30.09.2009
Eritrea: "Grausamste Strafe war meine beste Zeit in Haft"
(KELKHEIM, 1. Oktober 2009) Das ostafrikanische Eritrea gehört zu den zehn schlimmsten Christenverfolgerstaaten weltweit. Die Regierung will die Kontrolle über das Volk behalten. Hart geht die Polizei daher gegen nichtgenehmigte Kirchen vor. Razzien in Hausgemeinden, Bibeln oder Computer von Christen werden beschlagnahmt und ganze Hausgruppen verhaftet. Derzeit sind über 2.800 Christen landesweit in Gefängnissen, Militärlagern oder Metallcontainern eingesperrt. Ob sie jemals freikommen, ist unklar.
Auch die eritreische Gospelsängerin Helen Berhane wurde für zweieinhalb Jahre weggesperrt. Mit Folter und Demütigungen versuchten die brutalen Wärter ihr den Glauben an Jesus auszutreiben. Halbtot geprügelt kam sie 2006 frei. Nach einer gefährlichen Flucht über den Sudan lebt die 35-Jährige heute mit ihrer Tochter Eva in Dänemark, das ihnen Asyl gewährte. Ein Mitarbeiter des Hilfswerks für verfolgte Christen Open Doors sprach mit Helen Berhane über die Zeit im Gefängnis.
Open Doors: Helen, Sie wurden vor fünf Jahren verhaftet. Wie kam es dazu?
Helen Berhane: Im Mai 2002 erklärte Präsident Afewerki in Eritrea nur die orthodoxe, die katholische Kirche sowie die Lutheraner und den Islam als staatlich anerkannte Religionsgruppen. Jede freie Gemeinde gilt somit als illegal; deren Mitglieder quasi wie Kriminelle verfolgt werden können. Viele Kirchen wurden seitdem geschlossen. Das Evangelium weiterzugeben, wurde also gefährlich. Ich suchte daher neue Wege, Jesus zu verkündigen und
gab 2003 eine CD mit christlichen Liedern heraus. Sie wurde landesweit bekannt. Eine Jugendgruppe lud mich zu Bibelkursen ein. An drei Abenden pro Woche trafen wir uns in einem privaten Haus. Nach einem Monat kam es dann dort zur Razzia durch die Polizei. Wir mussten alle nach draußen. Dort verprügelten uns die Polizisten und nahmen uns alle fest.
Open Doors: Es ist bekannt, dass gefangene Christen eingeschüchtert und gezwungen werden, ihrem Glauben abzuschwören. War das auch bei Ihnen so?
Helen Berhane: Jeden Abend sang ich in der Gefängniszelle für die anderen Gefangenen. Die Wärter befahlen mir, damit aufzuhören. Später brachten sie mich und ein paar andere Mithäftlinge in einen schlammigen Hof. Dort mussten wir niederknien. Es war sehr kalt und feucht. Eine Polizistin packte mich an meiner Nase und schrie mich an. Sie brüllte, ob ich bereit sei, diese christlichen Aktivitäten zu unterlassen. Aber ich blieb stumm. Am nächsten Morgen brachten sie uns in das Militärgefängnis von Adi Abito, außerhalb von Asmara. Als erstes sah ich dort drei Männer. Sie lagen auf dem Boden. Ihre Hände und Füße waren auf dem Rücken gefesselt. Ich erfuhr später, dass man diese Strafe die „Helikopterposition“ nennt.
Open Doors: Wie sah Ihr Alltag in diesem Militärgefängnis aus?
Helen Berhane: Ich fühlte die Gnade Gottes, die mir während dieser schweren Zeit Kraft gab und ich glaube, dass ich diese Gnade erfahren durfte, weil viele Menschen treu für mich beteten. Ich kann das mit Bestimmtheit sagen, denn ich konnte Dinge aushalten, bei denen ich normalerweise zusammengebrochen wäre. Eines Morgens wurde mir befohlen, zum Verhör nach draußen zu gehen. Aber wegen der Kälte in der Nacht konnte ich weder meine Beine noch meine Lippen bewegen. Ich gab ihnen zu verstehen, dass ich nicht sprechen kann und mich etwas aufwärmen muss. Sie gaben mir tatsächlich Zeit dafür: Sie ließen mich den ganzen Tag in der prallen Sonne stehen. Am Abend holten sie mich, um mich über eine Nachricht zu verhören, die ich an einen Mitgefangenen weitergegeben hatte.
Mutige Botschaften
Auf diesem Zettel hatte ich geschrieben, dass ich ermahnt wurde, nicht zu predigen; und dass ich dennoch weiterhin das Evangelium verkünden werde. Ich schrieb, dass dies der einzige Grund sei, weshalb ich im Gefängnis bin. Dann fragten die Wärter mich, warum ich nicht damit aufhöre. Ich antwortete, dass Jesus den größten Teil seiner Nächte im Gebet verbracht und am Tag gepredigt hatte. Ich sagte ihnen, ich müsse dem Beispiel meines Meisters folgen. Zur Strafe für meinen „Ungehorsam“ sperrten sie mich vier Monate lang in einen Metallschiffscontainer in Einzelhaft. Diese Bestrafung gilt als eine der grausamsten. Aber für mich war es die beste Zeit meiner Haft. Ich kam an Papier und einen Stift. Mit viel Freude schrieb ich Lieder und Zeugnisse. Jeden Tag schrieb ich vier oder fünf ermutigende Botschaften für meine Mitgefangenen.
Open Doors: Wie kam es zu Ihrer Freilassung?
Helen Berhane: Ich wurde schwer misshandelt. Mein ganzer Körper war ein einziger Schmerz. Eines Tages befahl uns eine Wache, sofort nach dem Essen nach draußen zu kommen. Dort erwartete uns wieder eine Prügelstrafe. Wir wurden neben dem Container angekettet und verprügelt. In der Sonnenhitze schmerzten meine Wunden noch mehr. Ich fühlte, dass ich bald sterben werde. Ich wurde ohnmächtig. Als ich wieder zu mir kam, war ich von Wärtern umgeben, die versuchten, mich aufzurichten. Meine Freunde flehten sie an, behutsam wegen meiner offenen Wunden zu sein. Erst dann sahen meine Peiniger, wie schlimm ich an diesem Tag zugerichtet wurde. Selbst in ihren Augen waren die Folterungen besonders hart.
Keine Spur von Gnade
Also kam ich in ein Krankenhaus, erhielt Schmerzmittel, doch später wurde ich in den Container zurückgebracht. Willkürlich erfanden die Wärter immer neue Vergehen, um uns zu bestrafen. Eines Tages beschloss einer, dass wir eine Strafe verdienten, weil wir seine Befehle nicht ausgeführt hätten. Wir mussten uns flach auf den Boden legen. Ich hatte noch immer starke Schmerzen, aber er nahm davon keine Notiz und verprügelte uns. So verschlechterte sich mein Zustand erneut. Ich verlor viel Blut, konnte nicht mehr gehen - nicht einmal bis zur Toilette. Die Monate vergingen. Schließlich wurde ich auf einer Trage erneut ins Krankenhaus von Asmara gebracht. Vielleicht ahnten sie, dass ich bald sterben würde, denn die Ärzte sahen keine Möglichkeit mehr, mich gesund zu pflegen. Ich wurde freigelassen und zu meinen Eltern zurückgebracht.
Open Doors: Vielen Dank, Helen, für den bewegenden Rückblick. Wir wünschen Ihnen Gottes Segen.