10.04.2011

Österreich/Nigeria: „Die Sharia muss weg“!

Kardinal Schönborn an der Spitze des traditionellen „Schweigemarsch für verfolgte Christen“ – Solidarität mit bedrängten Christen heuer im Zeichen Nigerias

Österreich/Nigeria: „Die Sharia muss weg“!

Kardinal Schönborn an der Spitze des traditionellen „Schweigemarsch für verfolgte Christen“ – Solidarität mit bedrängten Christen heuer im Zeichen Nigerias

 

Wien (kath.net/KAP): Hunderte Menschen in Begleitung von Kardinal Christoph Schönborn und Repräsentanten aller christlichen Kirchen nahmen am Freitagnachmittag in der Wiener Innenstadt am diesjährigen „Schweigemarsch für verfolgte Christen“ teil. Er stand heuer im Zeichen der Solidarität mit den bedrängten Christen vor allem in Nigeria und führte von der Oper zum Stephansdom, wo die Teilnehmer einen ökumenischen Wortgottesdienst feierten. Die Predigt hielt der diesjährige internationale „Gast“ beim Schweigemarsch, der nigerianische Caritasdirektor und langjährige Generalvikar der Diözese Enugu, Msgr. Obiora Ike.

Zu den Teilnehmern zählten u.a. der Wiener Weihbischof Franz Scharl, der evangelische Superintendent Hansjörg Lein und der syrisch-orthodoxe Bischofsvikar Emanuel Aydin. Der Schweigemarsch wird traditionell von der Hilfsorganisation „Christian Solidarity International“ organisiert.

Nigeria: Christen leiden unter Sharia: Msgr. Ike nahm am Rande des Schweigemarsches im „Kathpress“-Gespräch zur Situation in Nigeria Stellung. Ein großes Problem für die Entwicklung Nigerias stelle die Sharia dar. Eigentlich sollte Nigeria ein säkularer Staat sein, in der Verfassung sei die Religionsfreiheit verankert. „Aber in zwölf der insgesamt 36 Bundesstaaten haben wir die Sharia als Gesetzesgrundlage“, so Ike. Weitere sechs Bundesstaaten wollten ebenfalls ihre Gesetzgebung umstellen. Dies berge jede Menge Konflikte in sich.

Christen litten unter dieser Gesetzgebung, so Ike. In den Sharia-Bundesstaaten könnten sie kein Grundstück für den Bau einer Kirche erwerben. In einigen Sharia-Bundesstaaten hätten Christen Probleme, Arbeit zu finden oder Bankkredite aufzunehmen. Auch mediale Präsenz bleibe Christen verwehrt. Dabei seien in manchen dieser Staaten Christen zahlenmäßig sogar stärker als Muslime. Die Position der Kirche sei eindeutig: „Die Sharia muss weg.“ Sonst sei keine Religions- und Gewissensfreiheit und damit letztlich auch keine Entwicklung möglich.

Im Blick auf die gewaltsamen Konflikte zwischen den Angehörigen der Religionsgemeinschaften – insbesondere in den „Hotspots“ Jos und Kano – sagte Ike, Gewalt könne keinesfalls akzeptiert werden. Die einzige Chance sieht er im Dialog. Der Islam befinde sich gegenwärtig in einer schwierigen Entwicklungsphase, so der langjährige Generalvikar der Diözese Enugu. Die „islamische Reformation“ stehe an und das führe u.a. zur Bildung von Splittergruppen, darunter auch gewaltbereiten wie die radikalen islamistischen „Boko Haram“-Bewegung. Diese Gruppierungen seien aber nur eine verschwindende Minderheit. Politische Kräfte versuchten, junge arbeitslose und ungebildete Nigerianer für ihre Zwecke zu instrumentalisieren, kritisierte Ike.

Kritik an Koranverbrennung: Scharf ging Ike mit der Koranverbrennung des radikalen US-Prediger Terry Jones im US-Bundesstaat Florida ins Gericht. Dies sei eine völlig unverständliche Handlung, die von großer Intoleranz zeuge, so Ike. Dass dies Muslime aufbringe, sei verständlich, auch wenn Gewalt nicht toleriert werden dürfe. Generell seien die Nigerianer friedliebende Menschen, Christen wie Muslime. Und sie würden in der Regel auch gut miteinander auskommen. Nigeria sei ein riesiges Land, die Gewalt sei auf wenige Orte beschränkt, werde medial aber hochgespielt. Trotzdem bestehe Grund zur Sorge. In seiner Diözese seien die Muslime nur eine verschwindende Minderheit von nicht einmal einem Prozent. Trotzdem: „Wenn es in einem Teil Nigerias Probleme gibt, dann betrifft das auch alle anderen Teile.“

Besondere Bedeutung komme dem interreligiösen Dialog zu. Entsprechende Einrichtungen und Gremien gebe es bundesweit wie auch regional, das Verhältnis zwischen den Religionen sei gut. Gewalttaten islamistischer Extremisten würden stets von Christen und Muslimen gemeinsam verurteilt. Religion müsse ein mobilisierendes Element für mehr Friede und Gerechtigkeit sein, so der Caritasdirektor. Es gelte sich gemeinsam auf die soziale und wirtschaftliche Entwicklung des Landes zu konzentrieren.

Zweifel von außen an der Demokratiefähigkeit Nigerias wies Ike zurück. Man dürfe keine europäischen Standards anlegen. Vorkommnisse wie jetzt, dass Parlaments- und Präsidentenwahlen kurzfristig abgebrochen und verschoben wurden, sei auf praktische Probleme und fehlende Infrastrukturen zurückzuführen. Die Wahlen würden aber stattfinden und er sei zuversichtlich, dass diese gut verlaufen würden, so Ike.

„Pulsierendes religiöses Leben“: Die Diözese Enugu umfasst rund 3,5 Millionen Katholiken. Ike sprach von einem „pulsierenden religiösen Leben“. Nigeria sei das Land mit den meisten Priester- und Ordensberufungen weltweit. Allein heuer würden in Nigeria 670 Weltpriester geweiht. In seiner Diözese seien es 25. 15.000 Kandidaten würden derzeit in Priesterseminaren ausgebildet. Dazu kämen noch zahlreiche Berufungen in den Orden. Er würde es auch sehr begrüßen, wenn einige dieser Priester nun in Europa wirken könnten, betonte Ike. Die Glaubens- und Kirchenkrise in Europa habe den Tiefpunkt erreicht. Afrika sei bereit, dem alten Kontinent zu helfen, „damit es wieder aufwärts geht“; etwa mit nigerianischen Priestern, so Ike, der selbst einen Teil seiner theologischen Studien in Innsbruck absolviert hat.

KathTube: Obiora Ike spricht auf Deutsch in einem kurzen Audio zum Thema „Jesus Christus ist der Weg der Menschheit„