet und die gesellschaftliche Reaktion eingeübt. Doch der Judenhass, der nun bei Demonstrationen in Berlin, München und Hamburg deutlich wurde, „speist sich aus der muslimisch-arabischen Kultur“. Laut Augenzeugen waren in Berlin, so die NZZ, fast alle Teilnehmer arabischer Abstammung.
Der Judenhass wurde mit der Muttermilch aufgesogen
Die Vorsitzende der Liberalen Jüdischen Gemeinde Hannover, Ingrid Wettberg, sagte der Tageszeitung „Die Welt“ (Berlin), dass Flüchtlinge den Judenhass in ihrer Heimat „mit der Muttermilch aufgesogen“ hätten. Der Zentralrat der Juden habe die Gemeinden darauf hingewiesen, die Sicherheitsmaßnahmen zu verstärken. Der Geschäftsführer der Jüdischen Kultusgemeinde Groß-Dortmund, Leonid Chraga, wurde laut „Welt“ gemeinsam mit einem Trainingspartner offenbar wegen eines T-Shirts mit Davidstern in einem Fitnessstudio von arabischstämmigen Jugendlichen bedrängt.
Psychologe Mansour: Die Integration von Flüchtlingen verbessern
Die Berliner Staatssekretärin für bürgerschaftliches Engagement, Sawsan Chebli (SPD), forderte derweil Muslime in Deutschland auf, sich mehr gegen Antisemitismus zu engagieren: „Genauso wie Muslime als Minderheit erwarten, dass andere sich für sie einsetzen, wenn sie diskriminiert oder angegriffen werden, müssen sie ihre Stimme viel lauter erheben, wenn Juden in unserem Land bedroht werden.“ Cheblis Eltern sind in Israel geborene Palästinenser. Der deutsch-palästinensische Publizist und Psychologe Ahmad Mansour (Berlin) hält Verbesserungen bei der Integration von Flüchtlingen für nötig. Es müsse deutlich gemacht werden, dass Antisemitismus in Deutschland nicht geduldet wird, sagte er dem Tagesspiegel (Berlin): „Nur die, die in der Lage sind, die Verantwortung Deutschlands zu verinnerlichen und ihren Antisemitismus hinter sich zu lassen, können sich wirklich integrieren.“ Währenddessen hat der palästinensische Politiker und Philosoph Sari Nusseibeh die Anerkennung Jerusalems als Israels Hauptstadt durch Trump in einem Interview mit der Wochenzeitung „Die Zeit“ (Hamburg) als „extrem schlau“ bezeichnet. Ihm zufolge ist es Teil eines Plans, mit dem Trump Palästinenser und Israelis dazu bringen wolle, wieder miteinander zu sprechen. Er setze damit beide Seiten unter Druck.
Studie: Antisemitismus ist unter arabischen Flüchtlingen weit verbreitet
Man muss in Syrien judenfeindlich sein, um keine Probleme zu bekommen
Berlin (idea) – Antisemitisches Denken und die Ablehnung des Staates Israel sind unter syrischen und irakischen Flüchtlingen weit verbreitet. Das geht aus einer nicht repräsentativen Studie des Amerikanischen Jüdischen Komitees (AJC) hervor, die am 13. Dezember in Berlin vorgestellt wurde. Im Auftrag der Organisation hatte der Antisemitismusforscher Günther Jikeli (Potsdam) im vergangenen Dezember 68 Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak in insgesamt 16 Gruppeninterviews befragt. In den Gesprächen wurde laut Studie eine unterschwellige Israelfeindlichkeit deutlich. Auch eine starke Tendenz zu Verschwörungstheorien sei zu beobachten, denen zufolge zum Beispiel Juden für die Anschläge am 11. September 2001 in den USA verantwortlich sein sollen. Ein Grund für die antisemitische Haltung der Flüchtlinge sei die verwurzelte antisemitische Grundhaltung in den Herkunftsländern. Einige Befragte gaben an, dort sei eine Sympathie für Adolf Hitler und Abneigung gegen Juden üblich. Ein 36-jähriger Syrer erklärte im Interview, man müsse im Zweifelsfall judenfeindlich sein, um in Syrien keine Schwierigkeiten mit dem Regime zu bekommen. Weitere Faktoren seien eine antisemitisch geprägte Schulbildung und Berichterstattung in den Medien. Auch die Identifikation mit den Palästinensern verbinde „automatisch eine Feindschaft gegen Israel und Juden“. Zumeist trete der Antisemitismus aber „aufgrund anderer Sorgen“ im Alltag nicht zutage. Einige Interviewte äußerten die Bereitschaft, ihre Ansichten zu hinterfragen. Der Bericht empfiehlt, das als Chance zu nutzen. Angehörige ethnischer und religiöser Minderheiten in Syrien bzw. im Irak zeigten hingegen eine positivere oder neutrale Haltung gegenüber Juden. Insbesondere Kurden äußerten sich projüdisch und proisraelisch. Das Amerikanische Jüdische Komitee wurde 1906 in New York durch eine Gruppe von US-Juden mit deutschem Hintergrund in der Absicht gegründet, Antisemitismus zu bekämpfen. Heute hat die global aufgestellte Organisation 26 regionale US-Büros, zehn internationale Zweigstellen und über 30 Partnerschaften mit jüdischen Gemeinden weltweit. Direktorin der deutschen Zweigstelle in Berlin ist seit 2000 Deidre Berger.