22.01.2008
Türkei: Jugendlicher drohte damit, Pastor umzubringen
17-Jähriger ärgerte sich über die Internetseite der Gemeinde – Pastor protestiert gegen Freilassung
Türkei: Jugendlicher drohte damit, Pastor umzubringen
17-Jähriger ärgerte sich über die Internetseite der Gemeinde – Pastor protestiert gegen Freilassung
ISTANBUL, 11. Januar 2008 - Im türkischen Samsun wurde ein 17-Jähriger, der einen Pastor
und dessen Kirche bedroht hatte, am 6. Januar auf richterliche Anordnung freigelassen. Semih
Seymen hatte der Polizei gestanden, seit dem 29. Dezember 2007 Pastor Orhan Picaklar von der
Samsun Agape Church einige Male angerufen und ihm gedroht zu haben, ihn umzubringen.
Seyman habe sich über die Internetseite der Kirche geärgert. Dort fand er auch die Kontaktdate
des Pastors. Richter Sinan Sonmez vom Gericht für minderschwere Vergehen entschied, den 17-
Jährigen, der in der Nacht zuvor in seiner ca. 150 km von Samsun entfernten Heimatstadt Ordu
von der Sicherheitspolizei festgenommen worden war, „aufgrund seines jugendlichen Alters“
freizulassen. Allerdings dürfe der Mann die Türkei nicht verlassen und stehe weiter unter
richterlicher Aufsicht. Den Verhörprotokollen zufolge drohte er Pastor Picaklar: „Sie werden
sterben." Er habe nicht geplant, einen Anschlag auszuführen, sondern hätte den Pastor nur
ängstigen wollen, so Seymen. Er sagte der Polizei auch, dass er die katholische Kirche von
Trabzon angerufen habe, jedoch aufgelegt, als sich eine Frau meldete. Berichten zufolge hatte
der Jugendliche per Internet oder Telefon häufigen Kontakt mit zwei Männern in Bursa. Er
gestand, einen von ihnen am 5. Januar angerufen und geprahlt zu haben, er werde beim
Sonntagsgottesdienst am darauf folgenden Tag um elf Uhr in der Agapekirche von Samsun ein
„Massaker anrichten". Pastor Picaklar informierte die Polizei über die anonymen Drohungen. In
den letzten beiden Jahren wurden in der Türkei fünf Christen von jungen Extremisten ermordet.
Die Polizei hörte Seymens Telefon ab. Bei seiner Festnahme fand man eine
Schreckschusspistole.
Protest gegen Freilassung
Gegen die Freilassung des Jugendlichen protestierte Pastor Picaklar. „Der Angeklagte hat
gestanden", so Picaklar gegenüber der Tageszeitung Taraf vom 8. Januar. „Er sagte, er werde
ein Massaker anrichten. Das hörte auch die Polizei am Telefon. Doch weil er minderjährig ist,
wird er freien Fuß gesetzt.“ In seinem Widerspruch gegen die richterliche Anordnung wies
Picaklar darauf hin, dass die türkischen Jugendgesetze lediglich die Inhaftierung von
Jugendlichen unter 15 Jahren verbieten, und dass die in den letzten beiden Jahren wegen Mordes
an Christen verhafteten Männer zumeist unter 18 Jahre alt waren. Picaklar forderte eine
Strafverfolgung des Jugendlichen wegen seiner Tötungsabsicht. Sein Anwalt machte dem
Informationsdienst Compass Direct gegenüber deutlich, dass ein besonderes Gesetz mit Bezug
auf Drohungen erforderlich sei. „Töten ist der nächste Schritt! Deshalb muss es eine Strafe,
vielleicht ein Jahr Gefängnis, für das Aussprechen von Todesdrohungen geben. Das türkische
Gesetz ist hier zu nachsichtig." Pastor Picakar, ein vor 15 Jahren zum Christentum
übergetretener ehemaliger Muslim, leitet die Agape-Gemeinde von Samsun seit 2003. Von den
rund 71 Millionen Menschen in der Türkei sind schätzungsweise 120.000 Christen, darunter
armenisch-apostolische, syrisch-orthodoxe Christen, Protestanten verschiedener
Denominationen, römisch-katholische und griechisch-orthodoxe Christen.
Pastor: Ein schlimmes Jahr
Am 19. Dezember 2007 schrieb The Economist in einem Artikel („Warum Christen sich in der
Türkei bedroht fühlen") über das Sicherheitsproblem des Samsuner Pastors, für den 2007 „ein
schlimmes Jahr“ gewesen sei. Er sei mit dem Tode bedroht und seine Kirche mit Steinen
beworfen worden, berichtete das Magazin. Lokalzeitungen nannten ihn "einen ausländischen
Agenten". Eine Gruppe Jugendlicher versuchte, ihn zu entführen. Seine Bitten um Polizeischutz
blieben unbeachtet. Drei Tage später, am 22. Dezember 2007, erklärte Premierminister Recep
Tayyip Erdogan, die Mörder des katholischen Priesters Andreas Santoro, der drei Christen in
Malatya und die Angreifer verschiedener christlicher Geistlicher in Izmir seien islamische
„Ignoranten“. "Ein wahrer Türke könnte das nicht tun". In der Türkei stehe jeder auf gleicher
Höhe, so Erdogan. „99 Prozent der Bevölkerung der Türkei sind muslimisch. Aber in diesem
Land gibt es Anhänger anderer Religionen neben dem Islam. Ebenso wie wir Sicherheit für
Muslime in anderen Ländern erwarten, müssen sie in unserem Land in Sicherheit leben."
Compass Direct/OpenDoors