04.09.2008

China: Irgendwo in China...

China im Jahr 2008: Wachstum, Kontrolle und Erweckung Analyse der Lage im Reich der Mitte im Blick auf die Religionsfreiheit

China: Irgendwo in China...

China im Jahr 2008: Wachstum, Kontrolle und Erweckung

Analyse der Lage im Reich der Mitte im Blick auf die Religionsfreiheit

 

AKREF/PM - 04.09.2008 - Wie der Sonderbeauftragte der weltweiten evangelischen Allianz für internationale Beziehungen und Direktor des First-Step-Forum Pfr. Johan Candelin (Kokkola/Finnland) nach seiner jüngsten China-Reise berichtet, ist China ein Land, das am besten mit der Volksweisheit beschrieben wird: “Was auch immer du von China gehört hast, irgendwo im Reich der Mitte wird es zutreffen.” Dies trifft so zu, weil China eben ein riesengroßes Land ist mit einer Bevölkerung von über 1,3 Milliarden, mit Hunderten von Nationalitäten, zahlreichen regionalen Sprachen und vielen Religionen/Weltanschauungen. 

Wenn wir die Einstellung der Regierung in der Gegenwart im Blick auf Minderheiten, Menschenrechte und Religionsfreiheit verstehen wollen, so Candelin, dann gibt es zwei Begriffe: “Wachstum” und “Kontrolle”. Die Volkswirtschaft boomt, aber auch die Armut in manchen Gegenden dieses Riesenlandes. Auch das Verlangen nach Freiheit wächst. Nachdem die Regierung sehr genau die Bedeutung und die Rolle der Kirche bei den politischen Veränderungen in Polen auf dem Weg zur Demokratie beobachtet hat, ist die Regierung bemüht, das Wachstum der Kirche, die sie nicht kontrollieren kann, wenigstens einzudämmen.

Candelin  berichtet von Begegnungen mit über 30 Hauskirchen-Leitern in China, bei denen von markanten und wichtigen Veränderungen in China berichtet wurden:

1. Das Wachstum in den Kirchen ist heute nicht mehr so stark wie es vor 1995 war. Dennoch werden Zehntausende Chinesen täglich Christen in diesem Land, vielfach handelt es sich dabei um junge Leute. Diese Erweckung gibt es in den registrierten Kirchen wie auch in den nicht registrierten Hausgemeinden. Der Hauptgrund für das verminderte Wachstum in den letzten Jahren ist die Völkerwanderung der ländlichen Bevölkerung in die Städte. Hunderte von Millionen Menschen verändern ihren Wohnsitz. War in früheren Jahrzehnten die Erweckung und das Wachstum in den Gemeinden hauptsächlich auf dem Lande zu verzeichnen, so hat sich dieses Wachstum der Gemeinden nunmehr auf die Städte verlagert. Wenn arme, junge Menschen in die Stadt ziehen, müssen sie sehr hart arbeiten, um Fuß zu fassen, und es bleibt nicht viel freie Zeit, um sich mit anderen Dingen zu beschäftigen.

2. Die Schätzung der Pastoren, mit denen Candelin gesprochen hat, was die Zahl der Christen in China aktuell betrifft, war einheitlich. Die Kirchenvertreter waren der Meinung, dass es  ca. 75 Millionen Menschen sind, die sich heute in China zum Christentum bekennen (Die Regierung selbst hat - wohl im Sinne der Panikmache - letztes Jahr von 130 Millionen Christen im Land gesprochen). Ihren Schätzungen zu Folge sind es etwa 10 Millionen Katholiken und 65 Millionen Protestanten. Unter den Protestanten sind ca. 20-25 % die zur offiziellen “Dreiselbst patriotische Kirche” gehören, während der Löwenanteil von ca. 75-80 % zu der nicht registrierten und auch deshalb offiziell nicht anerkannten Hauskirche-Bewegung gehören. Die Hauskirche-Bewegung wuchs am stärksten zwischen 1965 und 1975, in welcher Zeit selbst die offizielle Kirche im Rahmen der Kultur-Revolution unterdrückt und verfolgt wurde. Die Zahl der Frauen in den Gemeinden beträgt etwa 70 %, Männer stellen die restlichen 30 % dar.

Ein sehr interessanter Trend ist, dass es “offizielle, nicht existierende Hauskirchen” gibt. So gibt es z.B. eine “Hauskirche”, die sich in aller Öffentlichkeit  zu Gottesdiensten in einer Stadt trifft und  ca. 400-600 Besuchern an jedem Sonntag zählt. Die Behörden wissen davon, aber schauen weg. Dieser Trend scheint sich an mehreren Orten durchzusetzen.  Irgendwo in China......

3. Die Leiter der Hauskirche-Bewegung (es gibt mindestens 20 Netzwerke innerhalb dieser Bewegung, das größte davon “China für Christus” mit ca. 10 Millionen Mitgliedern) sind im Durchschnittsalter jünger denn je. Diese junge Bewegung stellt einen großen Bedarf an guter Ausbildung dar. Die Jugend Chinas sieht sich durch die Herausforderungen der Moderne und des Säkularismus besonders herausgefordert.

Viele jungen Chinesen wollen ins Ausland gehen um zu Studieren, um danach wieder in ihre Heimat nach China zurück zu kehren. Ein Pastor sagte es so: “Ich bin heute nicht im Stande die Ansichten der Gesellschaft  so wiedergeben, wie es mein alter Pfarrer in den siebziger Jahren konnte, wenn ich vor Studenten mit Laptops und Internetzugang predige.  Ich muss eine bessere Ausbildung haben”.

4. Gerade die jüngeren in der Führung der neuen Hauskirche-Bewegung haben auch ein diakonisches Anliegen. Das Verlangen ist da, mit gesellschaftlich relevanten Projekten den hungernden, kranken und heimatlosen Menschen zu helfen. Die Regierung ist sich des großen Potentials, das die Kirche auf dem Gebiet haben könnte, sehr bewusst, ist aber auch vielleicht gerade deswegen restriktiv. Die Politik ist sich gar nicht so sicher, ob sie von ihr nicht kontrollierte Kräfte von gesellschaftlicher Relevanz dulden will. Candelin sieht die große Chance darin, dass die jungen Hauskirchen-Leiter und die Regierung zusammen in einer fruchtbaren Beziehung große Veränderungen in der chinesischen Gesellschaft herbei führen könnten. Manchen zu Folge, wären diese Veränderungen zu groß und zu gefährlich für den Status Quo. 

5. Die chinesischen Pastoren berichteten, dass es einen Anstieg in der Verfolgung von Christen gab, nachdem China die Zusage hatte, die olympischen Spiele 2008 ausführen zu dürfen. Dies trifft  jedoch auch wieder nur für  manche Gebiete Chinas zu. Im Februar 2007 fand die “Operation Taifun 5" statt. Mehr als 100 ausländische Christen mussten das Land verlassen, weil die Regierung die effektiven Arbeitsbeziehungen zwischen ausländischen Organisationen und Hauskirchen kappen wollte. Im Jahr 2007 gab es etwa 700 Übergriffe gegen Christen. Wiederum muss betont werden, dass dies von Region zu Region sehr unterschiedlich ausfiel: Shandong-Region hatte 334 Übergriffe, aber Sichun blieb gänzlich von Übergriffen verschont. Den einheimischen Pastoren zu Folge hat die Regierung eine “Zwei-Gesichter - Zwei-Hände” Taktik. Sie kann lächeln,  aber auch mit bösem Blick strafen, sie kann die weiche Hand oder harte Hand einsetzen, je nach Umständen.  Eine weitere Neuerung ist, dass viele Pastoren wegen angeblicher “finanzieller Verbrechen” inhaftiert wurden, nicht weil sie Gemeinden gegründet hatten - was eigentlicher Auslöser für deren Festnahme und Anklage war. Demzufolge kann die Regierung behaupten, dass die Pastoren  nicht wegen ihres christlichen Glaubens verfolgt werden.

6. Die Pastoren bitten mit den Grüßen,  die Johan Candelin für sie an uns in den Westen überbringt, um Fürbitte für die Beziehung zwischen den jungen Gemeinden und der Regierung, damit die Kirche in China mit diakonischen Projekten, die dringend benötigt werden, beginnen können. Sie bitten weiterhin um Fürbitte für die Ausbildung ihrer jungen Pastoren, dass ihnen die Möglichkeit gegeben wird, eine gute und relevante Ausbildung für ihren Dienst im modernen China zu erhalten. Am allermeisten aber  bitten sie um Fürbitte dafür, dass die Erweckung, die zig Millionen von Chinesen in das Reich Gottes hinein geführt hat, weiter geht, und dass die junge Generation ihr Augenmerk auf das Kreuz und nicht auf das Dollar-Zeichen als Zeichen der Hoffnung für die Zukunft richten.

Eines ist sicher: das Wachstum, das China während der letzten 30 Jahre erlebt hat, ist die größte Erweckung,  die die Welt je gesehen hat! Dafür können und sollen wir Gott danken und bitten, dass Gottes Geist weiterhin am Werk bleibt, nicht “irgendwo in China”, sondern überall in China!