30.10.2009
Nordkorea: Hungernde Menschen, verfolgte Christen
Nordkorea bleibt "das verschlossenste Land der Welt" - (epd-Gespräch)
Nordkorea: Hungernde Menschen, verfolgte Christen
Nordkorea bleibt "das verschlossenste Land der Welt" - (epd-Gespräch)
Stuttgart (epd). Ende September ist eine EKD-Delegation von einem Besuch in Süd- und Nordkorea zurückgekehrt. Mit dabei war Lutz Drescher, Ostasienreferent beim Evangelischen Missionswerk in Südwestdeutschland (EMS). Der Religionspädagoge und Diakoniewissenschaftler hat von 1987 bis 1995 in einer südkoreanischen Kirchengemeinde mitgearbeitet und war bereits drei Mal im kommunistischen Nordkorea. Im epd-Gespräch erläutert er, warum er eine Wiedervereinigung des geteilten Landes derzeit für unwahrscheinlich hält und in welcher Situation sich die Christen dort befinden.
Wenn es um Zahlen und Fakten aus Nordkorea geht, ist Lutz Drescher sehr zurückhaltend. "Nordkorea ist bis heute das verschlossenste Land der Welt. Niemand verfügt über gesicherte Informationen", sagt er. Doch selbst Schätzungen über den Zustand des Landes, wie sie etwa die Vereinten Nationen vornehmen, sind erschreckend genug. Die Lebenserwartung der 24 Millionen Nordkoreaner ist um zwölf Jahre niedriger als die der 48 Millionen Südkoreaner; 40 Prozent der Kinder gelten als mangelernährt, ein zwölfjähriger Nordkoreaner ist im Durchschnitt mindestens sechs Zentimeter kleiner als sein Altersgenosse im Süden.
"Manchmal bekommt man den Eindruck, die nordkoreanische Gesellschaft steht am Abgrund", sagt Drescher. Das Pro-Kopf-Einkommen habe sich in den vergangenen zwanzig Jahren fast halbiert. Es stelle sich die Frage, wie lange die Menschen die große Armut, die Kälte im Winter und die periodisch auftretenden Hungersnöte noch durchhalten.
Auch die Situation der Christen ist seit Jahrzehnten mehr als prekär. Offiziell leben 13.000 Protestanten und 4.000 Katholiken im Land. Dass es eine große Zahl von sogenannten Untergrundchristen im Lande gibt, wie es in manchen Berichten heißt, hält er für eher unwahrscheinlich. Dazu sei das Maß an Kontrolle in diesem Staat einfach zu groß.
Allenfalls sei es vorstellbar, dass es im nordkoreanisch-chinesischen Grenzgebiet einzelne Christen gebe. "Die 1.400 Kilometer lange Grenze zwischen Nordkorea und China kann nicht hermetisch abgeriegelt werden." Drescher sieht aber durchaus auch kleine Zeichen der Hoffnung. Bereits seit zehn Jahren ist "Campus für Christus" aus der Schweiz mit einem Ziegenprojekt und jüngst mit einem Projekt "Windräder" in Nordkorea präsent. Und im September wurde gemeldet, das atheistische Regime lasse eine christliche Privatuniversität zu.
Eine Wiedervereinigung von Nord- und Südkorea nach deutschem Vorbild ist nach Dreschers Einschätzung in nächster Zeit kaum zu erwarten. Im Süden sei die Gesellschaft tief gespalten, ob eine solche Vereinigung überhaupt wünschenswert wäre. Die Szenarien über die weitere Entwicklung des geteilten Landes reichten von Zusammenbruch und Krieg über eine Fortsetzung des gegenwärtigen Zustandes bis hin zu einem "Wandel durch Annäherung", der sich durch eine wachsende Zusammenarbeit entwickle.
Das Evangelische Missionswerk in Südwestdeutschland (EMS) ist ein Zusammenschluss von 23 Kirchen und fünf Missionsgesellschaften aus zehn Ländern, zu dem auch zwei südkoreanische Kirchen gehören. Das EMS hat anlässlich des 20. Jahrestages des Falls der Berliner Mauer einen "Aufruf zum Gebet" gestartet, der auch ins Koreanische übersetzt wurde. "Damit wollen wir ein Stück weit unserer historischen Verantwortung als Kirche in einem wiedervereinigten Land gerecht werden und zeigen, dass wir Anteil nehmen am Schmerz des immer noch geteilten koreanischen Volkes", so Drescher.
Internet: www.ems-online.org (2440/21.10.2009)