14.06.2026

China: Beitrag zur Weltmission

Christen in China stehen oft wegen Verfolgung im Fokus. Weniger bekannt ist ihr wachsendes Engagement für die Weltmission: Mit der Initiative „Mission China 2030“ wollen sie Tausende Missionare in alle Welt entsenden.

(IDEA) Tianji Ma stellt die Bewegung vor.

Der Machtanspruch der Kommunistischen Partei in China ist allumfassend. Daher erstaunt es nicht, dass westliche Medien bei der Berichterstattung über die dortigen Christen ihr Hauptaugenmerk vor allem auf die Christenverfolgung legen. Sie ist tatsächlich real: Immer wieder werden Pastoren verhaftet, Gemeinden geschlossen, Christen überwacht. Und doch existiert inmitten dieser schwierigen Lage eine erstaunliche Dynamik: Denn chinesische Christen wollen ihren Teil zum weltweiten Missionsauftrag beitragen.

Kreative Wege der Mission

Eine der ambitioniertesten evangelikalen Missionsinitiativen der Gegenwart ist „Mission China 2030“ (MC2030). Sie will bis zum Jahr 2030 so viele chinesische Missionare wie möglich aus den Hauskirchen in alle Welt entsenden. Heute sind bereits Tausende im Ausland tätig, viele in Asien und im Nahen Osten. Ihre genaue Zahl kann aus Sicherheitsgründen nicht genannt werden. Doch dass eine solche Bewegung aus einem Land mit massiver staatlicher Kontrolle hervorgeht, ist ein erstaunliches Phänomen – und kein Widerspruch: Chinesische Christen sind es gewohnt, kreative Wege zu finden, auch unter Druck ihren Glauben zu leben und weiterzugeben. Diese Gabe nutzen sie ebenso für die Weltmission.

„Evangeliumsschulden“ begleichen

Die Vision der Initiative MC2030 entstand bereits 2013 auf einer Konferenz im südkoreanischen Seoul. Drei Jahre zuvor hatten die chinesischen Behörden vor allem Hauskirchenleiter aus dem städtischen Raum Chinas an der Teilnahme am 3. „Lausanner Kongress für Weltevangelisation“ in Kapstadt (Südafrika) gehindert. In Seoul suchten die Geistlichen nun auf eigene Initiative nach neuen Formen internationaler Zusammenarbeit. Damals formulierten die Teilnehmer die Vision, bis zum Jahr 2030 20.000 Missionare aus China zu entsenden. Die hohe Zahl ist eher symbolisch zu verstehen. Sie zollt den geschätzt 20.000 westlichen Missionaren Respekt, die in den vergangenen Jahrhunderten das Christentum nach China brachten – als Ausdruck ihrer Dankbarkeit dafür und zur „Begleichung einer Evangeliumsschuld“. Die Zahl ist dabei weniger ein echtes Ziel als vielmehr ein Ausdruck von Glauben und Sendungsbewusstsein. Dahinter steht die wachsende Überzeugung, dass die chinesische Kirche nicht mehr nur Empfängerin, sondern aktive Gestalterin der Weltmission ist.

In Traditionslinie mit älteren Bewegungen

Missionarisch aktiv zu sein, ist für Chinesen ein langgehegter Wunsch. MC2030 steht so in einer Traditionslinie mit „Back to Jerusalem“ („Zurück nach Jerusalem“, BTJ). In den 40er Jahren entstand die Vision, Missionare entlang der historischen Seidenstraße bis nach Jerusalem zu entsenden. Sie ist ein theologischer, missiologischer Ansatz, der bis in die heutige Zeit wirkt. Während BTJ damals stark von Endzeiterwartung und leidensbereitem Enthusiasmus geprägt war, ist MC2030 moderner organisiert: Die Missionsinitiative legt großen Wert auf Ausbildung, Kooperation und Nachhaltigkeit. So erhalten die Missionare etwa ein interkulturelles Training und Sprachunterricht, bevor sie ausgesandt werden. Anders als die BTJ-Bewegung versteht sich MC2030 überdies als Bewegung mit weltweiter Perspektive. Dafür arbeitet sie mit internationalen Werken zusammen. Die so entstandenen Netzwerke ermöglichen Schulungen von chinesischen Missionaren in ihrem Heimatland, aber auch im Ausland.

Zwischen Strategie und Einschränkung

Die jüngere Generation chinesischer Kirchenführer denkt globaler und strategischer als ihre Vorgänger. Viele von ihnen sind theologisch gut ausgebildet und international vernetzt. Auch wenn sie neue Ansätze für ihre Missionsbestrebungen verfolgen, arbeiten sie vor allem im Verborgenen. Dass in China die Verfolgungssituation nicht überall gleich schwer ist, spielt der Bewegung in die Karten: Es gibt Regionen mit größerer Freiheit. In anderen hingegen ist Anpassungsfähigkeit gefragt, um weiter arbeiten zu können. Trotz der staatlichen Kontrolle gelingt es auf diese Weise, Missionare zu entsenden – manchmal unter ziviler Tarnung, etwa als Gastarbeiter, manchmal über Geschäftsstrukturen, jedoch immer mit erheblichem persönlichen Risiko. Da die Christen schon sehr lange unter diesen Bedingungen in China leben, sind sie sehr erfinderisch geworden. So blieben die Missionare von MC2030 bislang von den chinesischen Behörden und auch im Ausland unbehelligt – wohl aufgrund ihres extrem vorsichtigen Vorgehens.

Immer mehr Gemeinden kommen hinzu

Im Westen bleibt MC2030 bisher noch kaum beachtet. Das liegt an mehreren Faktoren: Die politische Lage in China erschwert verlässliche Informationen, denn viele Aktivitäten werden bewusst geheim gehalten. Hinzu kommt, dass die Initiative theologisch konservativ und von der „Lausanne“-Bewegung geprägt ist – also weniger Aufmerksamkeit in akademischen und medialen Kreisen findet, die oft charismatische oder progressive Strömungen bevorzugen. Trotz aller Hindernisse wächst MC2030: Jahr für Jahr schließen sich neue Gemeinden unterschiedlichster Denominationen an. Die Vision hat eine mobilisierende Kraft, selbst wenn viele Projekte klein beginnen und manchmal auch scheitern.

Mission kein Thema nur des Westens

MC2030 erinnert daran, dass Mission längst nicht mehr vom Westen ausgeht. Der globale Süden – und besonders Asien – wird zunehmend zur tragenden Kraft der Weltmission. Das fordert auch die westlichen Kirchen heraus: zu Demut, zur Partnerschaft auf Augenhöhe und zur Bereitschaft, von nichtwestlichen Christen zu lernen. Vielleicht werden in Zukunft viele chinesische Missionare in Europa tätig sein – nicht weil sie stärker oder erfolgreicher wären, sondern weil sie neu zeigen, wie man unter Druck glaubwürdig lebt und Zeugnis gibt. MC2030 steht für Hoffnung und Herausforderung zugleich. Sie zeigt, wie stark die chinesische Kirche trotz staatlicher Repression ist – aber auch, wie verletzlich und begrenzt ihr Spielraum ist. Es ist eine Bewegung zwischen Vision und Wirklichkeit, zwischen Glauben und Gefahr. Darin spiegelt sich etwas von der weltweiten Kirche wider: unterschiedlich, zerbrechlich, aber getragen vom gleichen Missionsauftrag.

(Der Autor, Tianji Ma, ist Mitarbeiter des evangelikalen Missionswerkes „OMF International Deutschland“ mit Sitz in Mücke bei Gießen sowie Teamleiter für die Diaspora-Arbeit in Deutschland. Der Theologe ist zudem Doktorand an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal.)