03.06.2026
Kanada: Wie sich Kanada verändert
Sterbehilfe, Hassrede, Laizismus
(IDEA) Die Fußballweltmeisterschaft vom 11. Juni bis zum 19. Juli 2026 in Kanada, den USA und Mexiko rückt Nordamerika weltweit ins Blickfeld. In einem Gastbeitrag für IDEA erklärt die Kanadierin Janet Epp Buckingham, wie sich ihr Heimatland ethisch und religiös verändert.
Kanada, das riesige, aber mit mehr als 41 Millionen Einwohnern dünn besiedelte Land nördlich der Vereinigten Staaten, hat einen religiösen und politischen Weg eingeschlagen, der oft eher Westeuropa als seinem südlichen Nachbarn ähnelt. Rund 60 Prozent bezeichnen sich noch als Christen – ein Rückgang gegenüber 77 Prozent im Jahr 2001. Fast 35 Prozent der Kanadier gehören der römisch-katholischen Kirche an, was die französischen Wurzeln des Landes und die spätere irische Einwanderung widerspiegelt. Die Einwanderung prägt weiterhin das religiöse Leben Kanadas. Etwa ein Viertel der Bevölkerung wurde im Ausland geboren, und viele Einwanderer bringen starke religiöse Traditionen mit. Dadurch spielt der Glaube in Einwanderergemeinschaften oft eine bedeutendere Rolle als bei vielen in Kanada geborenen Bürgern. Die Zahl evangelikaler Christen in Kanada zu schätzen, ist schwierig. Forscher verwenden unterschiedliche Methoden, darunter konfessionelle Zugehörigkeit, gemeinsame Glaubensüberzeugungen und Praktiken oder Selbstbezeichnungen. Da sich diese Kategorien nicht vollständig überschneiden, wird in Umfragen der Anteil evangelikaler Christen meist zwischen sechs und zwölf Prozent der Bevölkerung geschätzt. Vereinzelt wachsen Gemeinden. Das findet vor allem dort statt, wo sie in theologisch konservativeren Traditionen stehen.
Medien interessieren Skandale
Der breitere Rückgang religiöser Identifikation ging mit einem sinkenden öffentlichen Interesse an religiösem Leben und Einfluss einher. In den 60er Jahren spielten Kanadas größte christliche Konfessionen eine bedeutende Rolle bei der Prägung gesellschaftlicher Werte und politischer Debatten. Heute richtet sich die öffentliche Aufmerksamkeit häufiger auf kirchliche Skandale als auf die Beiträge der Kirchen zu sozialen und moralischen Diskussionen. In jüngerer Zeit haben mehrere kontroverse Themen religiöse Leiter in die öffentliche Debatte gebracht. Dazu gehören Gesetzesänderungen zu Hassrede, die Ausweitung ärztlich assistierter Sterbehilfe und Diskussionen über eine strengere Form des Säkularismus in der Provinz Québec.
Gesetze gegen Hassrede
Kanada führte 1970 ein Gesetz ein, das Hassrede kriminalisierte, nachdem die Verbreitung von Hassliteratur zugenommen hatte. Das Gesetz versucht, Grundfreiheiten – insbesondere Religions- und Meinungsfreiheit – mit dem Schutz gefährdeter Gruppen vor Aufstachelung zu Hass und Gewalt in Einklang zu bringen. Bemerkenswert ist, dass es eine Ausnahme für Aussagen enthielt, die „in gutem Glauben“ („good faith“) zu einem religiösen Thema gemacht werden. Vor dem Hintergrund eines Anstiegs antisemitischer Vorfälle nach dem Ausbruch des Gaza-Israel-Konflikts schlug die kanadische Regierung eine Verschärfung des Gesetzes vor. Der Gesetzentwurf „C-9“ sieht vor, das öffentliche Zeigen terroristischer Symbole zu kriminalisieren und religiöse Gemeinschaften sowie ihre Gotteshäuser stärker zu schützen. Im Verlauf des Gesetzgebungsverfahrens wurde jedoch eine bedeutende Änderung eingeführt: die Abschaffung der Verteidigungsmöglichkeit „guter Glaube zu einem religiösen Thema“ bei öffentlicher Aufstachelung zu Hass. Befürworter dieser Änderung argumentieren, dass diese Ausnahme missbraucht werden könne, um antisemitische oder anti-LGBTQ+-Äußerungen zu rechtfertigen, die in religiöse Sprache gekleidet seien. Das Gesetz wurde mit dieser Änderung vom Unterhaus verabschiedet und wird derzeit im Senat beraten.
Christen in großer Sorge
Diese Entwicklung hat erhebliche Sorgen unter religiösen Leitern ausgelöst, insbesondere in christlichen Gemeinschaften. Die nationale Evangelische Allianz, die „Evangelical Fellowship of Canada“ (EFC), betonte beispielsweise, dass die „good faith“-Bestimmung eine wichtige Schutzfunktion erfüllt habe, damit das Strafrecht nicht unbeabsichtigt die Äußerung aufrichtig vertretener religiöser Überzeugungen einschränkt. Manche Stimmen gingen noch weiter und warnten, dass – selbst in einem Land, dessen Charta der Rechte und Freiheiten sowohl Religions- als auch Meinungsfreiheit garantiert – bereits das Zitieren biblischer Texte zu umstrittenen moralischen Themen künftig rechtliche Risiken bergen könnte. Angesichts der bisherigen Rechtsprechung zu Hassrede erscheint dies zwar unwahrscheinlich, doch ähnliche Fälle in Europa haben diese Sorgen verstärkt.
Assistierte Sterbehilfe ausgeweitet
Die kanadische Regierung legalisierte 2016 die „Medical Assistance in Dying“ (MAiD), also ärztlich assistiertes Sterben. Zuvor hatte der Oberste Gerichtshof Kanadas die Entkriminalisierung dieser medizinischen Sterbehilfe verlangt. Während die ursprüngliche Gerichtsentscheidung ein „streng begrenztes und sorgfältig überwachtes Ausnahmesystem“ vorsah, wurde MAiD seitdem rasch ausgeweitet. Inzwischen ist diese Form der Sterbehilfe die fünfthäufigste Todesursache in Kanada. Gleichzeitig wurden besorgniserregende Berichte bekannt: Militärveteranen, Menschen mit Behinderungen und ältere Menschen schilderten, dass ihnen notwendige medizinische Versorgung verweigert wurde, während ihnen MAiD als Alternative angeboten wurde. Die aktuelle öffentliche Debatte dreht sich darum, ob MAiD sogar auf Menschen ausgeweitet werden soll, deren einzige medizinische Diagnose eine psychische Erkrankung ist.
Bedenkzeit abgeschafft
Die ursprüngliche Gesetzgebung zu MAiD war bewusst eng gefasst. Sie galt nur für Menschen, deren Tod „vernünftigerweise vorhersehbar“ war und die unerträgliches Leid erlebten. Eine spätere Gerichtsentscheidung erklärte diese Einschränkung jedoch für verfassungswidrig, weil sie Menschen ausschloss, die unter schwerem und anhaltendem Leid litten, ohne am Lebensende zu stehen. Daraufhin brachte die Regierung das Gesetz „C-7“ ein. Dieses hob nicht nur die Voraussetzung auf, dass der Tod vorhersehbar sein müsse, sondern schaffte auch die verpflichtende zehntägige Bedenkzeit ab, so dass in manchen Fällen Begutachtung und Durchführung am selben Tag möglich wurden. Während des Gesetzgebungsverfahrens wurde außerdem eine Änderung eingeführt, die eine Berechtigung allein aufgrund psychischer Erkrankung ermöglichen sollte. Diese Regelung wurde jedoch mehrfach verschoben und ist bislang nicht in Kraft getreten. Angesichts der Kontroversen um eine solche Ausweitung hat ein Sonderausschuss aus Abgeordneten und Senatoren kürzlich eine umfassende Überprüfung abgeschlossen und wird bald Empfehlungen vorlegen. Christliche Organisationen und christliche Mitarbeiter im Gesundheitswesen haben von den Gerichtsverfahren bis hin zum jüngsten Parlamentsausschuss Bedenken gegen diese Praxis geäußert, insbesondere hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf Menschen in verletzlichen Lebenssituationen.
Laizismus in Québec
Québec, Kanadas überwiegend französischsprachige Provinz, hat eine besonders strenge Form des Laizismus eingeführt. 2019 verabschiedete die Provinzregierung das Gesetz 21. Es verbietet bestimmten Beschäftigten des öffentlichen Dienstes in Autoritätspositionen, sichtbare religiöse Symbole während der Arbeit zu tragen. Dies betrifft Polizisten, Lehrer und Staatsanwälte sowie andere Beamte mit direktem Kontakt zur Öffentlichkeit.
Keine öffentlichen religiösen Praktiken
Kürzlich verabschiedete Québecs Provinzregierung zudem Gesetz 9, das den Kreis der betroffenen Beschäftigten erweitert. Außerdem schränkt das Gesetz „kollektive religiöse Praktiken“ im öffentlichen Raum ein – außer unter bestimmten, eng definierten Umständen. Obwohl allgemein angenommen wird, dass sich die Regelung vor allem gegen sichtbare Ausdrucksformen muslimischen Glaubens richtet – insbesondere das öffentliche Gebet –, reichen ihre Auswirkungen weiter. Auch andere Formen öffentlichen religiösen Ausdrucks, etwa Osterfrühgottesdienste im Freien, fallen darunter. Bemerkenswert ist, dass die Behörden trotz Inkrafttretens des Gesetzes kurz vor Ostern nicht gegen solche Veranstaltungen vorgingen. Ebenso durfte die jährliche Santo-Cristo-Prozession in Montreal – organisiert von der portugiesischen Gemeinschaft und mit einer Christusstatue – am 17. Mai stattfinden, obwohl zunächst keine Genehmigung erteilt worden war. Sowohl Gesetz 21 als auch Gesetz 9 stützen sich auf die sogenannte Ausnahmeklausel der kanadischen Charta. Diese Verfassungsbestimmung erlaubt es Regierungen, Gesetze für jeweils fünf Jahre vor bestimmten gerichtlichen Überprüfungen zu schützen. Gegen Gesetz 21 läuft derzeit eine Klage mit der Begründung, es verletze die in der Charta garantierte Religionsfreiheit. Der Oberste Gerichtshof Kanadas hörte im März die Argumente an; eine Entscheidung wird später in diesem Jahr erwartet.
Stellung beziehen
Die Evangelische Allianz, die fast zwei Millionen evangelikale Christen vertritt, bringt sich in all diesen Debatten ein. Die EFC versucht, biblische Prinzipien durch Stellungnahmen im Parlament, Gespräche mit gewählten Politikern und Beteiligung an wichtigen Gerichtsverfahren in politische Debatten einzubringen. Julia Beazley, Direktorin für öffentliche Politik der EFC, erklärt: „Für gute Gesetze einzutreten, ist eine der Arten, wie wir unseren Nächsten lieben.“ MAiD lehnt sie ab. Denn Kanada solle, so Beazley, „ein Ort sein, an dem Menschen medizinische Behandlung erhalten können – wo Nachbarn beim Leben unterstützt und nicht beim Sterben begleitet werden“. Die EFC hat Stellungnahmen zu Gesetzen gegen Hasskriminalität eingereicht, an parlamentarischen Überprüfungen der Sterbehilfepolitik teilgenommen und Analysen sowie Diskussionen zu den Laizismusgesetzen Québecs bereitgestellt. Damit setzt sie sich weiterhin für den Schutz der Religionsfreiheit und die Würde verletzlicher Menschen in Kanadas sich wandelnder kultureller und rechtlicher Landschaft ein. Was Kanada von den USA unterscheidet: Der christliche Nationalismus ist hierzulande weder so ausgeprägt noch so einflussreich wie im südlichen Nachbarland. Stattdessen müssen sich Evangelikale und andere Christen ihren Platz im öffentlichen politischen Diskurs erst verdienen. Häufig arbeiten sie deswegen mit interreligiösen Bündnissen zusammen – damit ihre Stimmen überhaupt gehört werden.
Janet Epp Buckingham ist Direktorin des Genfer Büros der Weltweiten Evangelischen Allianz bei den Vereinten Nationen.